Modern Jargon – Heute mit „Transparenz, Transparenz!“

von Christopher Knoll

Mit einer scheinbaren Verzögerung von einigen Dekaden lassen sich einige führende europäische Politikwissenschaftler nunmehr zu der Feststellung hinreißen, dass der Demokratie schwierige Zeiten bevor stünden. Die Welt wird endlich rund, und das ist für Eurozentriker schwer zu begreifen. Diejenigen, die es begreifen oder schon etwas früher als 1989 vorauszuahnen verstanden, warnten vor der im Sinken begriffenen Vormachtstellung europäischer Kulturhoheit. Letzte große philosophische Entwürfe träumten entweder noch etwas verzweifelt von einer utopischen gewaltfreien Kommunikation (wie Habermas) oder überließen sich dem Schicksal der ungewissen Zukunft, im Rückspiegel den scheinbar nicht mehr einholbaren leeren Signifikanten (Dekonstruktion à la Derrida). Man suchte noch nach etwas, das mit dem Restlack europäischem Glanz einstmals großer Ideen bestrichen werden konnte. Alle mir bekannten Entwürfe, wenn ich das einmal so salopp sagen darf, hatten jedoch nichts mit den konkreten politischen Brisanzien der nachsowjetischen Zeit zu tun. In der Umbruchsdekade zog man sich eher narzistisch zurück, beklagte wieder einmal die zunehmende Technisierung der Welt und rettete sich zu Maybritt Illner oder ins Feuilleton.

Dass der britische Politologie Colin Crouch in den 90ern aber ein kleines Büchlein mit dem sprechenden Titel „Postdemocracy“ schrieb, offensichtliche Anspielung auf die Posthistoire, schien nicht vielen bekannt. Kurz formuliert skizziert er darin, wie die europäischen Sozialdemokratien im Zeitalter des Neoliberalismus unterzugehen drohen, und aus welchen Gründen. Mehr oder weniger in einem Nebensatz schießt er sich auch auf einige Begriffe ein, die seiner Meinung nach die Visions- und Hilflosigkeit politischer Akteure ex negativo im besten Sinne des Wortes „kaschieren“ sollen: „Transparenz“, „Kommunikation“, „Nachhaltigkeit“, „soft skills“, etc… Crouch deutet an, dass die Frequenz dieser Wörter im gesellschaftlichen Bereich in keinem Verhältnis zu ihren Bedeutungsmöglichkeiten stehen. Mit anderen Worten: Man schreie gern allerorten nach „Transparenz“ (z.B. in der Bedeutung gewünschter Nachvollziehbarkeit politischer Entscheidungen in Institutionen), vergesse darüber aber gerne, dass der Begriff – um mit Adorno zu sprechen – in einen Gesamtjargon übergeht, der der eigentlich wünschenswerten Forderung praktisch zuwider läuft: Wenn jeder Transparenz fordert, stellt er sich als Rezipient von Entscheidungen dar, auf die er allerdings keinen veritablen Einfluss zu haben scheint. Kurz: Wer nach Transparenz schreit, muss sich selbst nicht die Mühe machen, politisch verantwortungsbewusst zu agieren. „Transparenz“ ist eine Hilfeschrei imaginierter Hilflosigkeit und möglicherweise realem Ohnmachtsgefühl: Die Welt dreht sich schneller als je zuvor, virtuelle Netzwerke ver- und entknüpfen sich, interessiert bzw. betrifft mich eigentlich der Anschlag in Bombay, oder kann ich das ignorieren? Wer steckt dahinter und unter welchen Decken? Ist mein Nachbar Islamist? – Man sieht, die Welt scheint furchtbar intransparent.

Die Forderung nach Transparenz hat eine lange geschichtliche Tradition, sie war ständiger Bestandteil der Kultur- bzw. Zivilisationskritik. Ins Positive gewendet wirkt sie korrigierend: Weg mit den Schleiern des Nichtwissens (Kant), des faulen Zaubers des Theaters (Francis Bacon), der unbotmäßigen Einzäunung und Kaschierung von Privatbesitz (Rousseau).

Im Negativen aber wird sie totalitär: Jeremy Bentham, wohl wichtigster englischer Sozialreformer des 19. Jahrhunderts, entwickelte gleichsam das panoptische Gefängnis, eine Anleitung zur totalen Überwachung, dem kurrenten CCTV auf öffentlichen Plätzen Englands bestes Vorbild. Roland Barthes, französischer Semiotiker des 20. Jahrhunderts, war der Meinung, dass das eindringlichste Anzeichen totalitärer Gesellschaften nicht sei, dass man etwas nicht sagen dürfe, sondern dass man zum Reden gezwungen werde. Im heutigen Überwachungsstaat Deutschland (rein fiktives Beispiel), der nahezu widerstandslos orwellsche Ausmaße anzunehmen beginnt (Versammlungsgesetz, etc…), gälte dann die weitere Prämisse Barthes, dass in totalitären Staaten jedes private Geheimnis als eine zum Schutze der Öffentlichkeit potentiell unabdingbare Information behandelt werde.

 

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