Samstagmorgen in der Rue Sainte Marthe

Samstagmorgen in der Künstlerstrasse St. Marthe. Die Sonne scheint und der Bauer sitzt breit auf einem Hocker in der Rotisserie. Vor ihm liegt ein großer, runder Käse, gebettet in einem Stofftuch auf dem Holztisch. Auf seinem Schoss sitzt ein kleines Mädchen, dass an einer Käsescheibe knabbert und den Bauern mit großen Augen anschaut. „La vie est belle…elle est très, très belle » sagt er zufrieden, während er für die Mutter des Kindes ein Stück Käse abwiegt. Die Atmosphäre in der kleinen Rotisserie, in der die Leute sich am Wochenende ihr Gemüse abholen, ist angenehm. Es sind viele Kinder da, die im Laden herumspringen, die Menschen sind entspannt, noch leicht verschlafen. Am Abend steigt die Fête de la Musique, ein richtiges Volksfest, dass in ganz Frankreich gefeiert werden wird, alle freuen sich darauf.

Die Künstlerin Marianne kommt aus ihrem Atelier gegenüber gelaufen und rechnet dem Bauern triumphal vor, wie er den Käse verkaufen soll, ohne die Biofreaks übers Ohr zu hauen. Der Mann ist nämlich mit allen Wassern gewaschen, sein Bauernhof ist in Wahrheit ein richtiges Unternehmen für Bio-Obst und Gemüse, jedes Wochenende beliefert er die gesund- und naturbewussten Bürger von Paris, die sich nach Authentizität verzehren. Die Konkurrenz ist groß und er hat viele Feinde, die ihm seinen Erfolg missgönnen. Außerdem hat er Stress mit seinen Freundinnen, muss ständig per Handy  seine Rendezvous umplanen, er scheint ein gefragter Mann zu sein, macht eine große Show daraus, er steht gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Tatsächlich kann man jede Woche irgendwo einen neuen Artikel über ihn lesen, die Ökokost steht hoch im Kurs, tatkräftige Menschen mit Vision sind gefragt.

Der Mann war mal Mathematiklehrer und hat dann mit Anfang 40 noch mal umgesattelt. Mann sieht es ihm an: Es war eine weise Entscheidung. Er strahlt vor Lebensfreude, seine listigen Äuglein blinken fröhlich hinter seiner Mathelehrerbrille hervor. „Elle est belle la vie…très belle.“

Rue Sainte Marthe

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Paris – Berlin – Paris – Berlin – Paris – Berlin – Paris – Berlin

So, endlich mal wieder Zeit zum Schreiben. Ein guter Abend war das am Samstag. Schön ausgegangen mit meinen lieben Freunden in Paris: Bei Pigalle ein paar Bierchen im „La Fourmi“ (die Ameise) gekippt, mit Karim (hier im Zuender) dann schön hinten auf dem Motorroller nach Hause gedüst, durch die mild-duftende Nacht von Paris. Die Nächte an den Wochenenden mag ich in Paris sowieso am liebsten. Die Menschen sind dann meistens in prächtiger Laune, die Quartiers pulsieren mit Nachtschwärmern, schönen Frauen, guter Atmosphäre, traubenhimmelsfruchtigemrotweinausderprovence. Da wird dann schon auch mal spontan der eine oder andere Chanson angestimmt, und alle kennen die Texte und die Melancholie und den Charme, den er austrahlt.

Zuhause dann noch einen „Get Well Soon“-Artikel aus der hippen Szene-Zeitschrift „Les Inrockuptibles“ rausgeschnibbelt, (Danke noch mal Francois, ein wirklich gelungenes Geschenk), Konstantin und die Band hatten ein paar Wochen zuvor im Fleche d’Or („Goldpfeil“) gespielt, es war schön auch den Maxxxi und den Paul mal wieder zu sehen (auch wenn meine Freunde während des Konzerts gequatscht haben und der Sound nicht der beste war, ich bin immer noch grämlich).

Dann auf You Tube Videos mit Gerhard Schröder in der legendären Elefantenrunde angesehen („Das war suboptimal“), nachdem ich bei Schimmeck einen Artikel über Schröders letztes Comeback gelesen hatte.

 

Danach zur Kalkowe-Parodie davon gesurft (sehr schön!), weiter irr-gelichtet zu irgendwelchen Reden von Kohl, Geissler, Hitler, Ahmadinedschad bis zu den brennenden Twin-Towers. Random-Horror-Telly mit You Tube um 4:44 Uhr.

Zum Abschluss noch bei einer ägyptischen Marlboro auf dem Balkon, irgendwo unterhalb von Belleville neben dem Canal St. Martin, überhalb vom Place de la Republique einen Jägermeister verbraten. Das Leben war schön. Der Kater am nächsten Morgen dick.

Die Schreiberei ist für mich Luxus und die letzten Wochen waren tough: Ich war seit gut einem halben Jahr auf Jobsuche in Deutschland. In zwei Monaten war ich dreimal in Berlin: per Flugzeug und mit dem Nachtzug. Das lief dann so ab:

Arbeiten – Nachtzug – Berlin – Vorstellungsgespräch – Ausgehen mit den Freunden (Danke Marc, Vanessa und Gerd) – Nachtzug – und direkt wieder zur Arbeit.

Zwischendurch kamen noch Alice und Kersten auf Besuch, danach waren wir auf einer Taufe vom Sohn der Jugendfreundin meiner Liebsten, davor noch ein Wochenende in der Bretagne und dann ein paar Tage in der Provence.

Ich bin also gelinde gesagt ziemlich im Eimer und erstmal froh, seit langer Zeit mal wieder ein ruhiges Wochenende zuhause verbracht zu haben.

Ich werde Paris vermissen. Auf diesem Blog kam diese Stadt nicht immer gut weg, denn es ist bei allem Kultur-Geschichts-Schickeria-Schnick-Schnack eine kalte Stadt. Aber das ist ja nicht alles.
Was wirklich zählt, sind ja immer die Menschen, die man trifft (und ich weiß wovon ich rede: Ich habe 19 Jahre Möhringen, ein Jahr Freiburg, drei Jahre Bayreuth, ein Jahr Coventry und zwei Jahre Mannheim nur durch nette Menschen überlebt), und die werden mir fehlen.

Man braucht hier viel Zeit für alles, auch für öden Socialising-Kram. Wir haben ersma die Schnauze voll (auch von unseren Jobs) und ziehen im Herbst nach Berlin.

Wein?(Wie mann’s kennt: Paris macht schön (-e Zähne))

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Antoine, gimme more money!

Paris in the morning

Paris verbraucht Unmengen Energie. Ich habe schon in eigenen Städten gelebt, aber keine lässt einen abends so schlapp die Treppen hochkrabbeln wie diese.
Ich sollte mich nicht beklagen, die meisten meiner Freunde und Bekannten arbeiten nicht wie ich nur 35 Stunden die Woche. Die meisten gehen morgens um acht aus dem Haus und kommen abends um acht wieder heim. Sie sind oft Berufanfänger, die aus der Provinz in die Stadt gezogen sind um hier Arbeit zu finden. In Paris konzentrieren sich alle Verlagshäuser, Kommunikationsagenturen, die Musikwirtschaft, Recht, Kultur, Business, Macht, alles. Wer in Frankreich was werden will, muss nach Paris. Und dort dann erstmal richtig hart arbeiten, die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist groß. Ich höre sie oft sagen: „Ja, klar ist das scheisse so viel zu arbeiten. Ich mach das noch die nächsten sechs Monate und dann lass’ ich es ruhiger angehen.“ Ich bezweifle inzwischen, ob das so einfach ist. Man marschiert nicht einfach so eines Tages zum Chef ins Büro und sagt: „ Bonjour, ca va? Du hör mal Antoine, ich hab mir jetzt die letzten zwei Jahre den Arsch für euch aufgerissen. Ich lass es ab jetzt mal’n bisschen langsamer angehen, d’accord? Ich brauch’ auch ein Privatleben, tu comprends? Wie sieht’s eigentlich aus mit Gehaltserhöhung und Beförderung? Wäre auch mal an der Zeit. OK pour toi?“ Schwierig. Continue reading

Métro, Boulot, Dodo

…und während sich die Polizisten und die Jugendlichen in den Banlieus die Köpfe einschlagen, und Studenten sich gegenseitig verraten und verkaufen, erholen wir Bürger uns innerhalb der Märchenfestung Paris von den endlosen Nahverkehrstreiks, in dem wir uns ganz dem vorweihnachtlichen Citystress hingeben: Métro, Boulot, Dodo – Métro, Arbeit, Pennen. Unaufholbare Arbeit wird versucht mit noch mehr Arbeit aufzuholen, neue Neurosen platzen auf und führen über unbeschlafene Nächte zu Teufelskreisen, die man mit noch mehr Arbeit bekämpft. Zwischendurch, unterwegs auf den Strassen, führen wir unseren eigenen Kleinkrieg: Wer kann schneller irgendwo hinlaufen als alle anderen? Wer schwimmt die meisten Bahnen im Pool – Swimming with Sharks – der Wettkampf wird vom Business-Büro ins Schwimmbad verlegt. Ellebogen raus und durchkraulen..

Ich stehe in der Métro, wir halten irgendwo auf Linie 5. Auf dem Bahnsteig steht ein Mann und lehnt gegen die U-Bahn-Mauer. Er hat die Augen nach oben verdreht und stößt seinen Hinterkopf heftig und immer wieder gegen die Wand. Wir stehen und stehen und stehen, voll gestopft mit endlos schleifenden Arbeitsgedanken drinnen und schauen raus und fluchen leise. Der Mann betritt schließlich die Bahn und lehnt sich gegen die Tür. Er schlägt seinen Kopf einige Male dagegen und ist ein paar Stationen später verschwunden.

Vor ein paar Tagen wurde ein Mädchen erstochen in der Endstation von Regionalbahn D aufgefunden.

Vor ein paar Wochen sah ich beim Bierholen auf der Straße einen Manager, der so laut vor Verzweiflung schrie, dass mir das Blut in den Adern gefror.

Vor ein paar Monaten stand ich in einem Aufzug im Metroschacht von Line 3b, der mir in roten Digitalziffern zuflüsterte: „ME EMPTY“

Foto von Julia Thissen