Why I Write

Wozu der ganze Kram, der Schweiss, die Elefantentränen und kratzende Pfauenfedern, die das Blut aus den Ohren mit billiger Tinte verschmieren lassen? Auf der Suche nach Sinn mit Mr. George Orwell.

Warum schreibe ich?

George Orwell (1903 – 1950) war ein politischer Schriftsteller. Nicht nur seine bekannten Werke Animal Farm und 1984 stehen dafür: mit Why I Write erschien bei Pinguin 2004 eine Sammlung von fünf Essays und Kurzgeschichten, die sein Schaffen von 1931 bis 1946 dokumentieren. In diesem Buch erlebt man den Seher der Moderne sehr persönlich, humorvoll, patriotisch – doch vor allem sehr politisch.

Die Frage „Why I Write“ ist Thema des ersten Essays, gestellt vor 60 Jahren und vielleicht heute – in der Flut von Medieninformation und Millionen von Bloggern – mehr denn je aktuell. Schreiben Autoren aus purer Eitelkeit und dem Drang zur eigenen Denkmalssetzung? Aus der Liebe zur freien Meinungsäußerung? Orwell ist auf der Suche nach Antworten: Neben der Notwendigkeit sein täglich Brot zu verdienen, und der Freude am Ausdruck der Schönheit, ist für ihn die politische Auseinandersetzung mit den geschichtlichen Begebenheiten, in die man per Geburt hineingeworfen wird, der entscheidende Grund zu schreiben. Kunst und Politik sind für George Orwell untrennbar:
…no book is genuinely free from political bias. The opinion that art should have nothing to do with politics is itself a political attitude.“ (Kein Buch ist wirklich frei von politischer Voreingenommenheit. Die Auffassung, dass Kunst nichts mit Politik zu tun haben sollte, ist selbst eine politische Einstellung.) Orwell schrieb weil er auf der Suche nach Wahrhaftigkeit war. Er argumentierte einerseits scharf gegen verlogene Politik, und andererseits gegen die Passivität – gegen das Unpolitische.

London Bridge is Falling Down

Teil zwei des Buches, „The Lion and the Unicorn“: Es ist 1940, George Orwell schreibt in seiner Wohnung in London. Vor seinen Fenstern herrscht das Chaos: deutsche Bomben fallen auf die Metropole, grelle Blitze der Flugabwehr machen die Nacht zum Tag. Orwell weiß, England befindet sich in tödlicher Gefahr – „London Bridge is falling down, falling down, falling down.“ Die Nazis haben längst Pläne für die Invasion Großbritanniens in den Schubladen, während das zerfallende Empire selbst nach einem Jahr Krieg noch denkbar schlecht auf seine Verteidigung vorbereitet ist. Das Militär ist technisch gesehen auf dem Stand von 1918, Hitler hingegen steht eine hochmoderne, in nur sieben Jahren hochgezogene Militärmaschinerie zur Verfügung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Orwell sieht nur eine Chance für England diesen Krieg zu bestehen und schreibt eine feurige Abhandlung, in der er sich stark macht für eine sozialistische Revolution Englands – jetzt – im Krieg. Er glaubt, dass die verstaubte imperiale Elite völlig überfordert ist und entmachtet werden muss. Sein Vorschlag lautet, das Eigentum von Großgrundbesitzern zu verstaatlichen um die Spanne der ungleichen Verhältnisse von arm und reich zu verringern, und somit das Land im Kampf gegen die Nazis zu vereinigen. Nur wenn England jetzt zu sich selbst findet, und das Land endlich aus dem imperialen Schlummer des 19. Jahrhunderts in der Krise der Moderne erwacht, kann es im Weltkrieg bestehen. Denn trotz seiner scharfen Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen in der britischen Gesellschaft, in denen Großunternehmer trotz Krieg nur an privaten Profiten interessiert sind, ist Orwell Patriot: mit „I believe in England…“ beendet er seinen Aufruf zur Revolution.

Das Trauma

Nach dem engagierten Appell folgt nun die Stille: Der dritte Teil im Buch ist Orwells autobiographische Kurzgeschichte „A Hanging“. Der Erzähler schildert die Hinrichtung eines indischen Verurteilten durch die britische Administration eines Gefangenlagers in Burma.
Der Plot ist kurz: Der Inder wird am Morgen seiner Hinrichtung durch indische Soldaten und englische Magistrate zum Galgen außerhalb des Gefängnisses gebracht. Unterwegs trifft die Gesellschaft einen Hund, der die angespannte Situation durch seine spielerische Lebensfreude surreal verwirrt, schließlich wird der Inder aber doch ordnungsgemäß gehängt. Der unerträglichen Anspannung der Wartenden, die durch ihre Funktionen gezwungen sind, der Hinrichtung beizuwohnen oder auszuführen, verwandelt sich mit dem Tode des Gefangenen in Erleichterung – dann Euphorie. Alle Beteiligten ahnen, dass mit dem gewaltsamen Tod eines völlig gesunden Mannes etwas geschehen ist, dass größer als sie ist. Sie scheinen zu klein um die Verantwortung zu tragen, deswegen folgt befreiende Entspannung mit der Endgültigkeit des Todes des Inders. Alle lachen und scherzen, der verantwortliche Superintendend gibt einen Whiskey aus. Der Erzählende nimmt an der lebensfreudigen Hysterie teil, beobachtet aber gleichsam mit unterschwelligem Grauen seine Kollegen und sich selbst: „I found that I was laughing quite loudly. Everyone was laughing. Even the superintendend grinned in a tolerant way…We all had a drink together, native and European alike, quite amicably. The dead man was a hundred yards away.“ (Ich bemerkte, dass ich ziemlich laut lachte. Alle lachten. Sogar der Superintended grinste tolerant .Wir alle nahmen einen Drink, Eingeborene wie Europäer, recht freundschaftlich. Der tote Mann war hundert Yards weit entfernt.)

Newspeak

Der letzte Teil von Why I Write: „Politics and the English Language“. Orwell argumentiert, die englische Sprache der Moderne sei im Verfall begriffen, nicht mehr authentisch. In Textbeispielen von Wissenschaftlern, Politikern und Journalisten – den Eliten der Gesellschaft – zeigt er, dass die englische Sprache von lateinischen, griechischen und übernommenen europäischen Wörtern und Phrasen durchsetzt ist. Außerdem bespricht er abgegriffene Metaphern, die sinnentleert und falsch benutzt werden. Er kommt zu dem Schluss, dass Menschen die mit einer solchen Oberflächlichkeit schreiben, kaum mehr denken müssen, da die Benutzung von sinnlosen Wörtern und Idiomen, keine eigene Denkleistung mehr erfordert – Sprachwendungen werden schlicht kopiert. Es entsteht beim Schreiben und Lesen kein Bild mehr vor dem Auge -Sprache macht keinen Sinn mehr. Orwell glaubt, dass das moderne, prätentiöse Englisch auch gerade den Machthabern dient, barbarische Politik zu schönen, das „nicht zu Verteidigende zu verteidigen“: „Defenseless villages are bombarded from the air, the inhabitants driven out into the countryside, the cattle machine-gunned, the huts set on fire with incendiary bullets: this is called pacification.“ (Wehrlose Dörfer werden aus der Luft bombadiert, die Einwohner auf das Land getrieben, die Kühe mit Maschinengewehren niedergemacht, die Hütten mit Brand-Kugeln niedergestreckt: das nennt man „Befriedung“) Wohin eine solche Entwicklung der Sprache führen könnte, steht in 1984. Dort hat die allmächtige Partei Newspeak eingeführt, eine eigene Sprache, die es den Menschen nicht mehr ermöglicht selbstständig zu denken.

Orwells Essay endet mit folgendem Zitat:

Political language is designed to make lies sound truthful and murder respectable and to give an appearance of solidity to pure wind”.

(Die Sprache der Politiker zielt darauf ab, Lügen als Wahrheit und Mord als achtbar zu verkaufen, und schlichtem Wind den Anschein von Substanz zu geben)

Engagement

Das Schöne an dem Schriftsteller George Orwell war, dass er einerseits bestechend scharf argumentierte (er selbst schrieb mit einer klaren, einfachen, für jeden verständlichen Sprache), dabei aber auch stets Lösungs- und Verbesserungsvorschläge aufzeigte. Von verkopften Ideologien der linken Intelligentsia Großbritanniens zu seiner Zeit hielt er nichts. Die machte seiner Ansicht nach nichts weiter, als sich über England und alles Englische zu mokieren und zu schämen. Sie predigten Pazifismus und schwärmten vom Stalinismus – und das inmitten des Bombenhagels des zweiten Weltkriegs. Über die Berichterstattung der linken Zeitungen in den ersten Kriegsjahren schrieb er: „Another marked characteristic is the emotional shallownness of people who live in a world of ideas and have little contact with reality“ (Ein weitere bezeichnende Charakteristik ist die emotionale Oberflächlichkeit von Leuten, die in einer Welt der Ideen leben und kaum Kontakt zu Realität haben.)
Orwell selbst trat für seine politischen Überzeugungen mit aller Konsequenz ein – 1936 schloss er sich im spanischen Bürgerkrieg den Republikanern an, kämpfte gegen die Faschisten Francos, wurde verwundet. Von den romantisch-heroischen Vorstellungen anderer Intellektueller, die seiner Ansicht nach in erster Linie für das mannhafte Abenteuer in den Krieg zogen, distanzierte er sich – er lehnte deren Chauvinismus ab. Was für Orwell letztendlich zählte, war nicht die Konstruktion einer verklärten, universalen Ideologie, sondern die nüchterne Analyse der sozialen Verhältnisse der Moderne – und das selbstlose Engagement.

George Orwell: Why I Write
erschienen bei Penguin Books in der Reihe „Great Ideas“
London, 2004

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