Elternzeit, Baby! (Tag 40)

Es klingelt. An der Sprechanlage unten Christian, der fragt:
„Hey, hast du Lust bei uns heute Abend mit ein paar Leuten Championsleague zu schauen?“
„Lust schon, ich bin nur schon mit Kumpels in Neukölln verabredet, wir schauen da.“
„Okay, sag’ Bescheid wenn ihr aus Frankreich zurück seid, dann holen wir das nach.“
„Mach ich, ich komm’ dann auch wieder kicken, ich war gestern schon joggen, will aber erst wieder richtig fit werden.“

„Ja klar, so was dauert.“
„Wie wars  in Sotchi?“
Wir quatschen so noch eine Weile weiter, verabschieden uns, ich lege zufrieden den Interphone-Hörer auf. C. fragt aus dem anderen Zimmer: „Warum hast du ihn denn nicht reingebeten?“ Was nun folgt ist eine typische Kennedy-Kleinparanoia : Ja verdammt, warum habe ich ihn nicht einfach schnell reingebeten? Der arme Kerl musste eben eine unendliche Minute unten auf der Straße in die Sprechanlage schreien. Ob der das jetzt sehr komisch fand? Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich quatsche C. damit so lange zu, bis ich mich entschließe, Christian anzurufen, um mich zu erklären. Dann fällt mir auf, dass ich seine Telefonnummer gar nicht habe. Ich schreibe ihm eine E-Mail mit „hey, sorry, ich hoffe, blablabla“. Später quatsche ich Marc und Verena damit zu, Marc serviert aus der Hüfte die passende Seinfeld-Folge zur Situation. Erst nachts erscheint mir das alles wieder völlig genehm.

Abends schlendere ich zu Thomas, um das Spiel zu sehen. Dämmerung auf dem Tempelhofer Feld. Ich war schon Monate nicht mehr hier. Freiheitsgefühle angesichts der Weite. In der Ferne Tempelhof, kleine Lichter in Miniaturhäuserblocks. Das alte Flugfeld, ein kostbar friedlicher Ort inmitten der Stadt. Warten auf den Volksentscheid.

Am nächsten Morgen Gewaltmarsch mit Maxime zum Treptower Park. Well, ich marschiere, Maxime schläft im Baby-Stabswagen. Am Carloft vorbei, dort wurden über Nacht Scheiben eingeworfen und Farbbeutel an die Wände geschmissen. Kaum haben die Eigentümer den Wachmann eingespart, wehrt sich der Kiez erneut gegen den Fremdkörper. Ob sich das rechnet? Und wer will unter diesen Umständen da überhaupt noch wohnen? Und was macht der alte Wachmann jetzt?

Auf dem Rückweg die BILD-Schlagzeile vorm Kiosk : „Jetzt zeigt Putin sein wahres Gesicht.“ Putin wird im Profil abgebildet und schielt vom Schnappschuss verzerrt seitlich in die Kamera , was ihm einen fiesen, hinterhältigen Ausdruck verleiht. Da werden sie richtig geil jetzte, die Medien, KRIEGSGEFAHR!?!

Dann wieder am Carloft vorbei, Maxime quängelt ungeduldig, will raus aus dem Wagen. Ein dicker Böller knallt auf der anderen Straßenseite. Ich sehe rüber, vermute, dass ein paar türkische Jungs immer noch Böller horten und diese jetzt auch schon sonntagmorgens zünden, — was ich in dieser Sekunde aber tatsächlich sehe: zwei Männer vor der Kneipe eng umschlungen, der eine sackt zu Boden , der andere hält einen Revolver in der Hand…WTF ?, ich eile fluchend mit dem Kinderwagen ums Eck, um keine Aufmerksamkeit zu erzeugen/ aus der Schusslinie zu kommen, schaue kurz zurück und sehe den Schützen stockbesoffen die Liegnitzer in Richtung Wiener Straße torkeln. Ich habe mein Handy nicht dabei und bitte einen Mann, der mir entgegenkommt, den Notruf zu wählen. Er gibt mir sein Fon, ich erkläre ihm kurz, was passiert ist, wir gehen gemeinsam zurück zur Kneipe, um nach dem Niedergeschossenen zu sehen. Notruf: Warteschleife. Ich lege auf als ich sehe, dass sich das Schussopfer inzwischen wieder aufgerichtet hat. Der Wirt kommt aus der Kneipe und fragt, ob alles ok ist. Der Mann über 40 im Trainingsanzug lallt irgendwas, ist auch hacke. Hat die ganze Nacht in der „Quelle“ , diesem alten Todessäuferfass von Scheisskneipe durchgezecht. Der Wirt dieserjenen verschwindet wieder nach drinnen, wir fragen den Mann, ob es ihm gut geht. Der setzt sich auf den Randstein, irgendwas hat er am Auge, ein Veilchen? Dann springt er plötzlich wieder auf, pumpt ein paar Liegestütze und trudelt zurück in die dunkle Spelunke. „Jetzt noch ein Bier!“ ruft er noch. Dann kommt die Polizei, ein Mannschaftsbus, ein Streifenwagen. „Wo ist der Schütze? Wie sieht er aus?  Ein Ausländer ?“
You know. Die Uniforms gehen in die Kneipe. Wir gehen nach Hause frühstücken.

Die Quelle, diese alte Scheisskneipe. Marc und ich waren da mal an einem Drei-Uhr-Morgen drin, weil alle anderen Trinkhallen im Kiez rammelvoll waren. Wir fanden es anfangs noch recht gemütlich, bis wir die gescheiterten Existenzen, die Regulars, eine Weile lang hinter schalem Schultheiss-Bier beobachtet hatten: Eine herzliche, ältere Frau hat einen Superabend und unterhält sich mit einer Runde jüngerer Leute oder so. Die herzliche Barfrau, die alle Schätzchen nennt, Kette raucht und bestimmt schon seit den 70ern hier serviert, macht der herzlichen, älteren Frau einen Hunni klein, den diese innerhalb von einer dreiviertel Stunde komplett im Spielautomaten verheizt, ohne hinzuschauen, weil am Saufen, Rauchen, Schäkern. Die checkt das gar nicht mehr, hacke. Ein älterer Herr sitzt alleine aufm Hocker und kippt einen Schnapps nach dem anderen in sich rein. Er ist schon so dicht, dass er gar nicht mehr vom Hocker kippen kann und grinst nur noch hacke vor sich hin. Um sie herum weitere gescheiterte Existenzen, vom Alkohol vernichtet, nur noch als Zombies in der Quelle zu gebrauchen. Und die Quelle versiegt nie.

War wohl nur eine Schreckschusspistole. Oder der Suffi hat vorbeigeschossen. Mein Kiez, wa. Wunderbares Idyll. Das Carloft und die Quelle, allerdings, kann Putin nach rechtzeitiger Evakuierung aller lost souls gern platt machen. Sa sdorowje!

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