Elternzeit, Baby! (Tag 4)

Kopfschmerzen. Maxime fast wieder fit. Hat bis acht Uhr geschlafen und das Fieber und alles einfach weg gepennt. Nachts haben wir uns noch mal kurz gesehen. Er mit 39,5° und einem Waschlappen auf der Glühbirne, ich mit einer Flugzeugaugenbinde auf dem Schmerzkopf. Beide am Strahlen. Da sind sie, die Kreuzberger Narrenkappen.

Mittags allein zum Kotti marschiert, um hinter dem Tor im Copyshop Korrekturfahnen für C. einzuscannen. Eiseskälte, Immergrau. Sonne gibt’s nur an Feiertagen. Am K-Tor denke ich zurück an eine Szene, die sich hier vor ein, zwei Wochen abgespielt hat:

Ich bin mit Maxime im Tuch auf dem Weg nach Hause, wir schreiten vorbei an einer größeren Ansammlung von Menschen. Sie stehen vor einem der U-Bahneingange. Es sind Alkis, drug fiends, kaputte Gestalten. Sie streiten sich lauthals, keifen, kreischen. Männer und Frauen, bellende Hunde. Irgendetwas stimmt nicht. Verzweiflung liegt schwer in der Stadtluft, umgibt sie wie ein Engergiefeld straight from hell. Vielleicht ist der Dealer nicht aufgetaucht. Irgendjemand schuldet Geld. Parallele Existenzen, mehr als gescheitert. Der Boden scheint dünn, und das Glück scheint groß.

Dem Copyshop in der Dresdener sieht man gleich an, dass hier massenhaft Protestmaterial durch die Kopierer gezogen wird. Das ist nicht nur ein Shop sondern ein Ort der Begegnung, in dem Aushänge über anstehende Demos, Aktionen und Situationen informieren. So auch über die geplante Zwangsräumung einer Mieterwohnung in der Reichenberger 72a, also bei unseren Nachbarn. Die Mieterin war mit mehr als zwei Monatsmieten im Verzug und wurde vom Eigentümer fristgerecht gekündigt. Die Wohnung soll wohl in eine Eigentumswohnung umgewandelt werden. Mieterin und Sohn müssen raus. Gentrifizierung Baby. Anfang Februar findet eine Protestkundgebung vor dem Haus statt. Ich werde hingehen (lasse aber Maxime zuhause).

Catherine arbeitet heute Nachmittag nicht. Mathilde ist da. Ich lese Herrndorfs „Arbeit und Struktur.“

 

 

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