vorwinterweihnachtsgeschichte

von Christopher Knoll

Mit sechs Jahren nannte sie es das Fischkonzert. Sie schob sich eine Strähne aus dem rechtem Augenwinkel, stampfte mit dem linken Fuß auf, sprang auf dem Hocker, auf dem sie erst einmal einige Zeit stand, während um sie herum Papagei Nelson flatterte, der schon blind war. In der Frühe hatte es Muesli gegeben, da Papa alle Hände voll zu tun hatte, sich vor mir zu verstecken. Mama war schon in die Stadt gefahren, um die Klavierstunden zu geben.

Auf meinem Weg ins Bad verschwand er im Wohnzimmer, angeblich, um Bücher zu suchen. Einer seiner Kollgen hatte Geburtstag. Papa war eher ein Vater als Papa. Als ich sechs war nahm er mich immer mit zum Fischen am Fluß, und ich durfte stundenlang schweigen während die unten schwammen. Ich drehte mich nie um, da ich Angst um sie hatte.

Mama hatte, viel später, Angst vor der Post. Sie bekam sie nachts, vor dem Morgen, als der Bescheid kam, dass Sie an der Klavierschule nicht mehr gebraucht würde.

Zu dieser Zeit fuhr ich oft Fahrrad am Fluß entlang, wo Dr. Wertens mir entgegenlief mit seinem Hund, Vater schon längst weg war und ich im Kinderheim arbeitete, gegenüber der Schule. Dr. Wertens Hund hieß Clio.

Ich kam ihm oft entgegen, in seinen fatalen Jahren.

Man rettet mich, ich steh am Meer. Jedesmal wenn ich den Leuchtturm sehe über den Klippen wird mir schwindelig, aber es fällt leichter aufzugeben, denn die Luft ist salzig und das Meer stürmt frisch. Und ich kann ihm das nicht sagen während ich auf dem Sand kauere, die Kleine neben mir, die sich mit der erhobenen Faust eine Strähne aus dem rechten Auge zu drücken versucht, er, der vor mir steht und in den weiten Sand starrt, ohne ein Zucken in seinen Händen, nur jenes innerliche Zucken, dass mir Angst macht, wenn er sehr nah ist.

Mit Clio am Strand war es anders. Der spürte nichts von seinen Strä hnen, zu bruschig waren sie himmelwärts gebürstet. Wenn der Wind von Westen kam, flattern seine Ohren auf den Photographien nach links. Das heißt, wir sind nordwärts unterwegs.

Als ich aus dem Bad herauskam, hatte er vor, in den Keller zu gehen, wer weiß, was er dort sucht.

Mir war klar, dass dies nicht so ging. Das mit Clio am Strand war besser. Bis Clio weggebracht worden war und ich im Winter allein am Strand lief, mit niemandem oder mir selbst, häufig war es mir selbst und dann liefs manchmal schleppend, aber ich kam klar soweit, meisterliches Gerücht gegen Kai meinerseits in der 11 A, huuh, das ist nicht mal so lange her. Mit Kai zog ich immer die Gummistiefel an, die mein Papa mit zum Fischen genommen hatte. Sie passten mir zu dieser Zeit. Aber ich zog sie auch wegen Kai an, meinetwegen, ich gebs zu. Ich war auf der Promenade mit meinem langen grünen Kleid und dem Marmeladenglas im Arm und schaute in die Fahrrinne der Flussmündung, an der recht nah ein großes Containerschiff vorbeischwamm. Unter dem Kleid hatte ich die Gummistiefel an. Das hab ich mir damals gemerkt, jetzt, da ich im Winter am Strand Richtung Norden laufe, merke ich es wieder und weiß nicht wieso. Mir ist nie kalt bei diesen Läufen, ich laufe schon viel organisierter als früher, und das merke ich auch, wenn ich mich immer weniger umdrehe um rückwärts in die Fußstapfen zu blicken, die ich hinterlasse.

Das mit Kai damals war nichts. Auf dem Geländer noch musste ich mich auf die Fußspitzen stellen, damit ich Kai hätte als das sehen können, was mir ein Containerschiff bringt. Das heißt, ich stand mit dem Rücken zu ihm und auf mich redete er ein, hieb ein bisschen unter meine Gürtellinie, leicht oberhalb der Stiefel. Ich fiel schließlich herunter und landete auf einem linken Knie, das im Schotter blutig wurde, während meine Strähnen, patschnaß von Gischt über meinen Augen und an meinen Wangen kleben, meine obere Lippe zittert leicht über dem geöffneten Mund. Ich muss spucken, es läuft mir im Mund zusammen. Ich beginne, keine klaren Umriße mehr zu sehen, mein Kopf schwankt, Kai im diffusen Licht aus Schiffslampen und Kaistrahlern, ich sehe hier niemanden sonst und es ist Nacht und ein paar Federn einer Möve liegen am Rande des Sockels auf dem das Fernrohr steht durch welches man immer sehen kann.

2.

Heute habe ich öfter ein rotes Kleid über den Gummistiefeln, wenn ich zu Vaters Konzerten gehe.

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