Schreiben als Skelett

Neues Jahr und schon bestens gefastet. Gezwungenermaßen, versteht sich, der kleine Hase kam mit dem Noro-Virus kurz vor Abfahrt zu den Großeltern angehoppelt und hat die gesamte Familie beiderseitig dann auch konsequenterweise damit flachgelegt. Ich sitze hier also nun wieder in Berlin nach der erfolgreich abgewerkelten Rentrée auf dem Bett und schreibe als Skelett. Nicht nur das Magen-Darm-Virus führte zum Verlust zahlreicher Pfunde; schon zuvor hatte ich eine dreimonatige Alkoholpause eingelegt und dadurch übelst abgenommen. Meine Schwester Susanne sagt allerdings, dieses Magere stehe mir. Und sie muss es ja wissen als alter Theaterhase (wobei „alt“ hier ja nicht ganz zutrifft, sie wird ja weithin weiterhin als „die junge Regisseurin“ beschrieben.) Wie das so war ohne Alkohol, fragt sich das zu dieser Uhrzeit wohl schon selbst ordentlich angetüdelte und deshalb leicht geneigte Leserlein (man beachte trotz Suff (deinem nicht meinem) die elegante Genderumschiffung!)? Nun, relativ uspektakulär. Haut besser. Fintness vor allem am Wochenede beachtenswert. Achtsamkeit insgesamt gesteigert. Und: Ich habe das trinken nicht vermisst, Experiment geglückt. Besten Dank an dieser Stelle auch noch an die Damen und Herren Geliebte und Freunde, die das mit großer Gelassenheit begrüßt haben, ohne sich dabei aus der ureigenen Gemütlichkeit bringen zu lassen. You are stars. Und von wegen Stars und Theater und so: Liebe Schwester, was wirst du wohl mit dem Hasen hier mal anfangen?
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Konstantin & The Lufthansa Heist

Die erste Show von Konstantin Gropper sah ich 2004 in Mannheim. Er spielte eines Abends mit Maike Rosa Vogel in der Popakademie. Die beiden bildeten zu jener Zeit das Ensemble „The Grand Mirage“. Andrea und ich standen vor der Bühne — hin und weg. Endlich mal wieder Musik mit Tiefgang und Abgründen fernab von diesem deutschen Befindlichkeits-Softpop, den man damals schon von allen Seiten auf die Sambas gekotzt bekam und der dann den Begleitsound der „Wir-sind-von-uns-selbst-besoffen“-WM 2006 ausmachen sollte. Bei aller Euphorie war es eine Zeit der Orientierungslosigkeit. Mit wenigen Lichtblicken, die umso heller strahlten. Wallis Bird. Maike. Konstantin.

Seit jenem Abend sind zehn Jahre vergangen. Deutschland ist Weltmeister, The Grand Mirage Geschichte und Konstantin hat mit Get Well Soon inzwischen drei Alben auf City Slang veröffentlicht. And there is more to come: Im November stehen nun gleich drei neue EPs ins Haus: „The Lufthansa Heist“, „Henry – The Infinite Desire of Heinrich Zeppelin Alfred von Nullmeyer“ und „Greatest Hits“.

Das Artwork des 10‘‘-Vinyl-Trios wurde vom Biberacher Künstler Hermann Schenkel beigesteuert. Es ist so gelungen, dass ich ernsthaft überlege, die Platten einzurahmen und aufzuhängen.

Greatest Hits versammelt sechs Coverversionen diverser Songs, die Konstantin schon immer mal auf einer Platte unterkriegen wollte. Darunter findet sich auch eine Interpretation von „Careless Whisper“, dem 30-jährigen Superhit von George Michael, hier zu sehen als Video (directed and produced by Philipp Käßbohrer & bft.) It’s a beauty:

Im Vergleich hier das Original von George Michael. Bademantel an, Champagner auf:

By the way: Auf seinem ersten Album „Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon“ coverte Konstantin bereits “Born Slippy” von Underworld:

Hier das Original, einer der großen Hits für uns Indie-90s-Teenager.

Anyway, um auch mal auf den Punkt zu kommen — Die erste von drei EPs ist heute erschienen: „The Lufthansa Heist“. Konstantin schreibt dazu:

Bei der ersten EP weiß ich nicht genau, ob es eine verfrühte Midlife-Crisis oder eine zweite Pubertät war, ein reiner Anfall von Nostalgie oder eine Sinnkrise, die zur Frage führte: Warum hab ich damit nur angefangen? Jedenfalls hat es mich zurück geführt zu der Musik, wegen der ich damals eine Gitarre haben und eine Band gründen wollte. Ich glaube, das hieß mal College-Rock oder so. Und ich schwöre, ich habe wieder Pickel gekriegt, als ich die Songs aufgenommen habe.

College-Rock, baby! Auf Spotify hat er gestern auf einer Playlist die Songs zusammengestellt, die ihn damals inspirierten. Great stuff. Check it out.

The Lufthansa Heist ist übrigens benannt nach dem großen Lufthansa-Raub, der 1978 auf dem John F. Kennedy International Airport in New York City verübt wurde. Wikipedia dazu:

Die erbeutete Summe wurde auf rund 5 Mio. US-Dollar in Bargeld und 875.000 US-Dollar in Form von Juwelen beziffert (in heutiger Kaufkraft 21.813.000 US-Dollar) und ist somit der größte auf US-amerikanischem Boden begangene Raub.[1]

Das Verbrechen wurde Thema zweier Fernsehfilme: The 10 Million Dollar Getaway und The Big Heist. In Scorseses Erfolgsfilm Goodfellas von 1990 über den Mittäter Henry Hill findet der Raub ebenfalls Erwähnung.

Tatsächlich befindet sich auf Get Well Soons Platte ein Ghostrack nach dem fünften und letzten Song  „Staying Home“ ab Minute 5:17. Es ist ein Cover des 2. Teils von „Layla“, dem berühmten Song von Eric Clapton. Der 2. Teil von Lalya ist eine träumerische Coda, die Konstantin sehr schön interpretiert. Check it out here.

Und siehe da, in Scorseses grandiosem Epos „Goodfellas“ findet sich die oben von Wikipedia erwähnte Erwähnung. Untermalt von Claptons Layla:

Nice one. Travelling back in time with Get Well Soon. It’s out there now.

Mit spitzem Bleistift bei höchster Konzentration

The War on Drugs mit Timon im Huxleys gesehen gestern Abend. Timon kam in seinem Retro-Volvo angerollt und parkte literally direkt vor dem Huxleys. Elegance, style and timing at its best. Er hatte aber uneleganterweise noch keine Karte und hoffte auf die Ergatterung derselben vor Ort. Finally, after long hours of waiting, a black angel came and sold him one. Das Konzert war dann aber nur so mittel. Mir fällt auf, dass ich mich bei den meisten Gigs heuer ziemlich schnell langweile. Ich stehe dann so rum und hab irgendwann Rückenschmerzen. Mit den Gedanken spiralisiere ich überall, nur nicht um die Band. Was mir fehlt, ist die FF-Funktion, um den einen oder anderen mediokren Song zu skippen, bis wieder was hotteres kommt. Timon war auch nicht euphorisch und fand es eher so „Bryan-Adamsy“. Diese Einschätzung war schon ziemlich hart (meine schlimmste war nur „Classic Rockyish“).

warum-läuft-herr-r-amok

Bild aus den Proben zu „Warum läuft Herr R. Amok?“

Heute mit spitzem Bleistifte und bei höchster Konzentration an einem Prozesschart auf DIN A3 geschuftet. Ich kam mir dabei vor wie ein Protagonist aus Rainer Werner Fassbinders Film „Warum läuft Herr R. Amok?“ Dort werden technische Zeichner, unter anderem auch Herr R., in einer langen Szene bei der Arbeit beobachtet; es passiert sonst nichts. Dieses eben formulierte Referenz-Szenario ist allerdings weniger ein Hinweis auf meinen aktuellen Mental State of Mind, sondern vielmehr eine (zugegebenermaßen halbgalante) Überleitung auf das aufdämmernde neue Stück meiner Schwester Susanne an den Münchner Kammerspielen. Es heißt, Trommelwirbel: „Warum läuft Herr R. Amok?“ Premiere ist Ende November, und ich bin gespannt, ob mein Vater wieder dabei ist, um den einen oder anderen aufgebrachten Münchner Schickeria-Theatergänger nach Vorhangfall einzuschüchtern. Bei der Fegefeuer-Premiere saß in der Reihe vor meinen Eltern so einer, der laut am „Buuuuh!“ rufen war, woraufhin mein Vater sich vorlehnte, um ihm laut und deutlich „Hurraaah!“ ins Ohr zu brüllen. We call it a Klassiker.

Auf Youtube kann man sich Fassbinders & Michael Fenglers Original-Film in Vorbereitung auf das Drama schon mal in voller Gänze samt italiensicher Untertitel ansehen. Viel Spaß dabei wünscht,

Yours truly,
Kennedy Jr.

Heute Morgen überquerte eine Nonne absichtlich eine rote Fußgängerampel

Home alone. Das ganze Wochenende also auf diversen Sofas rumgelegen, um Serien/Fußball zu schauen. So intensiv, dass ich mich trotz Stech-Kopfweh dazu zwingen musste, weiterhin eisern auf Bildschirme zu starren. House of Cards: Done! True Detective: Done! „Glotzen“ hieß das früher bei uns.

Nachts von Serienkillern und ihren mannigfachen Opfern geträumt. Dann mich aber wieder ein wenig dazed and confused vor dem Bildschirm aller Bildschirme aufgefundent: dem Arbeitsbildschirm. Aber durchaus funktionsfähig. Don’t you worry, NSA, you rotten, stinking, evil olive!

 Die im letzten Post beschriebene Edeka-Filiale hat jetzt zu gemacht. Alles verrammelt, Türen, Fenster, Tore. Als hätte sich Hurricane „Katrina“ angekündigt. Dabei ist es nur der Hurricane „Biedermeier“ der hier antrompetet kommt. Reicht aber auch schon, dieser Besserbürgerwahnsinn. BTW: Heute Morgen, am Görlitzer Bahnhof, überquerte eine Nonne absichtlich eine rote Fußgängerampel.

Jack Bruce ist vorgestern gestorben. May he rest in peace. Er hat meine mittleren bis späten Teenager-Jahre untermalt mit Musik von Cream und Alben wie Disraely Gears. Wahnsinnsplatte, immer noch. Wahnsinn auch, wie einen damals Musik noch erreichen konnte. Nur noch selten wird man so noch umtrompetet. Vielleicht ja heute Abend bei „The War on Drugs“?

Wahnsinns-Report to follow.

Yours truly,
Kennedy Stalling

Kasperletheater vor akut existenzbedrohten Kleinsupermarkt-Fachangestellten

Der kleine Edeka bei uns im Kiez an der Ecke muss schließen. Die Eigentümer planen eine Renovierung und wollen die 100qm-Ladenfläche dann in drei Einheiten aufteilen und teurer vermieten. Keine Chance für den Betreiber und seine Angestellten da noch was zu machen, sie werden nach x Jahren quasi auf die Straße gesetzt und müssen sich einen neuen Ort für den Laden suchen. Viel Glück…

Nach der Renovierung kommen dort jetzt schicke Büroräume oder hippe kleine Läden rein — this is gentrification after all baby — die Verdrängung geht munter weiter, die Vermieter wollen neue, lukrativere Verträge.

Mit diesem Edeka beißt also ein weiteres Stück Kiezkultur ins Gras. Heiße Tränen der Wut wegen eines Edekas? Nun, der Laden war nicht nur so ein anonymer Supermarkt mit schlecht gelaunten Dienstleister-Sklaven. Im Gegenteil, die Angestellten sprudelten vor guter Laune und Lebensfreude nach frischer Kreuzberger Art und riefen sich dabei durch den ganzen Laden lautstark ihre Späßchen zu. Die hatten bis zum Schluß Spaß bei der Arbeit und kannten die Menschen im Kiez persönlich. Es gab hier die Regulars und den einen oder anderen Alki, Oldie oder die sonstig knapp begüterte und vom Drängen des Neoliberalismus verschmähte Kiezgröße, die hier in einem kleinen Büchlein anschreiben konnte. Anschreiben. Für Lebensmittel. In einem Büchlein. In einem Supermarkt. Come on, wo gibt’s denn sowas noch? Und was wird jetzt aus den Leuten, die hier nicht mehr anschreiben können?

Diese Kiezoasen sind bald für immer Geschichte – beware Spätis! Die Gründe dafür sind bekannt, es geht letztendlich um Gier. Und um „Ihr macht kaputt, was ihr sucht.“ Als ich vor einer Woche bei diesem Edeka einkaufte, stand vor mir am Kassenband ein Typ um die 30, Bärtchen, eleganter Herr-von-Eden-mäßiger Mantel, der verwundert fragte, warum denn die Regale so leer wären und ob denn eine Inventur geplant sei. „Wir machen zu“, war die Antwort und diese veranlasste ihn zu ungläubigem Staunen und zu dem folgenden, augenscheinlich solidarischen Auftritt: „Ach so ne scheiße, da ziehen dann nur wieder so Schwaben rein, echt ey. Das ist hier ja kaum mehr auszuhalten, ich glaub‘ ich zieh echt wieder weg, wenn das so weitergeht.“

Hm. Der Typ war sicherlich ein Stammkunde, und ich nehme ihm auch ab, dass er es gut meinte mit der Edeka-Belegschaft, und dass ihn die Schließung wütend macht. Was mich aber nervte an seiner kleinen Spontan-Show, war dieses „Ach, immer diese Anderen, die hierher ziehen und alles kaputt machen.“ Come on. Alle, die wir mit unserem bürgerlichen Hintergrund in den letzten zehn, fünfzehn Jahren in die Szenekieze gezogen sind und herziehen (ob aus der Provinz oder nicht) tragen zur Verdrängung bei, sobald wir ein bisschen Kohle (egal ob aus der Agentur oder von Mama und Papa) mitbringen oder auch nur künstlerisches oder einfach hippes Kapital. Wir alle stecken mit drin. Da können sich die Damen und Herren hier noch so anbiedern und als Original-Berliner gebärden: YOU ARE PART OF THIS, TOO.

Denn Verdrängung hat viele Gesichter.

Wie wäre es also, ein bisschen Haltung zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen, anstatt die Schuld an dieser Misere immer irgendwelchen anderen zu übertragen und dabei noch peinliche Kasperletheater vor akut existenzbedrohten Kleinsupermarktfachangestellten aufzuführen? Eben. Thank you.

Absolut sehenswert zum Thema Mieterverdrängung in Berlin — „Wem gehört die Stadt?“: