Métro, Boulot, Dodo

…und während sich die Polizisten und die Jugendlichen in den Banlieus die Köpfe einschlagen, und Studenten sich gegenseitig verraten und verkaufen, erholen wir Bürger uns innerhalb der Märchenfestung Paris von den endlosen Nahverkehrstreiks, in dem wir uns ganz dem vorweihnachtlichen Citystress hingeben: Métro, Boulot, Dodo – Métro, Arbeit, Pennen. Unaufholbare Arbeit wird versucht mit noch mehr Arbeit aufzuholen, neue Neurosen platzen auf und führen über unbeschlafene Nächte zu Teufelskreisen, die man mit noch mehr Arbeit bekämpft. Zwischendurch, unterwegs auf den Strassen, führen wir unseren eigenen Kleinkrieg: Wer kann schneller irgendwo hinlaufen als alle anderen? Wer schwimmt die meisten Bahnen im Pool – Swimming with Sharks – der Wettkampf wird vom Business-Büro ins Schwimmbad verlegt. Ellebogen raus und durchkraulen..

Ich stehe in der Métro, wir halten irgendwo auf Linie 5. Auf dem Bahnsteig steht ein Mann und lehnt gegen die U-Bahn-Mauer. Er hat die Augen nach oben verdreht und stößt seinen Hinterkopf heftig und immer wieder gegen die Wand. Wir stehen und stehen und stehen, voll gestopft mit endlos schleifenden Arbeitsgedanken drinnen und schauen raus und fluchen leise. Der Mann betritt schließlich die Bahn und lehnt sich gegen die Tür. Er schlägt seinen Kopf einige Male dagegen und ist ein paar Stationen später verschwunden.

Vor ein paar Tagen wurde ein Mädchen erstochen in der Endstation von Regionalbahn D aufgefunden.

Vor ein paar Wochen sah ich beim Bierholen auf der Straße einen Manager, der so laut vor Verzweiflung schrie, dass mir das Blut in den Adern gefror.

Vor ein paar Monaten stand ich in einem Aufzug im Metroschacht von Line 3b, der mir in roten Digitalziffern zuflüsterte: „ME EMPTY“

Foto von Julia Thissen

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.