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Buchrezension – Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung

Seit Oktober 2004 ist Konrad Paul Liessmann an der Universität Wien Studienprogrammleiter für Philosophie und Bildungswissenschaft. 2006 veröffentlichte er ein schmales Buch mit dem Titel „Theorie der Unbildung“. Im gleichen Jahr wurde zum „Wissenschaftler des Jahres“ vom Club der österreichischen Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten ausgezeichnet. Dieser Auszeichnung wird er wohl mit einem leicht ironischem Lächeln begegnet sein; denn tatsächlich ist er einer derjenigen wenigen, die seit Jahren gegen die Transformation der westlichen „Industriegesellschaften“ zu den sogenannten „Wissensgesellschaften“ polemisieren. Dabei geht es dem Essayisten, Literaturkritiker und Kulturpublizisten Liessmann nicht vorrangig um eine Kritik an der Ökonomie des globalen Kapitalismus, sondern vielmehr um eine Kritik an der damit einhergehenden Ökonomisierung des Wissens. Die „Theorie der Unbildung“ ist, wie gesagt, ein schmales Buch. Aber es ist eine große Polemik:

1. Halb- und Un-bildung

Die Begriffsidee des Titels leiht sich Liessmann von Theodor Adorno, verschärft ihn allerdings von „Halb-“ zu „Un-“. Während die Halb-bildung bei Adorno noch hauptsächlich eine selbstverschuldete Wissensunmündigkeit des Individuums darstellte, welches sich beispielweise durch einen Mangel an historisierendem Durchdenken nicht kritisch zum Konsumfetischismus verhielt, steht die Verwendung des Negativpartikels „Un-“ nun für die Dramatisierung der Sache: Das Wissen, so Liessmann, wird heute systematisch in einzelne Legosteine gegossen, und Schuld daran ist nicht das Individuum an sich, sondern vielmehr die institutionellen Sphären, in denen heute Wissen vermittelt wird, sprich Schulen und Universitäten.

Liessmanns vehemente Attacke richten sich gegen eine Tatsache, die viele heute mit nicht mehr als einem Achselzucken quittieren würden: Mit der Verlagerung der großindustriellen Produktion in Schwellenländer, wo bereitwillig Lohnsklaven ihrer Ausbeutung harren, bleibt den ehemaligen Produktionsfestungen westlichen Zuschnitts nur noch ein Ausweg: Der der Verlagerung der Produktionskräfte in den Dienstleistungssektor. Dass nun aber der Dienstleistungssektor nach einer anthropologischen Konstante zu arbeiten scheint, den er in der Industrie gelernt hat, fällt Liessmann besonders – er ist selbst akademischer Rektor – im Bereich der Bildungswissenschaften auf.

2. Produktionsbrigaden

So ist, konsultiert man Zeitungen, der Bolognaprozess scheinbar unvermeidlich. Doch die dahinter stehende Ideologie ist verheerend für jeden, der mehr als nur drei Seiten Humboldt auf Wikipedia gelesen hat. Liessmann, ganz in der österreichischen Tradition eines Karl Krauss oder Nestroy, schreibt deshalb in einem Stil, der sich via PowerPoint (noch) nicht herstellen lässt. Nach Liessmann sind die Methodiken der Großindustrie, „Standardisierung“, „Mechanisierung“, „Angleichung menschlicher Arbeitsprozesse“ nun oberste Ziele des Bildungssektors, denn dieser muss dem Dienstleistungssektor möglichst verlustfrei zuarbeiten. Die Autonomie des Subjekts wird in die Tonne getreten, sobald McDonalds künftig einen Master in Intercultural Studies anbietet. Dass Wissen ursprünglich Denken bedeuten konnte, welches zum Verstehen führt, ist unnötiger historischer Balast: Effizienz und Arbeitsteilung sind gefragt, und so verwundert es auch nicht, dass „die vielgerühmte Modularisierung von Studien etwa (…) die Übertragung des Prinzips funktional differenzierter Fertigungshallen auf den Wissenserwerb“ darstellt, in denen Module und Lerneinheiten zu absolut standardisierten Abschlüssen quasi montiert werden. Studenten werden als zukünftige (Re-) Produktionsbrigaden des Wissens gesehen, „denen problemlos Ziele, Steigerungsraten und Verwertbarkeitsberechnungen vorgegeben werden können“. In nuce: Die Universität degradiert zwangsweise zum Unternehmen.

3. Evaluation! Evaluation!

Wenn ein F.A.Z Artikel auf Seite eins der KU-Eichstaett neulich „geistige Provinzialität“ bescheinigte, könnte man denken, dies wäre mit einem wirtschaftserfahrenem Präsidenten auf lange Sicht zu beheben gewesen, stünden doch auch hier genug „human ressources“ zu Verfügung, um mit rigider Führung „Qualitätssteigerung“, „Internationalisierung“, „Effizienz“, „Elitenbildung“ und „Forschungsoffensiven“ zu erreichen. Sicherlich, laut Liessmann, dem Zyniker, und jedem noch menschlich denkendem Menschen, sind Zeit, Focus, Spiegel und Stern-rankings suspekt: Denn wenn vorgeblich das außergewöhnliche, kreative und originelle Denken gefragt ist, ist es ironisch, dass herkömmliche Evaluationsverfahren dieses prinzipiell ignorieren. So werden Drittmittelprojekte laut Liessmann nach Maßgabe ihrer „Zukunftsfähigkeit“ vergeben und sich mittels dem „Fetisch der Internationalisierung“ „brain gains“ erhofft, für den normalen Studenten etwa der Auslandsaufenthalt zu einer Qualifikation an und für sich hochstilisiert, auch wenn dieser zwischen sechs unbezahlten Praktika, intergalaktischen Mediationstrainings in der Hamburger Moschee und Dreifachstudium zwischen London, Paris und Timbuktu keinen klaren Gedanken mehr fassen kann.

Was der normale Student zwischenzeitlich weniger zu spüren bekommt, ist die Tatsache, dass die Möglichkeit, solche international großen, geistig aber kurzen Sprünge zu tätigen, häufig von Jahre zuvor getätigten Projektanträgen abhängt, die nur zwecks möglicher Pluspunkte für den „Standardfaktor“ aus Angst vor alljährlicher Evaluation in Angriff genommen worden sind. So gedeiht unter diesen Bedingungen „nicht Forschung, wohl aber der organisatorische, bürokratische und poetische Aufwand für diese. Projektanträge erreichen mittlerweile Dimensionen, die dem Vernehmen nach dazu führen, dass manch ein Antragsteller gleich den Antrag als wissenschaftliche Publikation deklariert – was insofern sinnvoll ist, als ja, wie schon Daniel Defoe wußte, ein Projekt ein großartiges Unternehmen ist, das zu breit angelegt ist, als daß aus ihm etwas werden könnte.“

4. „Leistungspunkte“, Henry Ford, blended learning!

Sobald Liessmann den Begriff „Leistungspunkte“ durch den Akademianebel hindurchläuten hört, stellen sich ihm seine an Freiheit verwöhnten Nackenhaare widerborstig auf. Natürlich hat er Recht, denn: ECTS-Punkte stellen ja keine inhaltlichen Äquivalenzen von Studien fest, sondern vergleichen aufgewendete Arbeitszeiten. So gehört es ihm zu den „(…) Ironien der Weltgeschichte, dass die Marxsche Arbeitswertlehre, die von den Wirtschaftswissenschaften mit Abscheu ad acta gelegt wurde, in der europäischen Bildungsplanwirtschaft fröhliche Urständ feiert: Der Wert eines Studiums bemißt sich nach der dafür aufgewendeten durchschnittlichen Arbeitszeit.“ Die Stufe des Zynismus ist dann erreicht, wenn ein Student vier Stunden damit verbringt, seine durschnittliche Lernzeit zusammenzurechnen, deren slots er vorher sorgsam mit der vibrierenden Stoppuhr auf seinem Bibliothekstisch getimt hat. Die Zeit, die man verbraucht, um seine Leistungspunkte zusammenzuzählen, rufen Erinnerungen an puritanische Missionare in den 1830ern der USA wach, in dem der Wanderprediger 2 Dollar pro Seele mehr im Klingelbeutel zu Schütteln bekam. Da zwei Dollar auch damals nicht viel waren, kann man sich vorstellen, wie fundiert und reflektiert das spirituelle Gespräch verlaufen ist. Ganz auf unsere heutigen Zeiten zurückprojeziert: Wenn eine individuelle Seele in Paderborn irgendein Ethikmodul mit 2.5 ECTS studiert, dann lässt sich das von den realen Lebensumständen ja ganz vorzüglich mit einem ähnlichen in Debrecen vergleichen, oder nicht?

Es wird hier also als Ziel etwas formell und normativ vorformuliert, was in den verschiedensten sozialen Kulturen europäischer Studenten noch längst nicht egalitär umsetzbar ist. Was übrigens nicht von dem schönen Paradox abhält, dass wenn es denn mal so kommen sollte, eine Auslandsaufenthalt wohl nicht mehr so spannend sein dürfte.

Nach Liessmann hat die Einführung der ETCS allerdings noch einen anderen Nebeneffekt: Studenpläne müssen sich nicht mehr an den für das Erreichen der Studienziele anzubietenden Lehrveranstaltungen orientieren, sondern an den dafür zu erbringenden Leistungen der Studierenden. Damit können studentische Leistungen nach und nach von den Lehrveranstaltungen entkoppelt werden und diese werden zusehends durch virtuelles E-learning ersetzt. Bald entstehen private Anbieter, die, ähnlich den in Schülerkreisen völlig überlaufenen Nachhilfeinstituten, die Studenten coachen, womit sich der Staat erleichtert lästige Personalkosten in Forschung und die Studenten Studiengebühren sparen und die Universität als reines Zertifizierungsorgan ihrem sicheren Exitus entgegendämmert.

5. Das Ende…

…soll hier zwecks Dramaturgie und wegen gesteigerten Modultimingstresses unterbrechen. Alle Geisteswissenschaftler, die irgendwie einen kleinen slot für ein Buch in ihrem Blueberry einplanen können, lesen weiter bei…

Paul Konrad Liessmann: Theorie der Unbildung (Zsolnay)

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