Callcenter of Death

Ich bin jetzt genau seit einem Jahr in Paris. Mein Arbeitsleben fing hier, wie es so oft der Fall ist, in einem Callcenter an. Frust, Arroganz und Gold am Trocadéro – ein Rückblick unter Tränen.

goldzahn

Paris am Eiffelturm: Vier Stunden Lebenszeit vergeudet im Callcenter of Death. Ein Telemarketer zu sein ist scheisse, wenn man 100 mal am Tag gesagt bekommt, man solle sich gefälligst zum Teufel scheren und nie, nie wieder anrufen. Diese Arbeit ist Sklavenarbeit, in Watte verpackt.

Irgendwelche grauen Gestalten im Hintergrund verdienen eine Menge Gold durch unsere Schwatzerei. Ja, wir telefonieren nach Gold. Zahngold. Vorbei an der Assistentin wenn’s irgendwie geht, dann den Zahnarzt klar machen. Konkurrenten unserer Firma haben den Juden in den Konzentrationslagern damals das Gold aus den Zähnen geklaubt. Ein zwielichtiges Gewerbe der Zahngoldankauf und nichts für fragile Geisteswissenschaftler-Nerven.

In diesem Job geht es darum, alles zu verdrängen und sich auf das vermeintlich Wesentliche zu konzentrieren: Ich brauche das Geld…die Kollegen sind eigentlich ganz nett… ich habe bestimmt bald einen anderen Job…was man mal angefangen hat, schmeißt man nicht gleich wieder hin – vor allen Dingen dann, wenn man zuvor schon so manches hingeschmissen hat oder zumindest so halb. Aber all das hilft nicht gegen das schlechte Gefühl, das mich beschleicht, wenn ich versuche mich durch den Tag und an das Gold zu lügen. Ich bin hier einfach falsch.

Teamsitzung. Das deutsche Team findet sich im Konferenzraum zusammen. Dort ist es kalt (im Großraumbüro hingegen ist es warm und stickig) und das passt: Der Chef, der morgens mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch die Reihen schleicht, ist das Klischeebild eines Geschäftführers einer Telefonfirma, die hinter Altgold her ist: Er trägt einen teuer aussehenden Anzug und hat glänzende, nach hinten geschmierte Haare. Er hat die Augenbrauen immer hochgezogen, seine Haut ist aschfahl, und er strahlt eine kalte Eleganz aus, die ein Herz aus Stein vermuten lässt – und das macht mich froh, denn er erinnert mich an einen der grauen Herren aus Momo und seine Plastikerscheinung macht diese Farce von einer Teamsitzung erträglich.

Unser Team besteht aus: Oli D. (Künstlername am Telefon: Henrik Sonnenstein), einem langen, gewitzten Kieler, der mit einer typischen Callcenter-Stimme geboren zu sein scheint – sanft, geölt, zum Teufel. Dann Stefan D., der schon seit sechs Monaten hier ist und dem der Zynismus aus den Ohren trieft, der aber trotzdem eigentlich ein netter Kerl ist – dumm nur, dass er so gut ist in diesem Job. Läuft er Gefahr hier mal zu enden? Weiterhin gibt es noch die liebe, ewige Architekturstudentin Petra, die völlig fehl am Platze scheint, sowohl im Callcenter als auch in Paris – What the hell are you doing here? Sie könnte schon Kinder haben und auf Elternabenden die Weihnachtsdekoration im Kindergarten besprechen. Dann ist da noch Tanja, die ein bisschen doof wirkt und dem Chef schöne Augen macht und dessen russisches Blut schnell beleidigt kocht und schließlich Irmgard mit roten Haaren und blauen Augen – an der alles vorbei zu gehen scheint. Gimme some of your drugs, baby!

Die Teamleiterin und meine Anwerberin ist Anna: Eine Frohnatur, von der ich glaube, dass sie glaubt, sie habe eine geheimnisvolle Aura, die hinter ihrer Fröhlichkeit und Energie steckt. Hm.
Stefan hat mich zum Bowlen eingeladen, mit Olli versteht sich, aber auch wenn beide OK sind, musste ich absagen. Unerträglich, das Team auch noch privat zu treffen, außerdem muss ich Bewerbungen schreiben, eine Beziehung führen und Paris verdauen, in mich aufsaugen und Energien sammeln, verwalten, gestalten und ewig aufladen. Dem Callcenter of Death gebe ich noch diese Woche: Entweder ich mache 1000 Termine und werde reich oder ich muss gehen.

Ich habe den Callcenter nach einem Monat verlassen und arbeite seitdem für eine Sprachschule. Oli ist inzwischen wieder in seiner Heimat Kiel, Stefan hat den Sprung geschafft und arbeitet als Projektmanager für eine andere Firma in Paris, und Petra ist inzwischen glücklich in einem Pariser Architektenbüro gelandet. Anna wurde nach einem Eklat im deutschen Team entlassen, oder sie hat gekündigt, keine Ahnung. Mehr zu den Anfängen in Paris auf Zuender.

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3 Thoughts.

  1. Oh Patrick, was für ein toller Text! Schwanke zwischen Lachen und eiskalt den Rücken runterlaufendem Frösteln… Respekt für deine Schreibe und Respekt dass du das alles durchgehalten hast!

  2. Tja irgendjemand oder irgendwer hat callcenter mal als „… die Galeeren des digitalen Zeitalters bezeichnet …“

    ABER: lass dir nicht von denen raten
    die ihren Winterspeck der Möglichkeiten längst verbraten haben

    Von nix kommt ja nix

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