Großglasige, goldumrandete Brille & schwarze Mokassins

Am Dienstag feierte eine Kollegin und Freundin aus meinem Verlag ihr 13-jähriges „Dienstjubiläum“. Sie feierte das nicht wortwörtlich, wir saßen einfach in ihrem Büro beim Kaffee zusammen, und sie fing an von den Jobs zu erzählen, die sie in ihrer langen Arbeitskarriere schon hatte.

Sie kam in den 80ern als gelernte Werbekauffrau aus Dresden nach Ostberlin. Bei ihrer ersten Anstellung war sie die einzige Frau, die einen Minirock im Büro trug. Ich glaube sie arbeitete als Schaufensterdekoratörin. Nach der Wende war sie eine zeitlang arbeitslos und gründete dann mit ihrem damaligen Freund einen „Eskort-Service“, der aber nichts mit Sex-Begleitung zu tun hatte.  Der Service sollte den vielen Neuberlinern und Investoren aus dem Westen die Stadt näher bringen. Bei den Vorstellungsterminen für einzustellende Angestellte kam ganz Berlin in ihr Büro in Prenzlauer Berg, denn alle waren nach dem Fall der Mauer auf der Suche nach Jobs, nachdem die Ostbetriebe alle abgewickelt worden waren. Jung und alt, Alkis und Freaks, sprachen vor. Sie sagte, dass das eine aufregende Zeit war – aber ausreichend Geld ließ sich mit dem Eskort-Service nicht verdienen.

Also machte sie sich auf die Suche nach etwas Neuem und fand eine Beschäftigung bei einem Technikverlag, der von einem Westler geführt wurde. Der Verlag war vormals Teil eines großen DDR-Verlagskomplexes gewesen, der alte Wessichef hatte diesen Teil nun gekauft und furzte weiterhin in seinen Ledersessel in Düsseldorf während sein Sohnemann den Laden führte. Der Junior hatte einen Schnauzer und trug vokuhila, war Besitzer einer knallroten Lederjacke und schwarzen Mokassins, dazu setze er eine großglasige, goldumrandete Brille auf seine Nase. Er war ein Stümper und Schwerenöter vor dem Herrn, der mit der hochstöckelschuhenden Sekretärin und der ebenfalls adretten Buchhalterin vögelte obwohl seine eigene Frau ebenfalls im Verlag arbeitete. Natürlich flog die ganze Sache auf. Meine Kollegin war nicht ganz unbeteiligt an der Sache, da befreundet mit der Ehefrau. Ihr Arbeitsverhältnis mit dem Junior aus Düsseldorf (der ihr bei Gelegenheit auch schon an die Wäsche gewollt hatte, er wollte sowieso „alles vöglen was nicht bei drei auf dem Baum war“) war natürlich zerrüttet – es war Zeit für eine neue Aufgabe. Der Junior setzte sich später mit der Buchhalterin irgendwo in den Süden Europas ab.

Meine liebe Kollegin fand bald darauf eine Anstellung als Werbeleiterin in einem neuen, eigenständigen Möbelhaus im Südosten Berlins, dessen ehrgeiziger Gründer in Konkurrenz zu den Möbel-Riesen Höppfner und Hübner getreten war. Der Chef hatte leider diesen Drang, der generell schnell mal zum Verhängnis von Chefs wird: Er wollte alles selber machen. Und so saß meine Arbeitskollegin dann auch an den Wochenenden bis tief in die Nacht mit ihrem Chef zusammen, schnitt Möbelfotos aus und klebte die Prospekte selbst – obwohl es eine externe Agentur für diese Aufgaben gab. Natürlich war ihr Vorgesetzter mit seinem Arbeits- und Kontrollwahn auch ein schwieriger Mensch, und die endlose Fahrerei auf der Autobahn von ihrem Zuhause zur Arbeit und zurück kam noch dazu. Damals war sie auch allein erziehende Mutter. Sie kündigte. Das Letzte was sie über ihren ehemaligen Chef später hörte, war, dass er sich das Leben genommen hatte.

Irgendwann im Jahre 1998 klingelte bei ihr das Telefon und der Headhunter Knut M. Kesselbeil rief bei ihr an. Kesselbeil war von unserem Verlag angesetzt worden und holte sie als Werbeleiterin ins Haus. Zusätzlich wollte er ihr aber auch an die Wäsche und war wohl recht hartnäckig, so dass ihre neue Sekretärin den Headhunter noch abwehren musste, als meine Kollegin bereits ihre Stelle angetreten hatte.

Nach 13 Jahren ist sie immer noch da. Und es geht ihr gut.

Westblick

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