Antoine, gimme more money!

Paris in the morning

Paris verbraucht Unmengen Energie. Ich habe schon in eigenen Städten gelebt, aber keine lässt einen abends so schlapp die Treppen hochkrabbeln wie diese.
Ich sollte mich nicht beklagen, die meisten meiner Freunde und Bekannten arbeiten nicht wie ich nur 35 Stunden die Woche. Die meisten gehen morgens um acht aus dem Haus und kommen abends um acht wieder heim. Sie sind oft Berufanfänger, die aus der Provinz in die Stadt gezogen sind um hier Arbeit zu finden. In Paris konzentrieren sich alle Verlagshäuser, Kommunikationsagenturen, die Musikwirtschaft, Recht, Kultur, Business, Macht, alles. Wer in Frankreich was werden will, muss nach Paris. Und dort dann erstmal richtig hart arbeiten, die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist groß. Ich höre sie oft sagen: „Ja, klar ist das scheisse so viel zu arbeiten. Ich mach das noch die nächsten sechs Monate und dann lass’ ich es ruhiger angehen.“ Ich bezweifle inzwischen, ob das so einfach ist. Man marschiert nicht einfach so eines Tages zum Chef ins Büro und sagt: „ Bonjour, ca va? Du hör mal Antoine, ich hab mir jetzt die letzten zwei Jahre den Arsch für euch aufgerissen. Ich lass es ab jetzt mal’n bisschen langsamer angehen, d’accord? Ich brauch’ auch ein Privatleben, tu comprends? Wie sieht’s eigentlich aus mit Gehaltserhöhung und Beförderung? Wäre auch mal an der Zeit. OK pour toi?“ Schwierig. Continue reading

Métro, Boulot, Dodo

…und während sich die Polizisten und die Jugendlichen in den Banlieus die Köpfe einschlagen, und Studenten sich gegenseitig verraten und verkaufen, erholen wir Bürger uns innerhalb der Märchenfestung Paris von den endlosen Nahverkehrstreiks, in dem wir uns ganz dem vorweihnachtlichen Citystress hingeben: Métro, Boulot, Dodo – Métro, Arbeit, Pennen. Unaufholbare Arbeit wird versucht mit noch mehr Arbeit aufzuholen, neue Neurosen platzen auf und führen über unbeschlafene Nächte zu Teufelskreisen, die man mit noch mehr Arbeit bekämpft. Zwischendurch, unterwegs auf den Strassen, führen wir unseren eigenen Kleinkrieg: Wer kann schneller irgendwo hinlaufen als alle anderen? Wer schwimmt die meisten Bahnen im Pool – Swimming with Sharks – der Wettkampf wird vom Business-Büro ins Schwimmbad verlegt. Ellebogen raus und durchkraulen..

Ich stehe in der Métro, wir halten irgendwo auf Linie 5. Auf dem Bahnsteig steht ein Mann und lehnt gegen die U-Bahn-Mauer. Er hat die Augen nach oben verdreht und stößt seinen Hinterkopf heftig und immer wieder gegen die Wand. Wir stehen und stehen und stehen, voll gestopft mit endlos schleifenden Arbeitsgedanken drinnen und schauen raus und fluchen leise. Der Mann betritt schließlich die Bahn und lehnt sich gegen die Tür. Er schlägt seinen Kopf einige Male dagegen und ist ein paar Stationen später verschwunden.

Vor ein paar Tagen wurde ein Mädchen erstochen in der Endstation von Regionalbahn D aufgefunden.

Vor ein paar Wochen sah ich beim Bierholen auf der Straße einen Manager, der so laut vor Verzweiflung schrie, dass mir das Blut in den Adern gefror.

Vor ein paar Monaten stand ich in einem Aufzug im Metroschacht von Line 3b, der mir in roten Digitalziffern zuflüsterte: „ME EMPTY“

Foto von Julia Thissen