Wider der Polemik, für eine Problemlösung

Ein Kommentar zur Hartz-IV-Debatte von Sebastian Martin

Provozieren können sie beide gut: Thilo Sarrazin, Mitglied im Bundesbank-Vorstand, hat es wiederholt beeindruckend vorgemacht, Guido Westerwelle hat als führender deutscher Politiker mit seinem Vermerk auf die spätrömisch dekadenten Verhältnisse nachgezogen.

Beide können wohl nicht miteinander, was die letzte Äußerung Sarrazins in der Süddeutschen Zeitung vom 1. März 2010 verdeutlicht. Er stellt dem Vize-Kanzler ein „intellektuelles Armutszeugnis“ aus. Im Kern sind sich beide jedoch einig: Dem faulen Pelz am unteren Ende der Gesellschaft muss Beine gemacht werden. Konstruktive Vorschläge zur Lösung der Hartz-IV-Frage hat es jedoch weder vom ehemaligen Berliner Finanzsenator noch vom amtierenden FDP-Chef gegeben. Es ist viel davon die Rede, dass Gelder umverteilt und Leistungsgerechtigkeit wieder hergestellt werden muss.

Dass die Debatte auch anders laufen und sich an der Wurzel des Problems einhaken kann, zeigt dabei der Philosoph und Schriftsteller Richard David Precht. Er lenkt die Frage vom Was, über das Warum, zum Wie. Konkret heißt das: In Deutschland gibt es gegenwärtig 6,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger. Dabei differenziert Precht zwischen den unverschuldeten Hartz-IV-Empfängern und denjenigen, denen Sarrazin und Westerwelle Anpassungsunfähigkeit unterstellen. Der Philosoph führt das Problem bei letzterer Klientel auf die Erziehung zurück, die sich nun mal in einem sozial schwachen Milieu anders entfaltet als in der Mittelschicht – das heißt: Die Menschen haben nie gelernt, sich leistungsmäßig auszuzeichnen. Hier liegt die Wurzel, die sich zunächst in einem Verständnis für die sozial Schwachen ausdrücken muss, um dann in einen, auf Solidarität basierenden Lösungsansatz – falls es diesen gibt – rückgeführt zu werden. Dieser ist im bürgerlichen Engagement zu finden. Denn wie ist es möglich, ein Ungleichgewicht in der Erziehung, das über die Schule hinaus, ja bereits im Elternhaus seine Wirkung entfaltet – mit den Worten des französischen Soziologen Pierre Bourdieu: die Zeit der Akkumulation von kulturellem Kapital bereits hier beginnt –, auszugleichen?

Ein auf bürgerlichem Engagement fußender Lösungsansatz kann sich in der Unterstützung von Schülern aus sozial schwächeren Schichten, also auch von Schülern mit Migrationshintergrund, durch so genannte freiwillige Bildungspatenschaften konkretisieren. Indem erfahrene Bürger – Rentner aber auch Berufstätige – sich den Schülern in ihrer Freizeit unter Anleitung annehmen, kann es zu einer Behebung des Problems der einseitigen Erziehung im Elternhaus kommen. Die Schule allein erreicht dies nicht. Denn ein individuelles „sich-Einlassen“ auf  den jeweiligen Schüler führt dazu, dass dieser nicht mehr nur als einer unter Vielen in der Schülerschar behandelt wird, sondern darüber hinaus als Person wahrgenommen wird. Damit werden also Grundlagen geschafft, die zum einen den Bildungsnachteil dieser Schüler, wenn nicht aufheben, dann zumindest abfedern können. Die zum anderen dann auch den Willen des Kindes ausprägen helfen, sich selbst zu engagieren. Und dies sowohl im Berufsleben als auch im freiwilligen Bereich, da Solidarität immer auf einer gegenseitigen Leistungsbereitschaft basieren muss.

Die Debatte muss sich somit zunächst einmal vom polemischen Populismus lösen, der sich in letzter Zeit angestaut hat, um dann in sinnvolle Überlegungen überführt zu werden. Im Sinne von Dahrendorfs Forderung nach Bildung als Bürgerrecht, muss hierin nicht nur die objektive Möglichkeit von außen gegeben werden, damit Menschen aus sozial schwächeren Schichten wieder Arbeiten können – sondern vielmehr muss überlegt werden, wie die subjektive Chance zu schaffen ist, damit die Fähigkeit bei den Menschen entwickelt wird, um Arbeitsfähigkeit umsetzbar zu machen. Eine Aufgabe also, der sich die Herren Westerwelle wie auch Sarrazin ernsthaft annehmen sollten, anstatt sich ständig auf ihre egozentrische Verbalerotik zu versteifen.

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