Elsass-Orgel, Todeszug und Karl Lagerfeld

Im Elsass im Mai

Eine alte romanische Kirche irgendwo in einem gottverlasssenen Dorf im Elsass.
Ich stehe drinnen auf dem Orgelbalkon, hinter mir spielt Rémy, der Vater des Patenkinds der Liebsten, seine Mutter ist auch da und singt mit dem vergreisten Chor katholische Kirchenlieder.

Es sind an diesem Sonntagmorgen nicht viele Menschen zur Messe gekommen. Es sind nur alte Menschen da, von oben sieht man ihre weißen und grauen Häupter. Es sind größtenteils Frauen und nur zwei Kinder.  Der Chor singt schief und mit brüchigen Stimmchen, der Priester ist schwarz, er ist in seinem alten Corsa hergefahren. Die Predigt konzentriert er auf die Katastrophen, die in jenen Tagen im Mai passieren: China, Tibet usw. Ich stehe mit gefalteten Händen da und zolle der Zeremonie Respekt, auch wenn der Glaube längst verflogen ist. Die Frühlingssonne strahlt durch die klaren Kirchenfenster auf den weißen Kirchenstein.

Nach dem Gottesdienst erklärt mir Rémy Funktion und Aufbau der Orgel. Ich bin beeindruckt, Orgeln sind sehr komplexe Instrumente. Um sie zu warten, müssen verschiedene Handwerker ran: Schreiner, Schmiede, Pfeifenreiniger. Ich verstehe allerdings nur wenig von seinen Erklärungen. Ich bin krank und müde, mein französisch ist schlecht.

Im Nachtzug nach Paris

Im Abteil sitzen wir zu sechst, an Schlaf ist nicht zu denken. Obwohl ich völlig erschöpft bin.
Neben mir schnorchelt ein sehr alter Mann leise vor sich hin. Er hat sich noch ein letztes Mal auf Weltreise begeben, sein Rucksack wiegt ungefähr 20 Kilogramm. Ein Pariser Ehepaar sitzt mir ein wenig verloren gegenüber, sie sind vielleicht zum ersten Mal im Nachtzug Berlin – Paris. Der Ehemann muss sich räuspert sich alle 30 Sekunden,  er kann nicht anders. Er und seine Frau wissen dast, es ist ihnen peinlich. Nach wenigen Minuten packe ich den Schlafsack aus und lege mich ins anliegende Fahrradabteil. Ich schlafe sofort ein.

Nach einigen Stunden kommt ein Berliner, der sich neben seinem Fahrrad ablegt. Er bewacht sein Mountainbike, er will eine Fahrradtour durch Frankreich machen. Ich schlafe wieder ein.

In den frühen Morgenstunden weckt mich ein Todesschrei. Ich weiß nicht wo ich bin, kann mir aber in meiner Urangst der Nacht zum ersten Mal vorstellen, wie es sein muss, in einem Menschentransport in den Tod zu fahren. Death train. Ride on, 60 coaches long.
Der Mountainbikebewacher hatte offensichtlich einen Albtraum. Wir schlafen wieder ein.

In Paris kann ich kaum glauben, dass ich mich irgendwie bewegen muss, um irgendwo hin zu gehen und fahre vom Bahnhof mit der Métro zur Arbeit.

In der Augenklinik im 16. Arrondissemt

Ich lese die Libération und fühle mich angenehm schäbig zwischen all den reichen Menschen im Wartesaal. Während die Liebste noch unter dem Laser schmort, betritt Karl Lagerfeld das Cabinet, gefolgt von einem Schönling, seinem Assistant personnel. Ein braungebrannter, sehr gesund aussehender Augenarzt begrüßt den Modezaren höflich, Lagerfeld schaut mich an, ich blicke konzentriert auf meine Zeitung, er rauscht mit dem Arzt in ein Behandlungszimmer. Der schöne Assistent setzt sich neben mich und tippt auf seinem Handy herum, telefoniert diskret mit verschiedenen Leuten. Er ist stark parfümiert. Ein paar herrvoragend aussehende Augenärzte verlassen die Klinik, vielleicht um mit dem nächsten Flieger in die Sonne zu verschwinden. Die Liebste springt aus dem Operationssaal und kann scharf sehen.

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