That one branch of mankind should rule over another

 von Christopher Knoll

„In the beginning of Time, the great Creator Reason, made the Earth to be a Common Treasury, to preserve Beasts, Birds, Fishes, and Man, the lord that was to govern this Creation; for Man had Domination given to him, over the Beasts, Birds, and Fishes; but not one word was spoken in the beginning, That one branch of mankind should rule over another.“

(Gerrard Winstanley: The True Levellers Standard Advanced: Or, The State of Community Opened, and Presented to the Sons of Men, 1649)

„England is not a free people, till the poor that have no land, have a free allowance to dig and labor the commons…“

(Gerrard Winstanley, 1649)

Vielleicht erstaunt es heute, dass das liberaldemokratische England einer der wenigen Staaten weltweit ist, der keine geschriebene Verfassung sein eigen nennt. Noch erstaunlicher dürfte allerdings sein, dass England das erste europäische Land war, dass eine – durch einen Bügerkrieg und der Kopfkürzung des Königs erkämpfte – kurze republikanische Periode durchmachte, von 1642-1660.

Etwas mehr als 100 Jahre vor der französischen Revolution, auf die nach der Enthauptung des Monarchen der jakobinische Terror einsetzte, genoß England also ein 18-jähriges Interregnum, in dem Oliver Cromwell republikanischer Anführer war. Der Erfolg der republikanischen Parlamentspartei und Armee über die Königstreuen konnte man vor allem der Tatsache zuschreiben, dass ihre Hierarchiestruktur paritätisch angelegt war: Viele der entschlossensten Oppositionellen waren Puritaner, deren fester Glaube es war, dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Ideologisch bedeutete dies im Umkehrschluss, dass auch commons (einfache Bürger) jederzeit eine Heereseinheit befehligen konnten, wenn sie sich dazu als fähig erwiesen. Der Sieg der Republikaner war somit zum großen Teil überhaupt erst ihrem gesellschaftlichen Egalitätsverständnis zu verdanken.
Wie weit ein Egalitätsverständnis reichte, lässt sich an zwei politischen Gruppierungen ablesen, von denen die einen heute vielleicht grob als Sozialdemokraten (Levellers), die anderen als Libertärdemokratische Sozialisten (Diggers) bezeichnet werden könnten. Beide allerdings beziehen ihren Ideenschatz aus der puritanischen Glaubensauffassung.

Die sogenannten „Levellers“ plädierten dafür, jährliche, und zwar allgemeine und gleiche Wahlen für alle freien Männer einzusetzten. Das klingt zunächst moderner, als es tatsächlich gemeint war, und dies liegt an folgender, dieser Freiheitsdefinition inhärenten, Perfidie: Freiheit wird zunächst als Eigentum an sich selbst und seinen eigenen Fähigkeiten verstanden, somit als eine Funktion des Eigentums an seiner eigenen Person. Die Funktion kann aber als Arbeitskraft, d.h. als Ware, veräußerlicht werden. Wenn sie das wird, dann ist die Person für diesen Zeitrahmen allerdings logischerweise unfrei. Daraus lässt sich folgern, dass Bedienstete (worunter Lohnarbeiter verstanden wurden) z.B. ausgeschlossen waren (ebenso wie Almosenempfänger und Verbrecher). Bedienstete waren genaugenommen, im Rechtsverständnis der Levellers, stimmtechnisch in ihren Herrn eingeschlossen und hatten ihr Geburtsrecht (natürliches Recht auf Freiheit) eingebüßt. (vgl.: MacPherson, C.B.: Die politische Theorie des Besitzindividualismus, Suhrkamp)

Trotz dieser – aus heutiger Sicht relativ relativ moderat erscheinenden tatsächlichen Anzahl an „freien“ Männern erschienen die restlichen Forderungen der Diggers zu skandalös, um vom Unterhaus des Parlaments getragen werden zu können: Abschaffung der Zensur, der Monarchie (permanent), des Oberhauses (House of Lords), aller Privilegien des Adels. Zudem erarbeiteten sie einige Ideen zu einer sozial verträglichen Steuerpolitik, wonach Menschen, die weniger als 30 Pfund im Jahr verdienten, von jeglicher Besteuerung ausgenommen sein sollten. Ein anderer, zu jener Zeit skandalös erscheinender Punkt waren ihre laizistischen Forderungen nach absoluter Trennung zwischen den Religionsgemeinschaften und dem Staat sowie eine völlige Gleichberechtigung aller Religionen.

Dass es im Sinne des Egalitarismus wesentlich radikaler zugehen konnte (auch aus heutiger Sicht), beweist nun andererseits eine Splittergruppierung. Ihre Mitglieder nannten sich, angesichts der ideologisch reaktionären, v.a. den Großgrundbesitzern, dem niederen Adel und dem bereits aufstrebenden, potenten Finanzbügertum zu Gute kommenden Freiheitsdefinition der Levellers denn zunächst auch „True Levellers“ und wenig später, ganz ihrer Praxis nach, „Diggers“.

Die Diggers waren, modern gesprochen, eine hierarchiefreie Kongregation puritanischer Anarchisten, deren Programm ihr öffentlicher Repräsentant, Gerrard Winstanley, folgendermaßen legitimierte:

„Am Anfang der Zeit machte die Vernunft als der große Schöpfer aller Dinge die Erde zu einer gemeinsamen Schatzkammer, auf dass sie den Tieren, den Vögeln, den Fischen und dem Menschen, der als Herr über diese Schöpfung gebieten sollte, zum Lebensunterhalt diene, …doch war am Anfang mit keinem einzigen Wort davon die Rede, dass ein Teil der Menschheit über den an deren zu bestimmen hätte.“ (Winstanley: Gleichheit im Reiche der Freiheit [WG], S. 19)

Sich an diese chiliastisch-kommunistische Theologie anlehnend, besetzten sie ein Stück Gemeindeland auf dem St. George´s Hill zwischen Gobham, Walton- on-Thames und Weybridge im nördlichen Surrey, etwa 30 km südwestlich des Stadtzentrums von London.

Der Bibel gemäß ist Privateigentum Fluch, und dies wird „[…] daraus ersichtlich, dass diejenigen, die das Land kaufen und verkaufen und Grundherren sind, dieses Land entweder durch Unterdrückung, durch Mord oder Diebstahl an sich ebracht haben.“ (WG, S. 27) „Kaufen und Verkaufen ist der große Betrug, um die Erde einander zu rauben und abzugaunern, es macht die einen zu Herren und Gebietern und die anderen zu Bettlern und Beherrschten, und es setzt die großen Mörder und Diebe in den Stand, die Kleinen oder die Rechtschaffenen einzusperren oder aufzuhängen.“

Winstanley war der Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher, staatlicher und ideolgischer Macht klar. Zielscheiben waren Grundbesitzer, Juristen und Klerus, nicht der König allein, denn mit seiner Beseitigung war das Klassenjustizsystem, einst von den Normannen aufgezwungen, noch lange nicht beseitigt, sondern das Gesetz nach wie vor da, „um das gemeine Volk in Knechtschaft zu halten.“

Die Landkommune auf dem St. George’s Hill nun sollte nur der Auftakt für eine weltweite Revolution sein. Die kooperative, egalitäre Alternativgesellschaft mit Gütergemeinschaft ohne Geld sollte ohne Regierung, Gesetze und Strafen auskommen. „weil niemand es wagen wird, nach Vorherrschaft über andere zu streben, einen anderen zu töten oder mehr von der Erde zu begehren als ein anderer.“

Dabei stützten die Digger ihren Anspruch auf das Schöpfungsrecht, ihr Geburtsrecht als Engländer, den Sieg über den König, auf das Vertragsrecht und verschiedene Parlamentsbeschlüsse. Als Sprecher der Armen und zum Teil als ehemalige Soldaten fühlten sie sich „wegen des gleichen Anteils, den wir am Sieg über den König haben“, als gleichberechtigte Vertragspartner des Parlaments, die ihren Anteil an der eroberten Beute einfordern.

Verschiedene Vereinbarungen und Beschlüsse, eine wirkliche Reformation anzustreben, deuteten die Digger als Verpflichtung zu einer sozialen Revolution nach ihren Vorstellungen; „Lasst Euch gesagt sein, dass das Volk von England nicht eher frei sein wird, als bis die Armen, die kein Land haben, frei und unbehelligt auf den Gemeindeweiden graben und arbeiten dürfen und mithin genau so sorgenfrei leben können, wie die Grundbesitzer auf ihrem eingehegten Boden.“ Bezeichnend für die Digger war ihr Drang, ihre Ideen sofort umzusetzen. England war für kurze Zeit in einer beispiellosen revolutionären Situation, in der Hoffnungen auf radikalen Wandel nicht abwegig waren.

Die Hoffnungen waren, wie heute bekannt ist, nur von kurzer Dauer. Die den Diggers gegenüber feindselige ortsansässige Bevölkerung, an der Spitze einige Grundbesitzer und der Pfarrer, ging, manchmal von einzelnen Soldaten unterstützt, physisch und juristisch gegen die Diggers vor. Sie zerstörte ihre Anpflanzungen, brannte ihre Hütten nieder, ging physisch gewalttätig gegen sie vor. Es folgte ein Gerichtsverfahren wegen unbefugter Landnutzung. Die Diggers mussten im August 1649 den St. George´s Hill verlassen; auf ihrem neuen Gelände südwestlich von Cobham gingen die Angriffe unvermindert weiter, bis sie schließlich – an Ostern 1650 – zermürbt aufgaben.

Den Fulgschriften nach gab es noch neun weitere Diggers-Kommunen in anderen Grafschaften Südost- und Mittel-Englands, von denen sich zwei mit eigenen Manifesten zu Wort meldeten; bei einigen ist die genaue geographische Lage unklar. Keine überlebte das Jahr 1650.

Da sie nur an gewaltlosen Widerstand glaubten, veröffentlichte Gerrad Winstanley zwei Jahre nach der Zerstörung (1652) sein Pamphlet „Law of Freedom“. Durch sein Scheitern ernüchtert, aber grundsätzlich immer noch an der idealistischen Idee der Gleichheit festhaltend, schreibt er 62 Gesetze für ein commonwealth, dem er ein staats- zwangskommunistisches Modell anempfiehlt:

„He or she who calls the earth his and not his brother’s shall be set upon a stool, with those words written in his forehead, before all the congregation; and afterwards be made a servant for twelve months under the task-master. If he quarrel, or seek by secret persuasion, or open rising in arms, to set up such a kingly property, he shall be put to death.“

(Gerrard Winstanley: Gesetz 29; aus: The Law Of Freedom in a Platform, or True Magistracy Restored (1652)

 links:
www.diggers.org
www.dadaweb.de

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