Von Racheengeln, Waldpropheten und Entschleunigungs-Aposteln

Freitagabend in Paris, ich liege auf dem lila Sofa und lausche dem Ziehharmonikanisten in der Wohnung über uns. Dabei denke ich übers Theater nach. Ich gehe meistens dann ins Theater, wenn meine ältere Schwester ein neues Stück aufführt, oder mir eines aus der Ferne empfiehlt. Mir ihr habe auch vor einigen Jahren ein Stück von Christoph Marthaler in Zürich gesehen, das mir in Sachen „Wiederentdeckung der Langsamkeit“ damals ein Licht aufgehen ließ (Eine Empfehlung an alle Entschleunigungs-Apostel: Bei Marthaler lungern die Akteure auf der Bühne rum, rauchen und machen Musik, auch wenn sie eigentlich gerade nicht sprechen müssen, kommentieren sie die Handlung usw.). Jedenfalls schickte mich meine Schwester vor ein paar Tagen in ein Stück des Holländer Johan Simons, mit dem sie 2004 an den Münchner Kammerspielen für die Aufführung seiner Zehn Gebote zusammengearbeitet hatte, und der zur Zeit mit seiner Truppe in Frankreich gastiert.

Das Theater MC 93 Bobigny im Norden von Paris, ist in der internationalen Theaterszene bekannt – Marthaler, Schliegensief, Frank Castorf und Peter Sellars haben hier unter anderem ihre Werke gezeigt. Es steht zwischen einem großen Beton-Einkaufszentrum und einem Beton-Autobahn-Zubringer in Bobingy, einer Banlieue-Stadt im Problem-Bezirk Seine-Sainte-Denis, der von den Kommunisten verwaltet wird. Besucher müssen unter düster-drohenden Hochhäusern vorbei an lungernden Banlieue-Jungmännern marschieren, um vom Métro-Ausgang die Oase des Theaters zu erreichen. Ich könnte mir vorstellen, dass die meisten der Anwohner hier nicht genau wissen, was sie mit diesem großen Theaterhaus anfangen sollen (vielleicht ist das aber auch nur eine Unterstellung, die Karten sind nicht teuer). An diesem Abend schien es, als hätte man uns Theatergäste EXKLUSIV zu diesem EVENT aus Paris City importiert. Welten treffen aufeinander.

Theater ist heutzutage Randkultur, und Theatergänger haben ein bisschen was von Sektenmitgliedern. Natürlich sind das meist Intellektuelle, Theaterwissenschafts-Studenten und Künstler, die sich hier einfinden. Ein bestimmtes Milieu also. Es macht Spaß diese Leute zu betrachten, es ist nicht das übliche Kino – oder Konzertpublikum. Sie sehen interessant aus, wirken auch interessiert und blicken durch intelligent aussehende Brillen kritisch um sich. Platform

Hier führte Johan Simons also sein Stück Platform auf. Platform ist eine Adaption des gleichnamigen Romans des französischen Autors Michel Houellebecq und behandelt dessen übliche Themen: Sex und Körper, Kapitalismus und Depression, die Angst des Westens vor dem religiös motivierten Terror der Islamisten. Natürlich geht es auch um Liebe, dem scheinbar einzigen gemeinsamen Nenner, den die Charaktere auf ihrer Irrreise von Plattform zu Plattform, in ihrem Streben nach Karriere und im Kampf gegen das Alter finden – und wieder verlieren.

Das Stück beginnt mit einem Knall: Unmengen von Müll poltern auf die Bühne, in ihm liegen irgendwo die Darsteller verschüttet. Eine Bombe ist explodiert. Menschen wühlen sich durch einen Abfallberg, suchen nach Kleidern, ziehen sich immer wieder um (häuten sich, wechseln ihre Identitätsformen?), legen sich im Müll ab, wenn sie gerade keine Szene haben. Houellebecqs Terrorist geistert als schöner, junger Rachengel durch Simons Stück.

Nach gelungenen Theaterabenden wie diesen, fühle ich mich spirituell gereinigt. Aufrechten Ganges stapfe ich dann aus den Theatern, mit der Gewissheit im Gepäck, nicht allein zu sein. Irgendjemand teilt das, was ich hier so erlebe. Fast so wie damals, als ich noch an Gott glaubte, und nach einer schön-beorgelten Messe, mit viel Gesang und Weihrauch, die katholischen Kirchen in Südbaden mit einem seligen Lächeln verließ. Theater kann also Ersatzkirche sein. Warum?

Die Sprache und reduzierten Darstellungsformen, die das moderne Theater um Leute wie Johan Simons gefunden haben, und mit der sie es schaffen, diese irre Welt, mit allen Widersprüchen und schwarzen Löchern zu reflektieren, sind etwas an das ich glauben kann. Gutes Theater kann einen Freiraum (Yeah man, „Think-TANK!!!) schaffen, indem es den manchmal schwer überschaubaren und hektischen Alltag ausblendet – aber zugleich abstrakt behandelt. Zeit und Raum konzentrieren sich für wenige Stunden auf ein paar zentrale Fragen, die uns alle beschäftigen. Leben, Sinn, Tod.

Hier kann ich einen Anker setzen – andocken, denn was gezeigt wird, das beschäftigt mich. Biographien die scheitern. Menschen die zurück bleiben, die raus sind aus dem Spiel Karriere, Entwicklung, Wohlstand und Fortschritt. Eine Reflektion über eine Gesellschaft in der alle Fragen offen sind, und die irgendetwas entgegenstürmt, ohne die Gewissheit, ein Ziel zu haben.Schade also, dass sich das Theater nicht gegen das Fernsehen behaupten kann. Klar, „Wake up Kennedy, das ist jetzt aber eine sehr romantisch-banale Beobachtung,“ könnte man hierzu scharfsinnig kommentieren. Aber es ist doch traurig, dass es das Theater so schwer hat, aus seinem Nischendasein herauszufinden. Öffentliche Gelder werden für diese Kunstform gekürzt. Das Theater muss neue Wege suchen, ist gezwungen eine Antwort zu finden, auf die Frage nach seiner Existenzberechtigung, in einer Zeit, in der alles den Kosten-Nutzen-Rechnungen unterliegt. Wozu Theater? Wozu Kunst?

Im Theater sprechen Schauspieler direkt zum Publikum und manchmal entsteht eine Verbindung zwischen beiden Seiten. Man wird angeregt zu überlegen, was da gerade auf der Bühne passiert, man wird Teil eines Rituals. Keine passive Berieselung, kein fruchtloses Zapping, kein leerer Konsum. Im modernen Gegenwartstheater gestaltet der Zuschauer mit.

Vielleicht ist der Niedergang des Fernsehens, der mit dem Qualitätsverlust der großen öffentlich-rechtlichen Sender vorerst besiegelt zu sein scheint, nicht nur der Siegeszug des Internets, sondern auch eine Chance fürs Theater. Denn nach einem guten Stück geht man nach Hause und irgendwas ist anders. Ich weiß nicht genau, wie es den oben beschriebenen Theatergängern geht, aber ich fühle mich im Theater immer ein bisschen zu Hause (natürlich nicht zuletzt auch durch den Einfluss meiner Schwester).

Genug gegrübelt. Der Akkordion-Obermieter ist verstummt. Ich greife nach der Gitarre um ein paar schiefe Leonard Cohen-Akkorde in den Abend zu schrammeln.

Cohen: Der alte Waldprophet (der aus der Blutwurzeltiefe des kanadischen Bodens brummt…)

Share/Bookmark

6 Thoughts.

  1. Den Leser fesseln!

    Warum nicht so anfangen:

    Es steht zwischen einem großen Beton-Einkaufszentrum und einem Beton-Autobahn-Zubringer in Bobingy, einer Banlieue-Stadt im Problem-Bezirk Seine-Sainte-Denis, der von den Kommunisten verwaltet wird. Besucher müssen unter düster-drohenden Hochhäusern vorbei an lungernden Banlieue-Jungmännern marschieren, um vom Métro-Ausgang die Oase des Theaters zu erreichen.

    und dann so:

    Das Stück beginnt mit einem Knall:

    Unmengen von Müll poltern auf die Bühne, in ihm liegen irgendwo die Darsteller verschüttet. Eine Bombe ist explodiert. Menschen wühlen sich durch einen Abfallberg, suchen nach Kleidern, ziehen sich immer wieder um (häuten sich, wechseln ihre Identitätsformen?), legen sich im Müll ab, wenn sie gerade keine Szene haben. Houellebecqs Terrorist geistert als schöner, junger Rachengel durch Simons Stück.

    Implizit (für mich) in deinen Überlegungen auf dem Sofa: Fernsehstücke, Gewaltfilme und Computerspiel, soziale Vereinsamung, und vergiftete Religion sind Nahrungsmittel für gestörte junge Menschen.

    Welche Arten von Anschlag meint der Regisseur? Ist er ein Zyniker oder glaubt er an eine Art Metamophose während unser Daseins auf Erde?

    Wird es ersichtlich, greifbar, dass er überhaupt sich für seine Zuschauer interressiert?

    Adios
    JK

  2. Hi Joe,

    vielen Dank erstmal für die väterlichen Anregungen. 🙂

    Ich muss allerdings gleich sagen, dass ich gar keine Leser fesseln will. Die können machen was sie wollen, und wenn sie sich fesseln lassen möchten, dann können sie das woanders machen.
    Verstehe mich nicht falsch – natürlich will ich, dass das was ich hier schreibe, auch jemand liest. Allerdings nicht um jeden Preis. Oder besser gesagt um gar keinen Preis, denn das hier ist kein kommerzieller Blog, und ich erwarte auch keine 5.000 0000 Klicks im Jahr. Manchmal stelle ich mir vor, dass mein Blog irgendein letzter Saloon vor irgendeiner Wüste ist, in den nur alle 3 Monate Kunden kommen. Das hat etwas sehr beruhigendes. Ich will keinen Druck und kein Wettbewerb um Klicks, Ruhm und Ehr‘. Das habe ich im Alltag genug. Hier will ich in Ruhe das machen was mir vorschwebt:
    Schreiben und experimentieren.
    Dazu gehört auch, dass ein Text nicht konventionell daherkommt. Das machen andere zuhauf und viele besser.

    Zum Regisseur: Natürlich interessiert er sich für sein Publikum. Wie im Text schon erwähnt, ensteht bei guten Theaterstücken ein Verbindung zwischen Akteuren und Publikum. Das war auch an diesem Abend der Fall.
    Ich schätze der Autor Houellebecq ist eher der Zyniker. Aber man sollte das Orginal-Buch nicht mit Simons Adaption verwechseln. Es hatte viel Humor, denn man erkennt sich in Situationen wieder, versteht was dort passiert. Jeder für sich und doch alle zusammen. Und genau diese Reflektionen beschäftigen einen noch Tage danach. Da bleibt was hängen und es kann etwas entstehen.

  3. Christopher schreibt in einer email folgendes:

    „Hi dear Patrick.

    (…)

    was war das mit dem racheengel? Ist das eros, ästhetisierte Gewalt? kann man es nur so darstellen?

    War die aufführung kritisch oder hat sie dem „bebrillten publikum“ nur den spiegel vorgehalten. anders: ging man nachdenklich raus oder fühlte man sich in der häutungsthese nur bestätigt? gings auch um klonen?

    vielleicht liegts einfach daran, dass ich houllebecq mit thoma mal sehr lange diskutiert hab, er schrieb damals dieser wäre ein „neofaschist“, da er in den romanen implizit antisemitische kapitalismuskritik fährt. Könnte man das hineininterpretieren?

    – wer waren die bebrillten wirklich? Ich kenne bobigny ja nicht, deshalb: Ist das ein publikum, das erwartet, was es da zu sehen bekommt? Gilt es als renommiert oder als „hipp“?

    – wie lange hält das nachdenken an? Entschleunigt man nach houllebecq? Bietet er irgendwelche, wenn auch nur minimale, Lösungen aus der Misere an?

    Worum geht es dir? eher um houllebecq, bobigny oder theater im allgemeinen? schon klar, du nimmst die inszenierung als anlass, aber die gewichtung wird mir nicht völlig klar.

    – zu der Idee: theater für wen und mit wem? ich wollte damals, als ich dich besuchte, unbedingt ins „le zebre“ in Belleville. (www.lezebre.fr oder so ähnlich): Das ist auf der Hauptallee. Sie machen zirkus/kleinkunst und viel mit migranten. Vielleicht böte sich mal ein vergleich an, wenn es dir um die Frage um das Involviertsein des Zusschauers mit dem Medium geht. Ich weiß nicht.

    – nebenher: ken loach setzt sich für den neuen Parteivorsitzenden der vereinigten Linken frankreichs ein. googles mal nach, wenn du zeit haben solltest.

    liebe grüße,

    christopher“

    Hier meine Antwort an Christopher:

    Lieber Christopher,

    Vielen Dank nochmals für deine interessanten Fragen. Vielleicht sollte ich den Racheengel weiter erläutern, zumal auch Joe in einem Kommentar zum Text danach gefragt hat.

    Der Racheengel ist während des Stücks immer da, durch sein androgynes Antlitz wird er tatsächlich ästhetisiert und nimmt eine eher lustige Position ein, indem er in absurden Kommentaren zur Handlung die Protagonisten des Stücks immer wieder vor den Kopf stösst, aus dem Takt bringt. Er ist der, der unangenehme Wahrheiten, Fakten, Vergangenheitserinnerungen immer wieder vorbringt, und nimmt damit eine mehrdeutige Rolle ein. Das schlechte Gewissen eines außer Kontrolle geratenen Global-Kapitalismus?

    Zum Publikum: Meine Beschreibung der Besucher ist nur ein kurzer Eindruck, keine tiefsinnige Beobachtung. Ich wollte allerdings den Kontrast zur trüben Umgebung herausheben. Und ich finde Theatergänger im Allgemeinen interessant. Es gibt davon einfach nicht so wahnsinnig viele, glaube ich. Ich kenne diese Leute aber nicht.

    Zum Agit-Popst-Srassen-Theater: Interessanter Punkt. Ein Vergleich wäre sicherlich eine interessante Geschichte. Natürlich ist bürgerliches Theater Establishment – allerdings bietet es den Bürgern manchmal eine wertvolle Reflektion – und ich glaube dieser Artikel ist entstanden, weil bei mir was passiert ist – ich zur Reflektion angeregt wurde. Der Artikel selbst ist dafür denke ich Beweis genug.

    Zum Fokus: Es ging mir darum, einen Theaterabend zu schildern, ohne in Details auf das Stück einzugehen. Der Gesamteindruck war mir wichtig, auch wenn der Text dabei natürlich Gefahr läuft ins schwammige, langweilige abzurutschen. Aber das war mir hier egal. Es ging mir nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung sondern eher ums Gefühl: Was hinterlässt so ein Abend? Was bleibt?

    Zu Houellebecq: Vorsicht. Simons ist nicht Houellebecq – sondern selbst freier Künstler. Das Regietheater von Leuten wie Simons schnibbelt an Texten rum, schmeisst Dinge raus, die ihnen nicht passen, entschlackt Stücke und was bleibt, ist oft nur das Gerüst des Orginaltexts, dass dann selbst als Bühne für eine Interpretation dienen kann. Natürlich steht im Hintergrund der Autor – die Themen gleichen sich bei beiden Künstlern. Zugegebernmassen, wird das im Text nicht 100% deutlich.

    Zu Houellebecq und Neofaschismus kann ich leider nicht viel sagen. Da fehlt mir einfach das Wissen. Wie wärs mit einem kurzen Text dazu?

    Lieber Gruss,

    Patrick

  4. Bla Bla!

    Dieser Text enhält folgende Rohdiamanten:

    – Szene in der Wohnung auf dem Sofa
    – Szene Theater (bebrillte Nachdenker unterwegs) im Banlieu mit düsteren Gestalten!
    – Bühnenszene mit Terrorismuss und Wandlung
    – Die Musik, die von oben kam
    – Sicherheit und grübeln auf dem Sofa.
    – Religion

    Was hat das mit billiger Kommerzialismus zu tun? Ist ja alles sowieso kostenlos was Du machst.

    Meine Anregung wäre diese Stimmung und Kontraste zu verstärken; d.h.die Edelsteine zu polieren und hübsch einanderzureihen damit die Cowboys und auch Cowgirls noch mehr davon haben.

    Und entfesselt zu schreiben.

    YUK!

    Gruß

    Pa

  5. Hm, ich fürchte da kommen wir nicht mehr zusammen, gringo.

    Ich sag’s trotzdem nochmal: dieser Blog ist keine Dienstleistung an den Leser.
    Deswegen muss hier auch nichts aufpoliert werden.

    (Übrigens gibt es hochpolierte Diamantentexte mit Fessel-Garantie unter der Rubrik „Zuender und so“)

  6. Pingback: They shoot horses, don’t they? | Kennedy Calling

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.