Drowning Man

Cohen

Ich konnte nicht schlafen. Seit Monaten hatte ich eine Leere im Bauch, doch heute Nacht schien sie entzündet. Es schmerzte und ich konnte nur noch an dieses Loch denken. Es brannte sich ein und zehrte mich auf. Ich hatte keine Schlaftabletten und weder Milch, Baldrian noch Jägermeister gaben mir Frieden. Ich rauchte Zigaretten und starrte auf die Glut. Die Fensterläden schlugen gegen die Hausmauer. Rote Sonnenstrahlen stachen durch die Jalousien. Irgendwann stand ich auf, zog sie hoch und blickte aus dem Fenster. Der Tag war angebrochen. Der Wald hinter der Wiese stand in Flammen.

Panik kroch aus dem Loch im Bauch in meine Kehle. Ich griff nach dem Laptop und gab in der Suchleiste „Waldbrand“ ein. Wo war das Handy? Ich irrte aus dem Zimmer und stieß mir den kleinen Zeh an meinem Koffer. Fluchend hielt ich mir den Fuß und sah Zigaretten auf dem Tisch liegen. Ich steckte mir eine an und ging durch die Küche in den Garten. Mir blieb der Atem stocken – die Luft war Gift. Ein Wildschwein brach durch den Holzzaun, schlitterte in den Gartenteich, kam schnaubend wieder herausgeschossen, zerschmetterte den Zaun auf der anderen Seite und verschwand in die Straße. Der Himmel war schwarz von Krähen auf der Flucht vor dem Feuer.

Am Wegkreuz auf dem Hang saß ein Mann auf einem großen Stein. Er hatte eine Gitarre auf den Knien. Unter dem Knacken der Hölzer und dem Brodeln des sterbenden Waldes schwangen leise ein paar Akkorde durch den Wind. Er spielte und sah auf den Waldbrand.
Ich ging aus dem Garten zu ihm hin und sprach ihn an. „Wer bist du?“
Er wandte den Kopf zu mir und sagte: „Ich bin der Gitarrenmann.“
„Hast du keine Angst vor dem Feuer?“
Er lachte. „Nein. Da wo ich herkomme, ist es sehr heiß. Sieh dir diesen prächtigen Brand an. Ein gesunder, alter Laubwald, der lichterloh in Flammen steht. Ist das nicht romantisch?“
„Ich erkenne dich wieder. Du bist Leonard Cohen. Du siehst genau so aus wie auf dem Cover deiner ersten Platte. Was zum Teufel machst du hier?“ Cohen lachte. Dann blickte er mich lange nachdenklich an. „I’ve come to get you, my friend.“ Mit diesen Worten fing er an, auf der Gitarre zu zupfen und er sang:

And when he knew for certain
Only drowning men could see him
He said „All men will be sailors then
Until the sea shall free them“

Mir kamen die Tränen. Ich hatte diesen Song seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gehört und spürte wie eine längst vergessene Ruhe in meinem Körper Einzug erhielt, wie eine Welle der Erleichterung, ein echtes Gefühl der Freude und der Gewissheit durch meine überreizten Nervenbahnen sprudelte. Er stellte die Gitarre ab. Ich schluckte und fühlte mich wieder leer. Wie rauchten meine Zigaretten und sahen auf das Feuer, das näher kroch, und er sprach:„We should go. Your time’s up.“
„Kann ich noch jemanden anrufen?“
„Sure. Go ahead.“
Ich rief meine Eltern an und sie weinten. Cohen fuhr seinen roten Datsun Cherry vor. Meine Eltern fuhren dieses Auto Anfang der Achtziger. Nur ein rechter Seitenspiegel. Er öffnete von innen die Beifahrertür. „Get in son.“

Wir fuhren am Bodensee die alte Uferstrasse entlang, mit den Felsen zur Linken und dem Seepanorama zur Rechten. Ich sah hinunter auf den See. Der Tag war alt geworden. Die Sturmwarnlampen in den Häfen des Sees leuchteten ewig auf und ab, verlorene Segler kämpften gegen den aufziehenden Sturm. Only drowning men could see him…
Blutrot strahlte die untergehende Sonne ihren Kitsch auf die Alpen. Der Säntis hatte Schnee auf der Kuppe. Ein Bild: Mein Großvater wandert den Berg hinauf, er ist auf der Suche nach Edelweiß.

Cohen fuhr die von Apfel- und Nussbäumen gesäumte Einfahrt zum Haus meiner Großeltern hinauf. Er hupte zweimal. Wir betraten das Haus. Im dunklen Wohnzimmer saß mein Opa in seinem Sessel und erzählte vom Krieg. Cohen und ich ließen uns ihm gegenüber auf dem Sofa nieder. Zigaretten hingen zwischen unseren Fingern. Kaffee mit Schlagsahne. Karten lagen auf dem Tisch: Frankreich, die Sonne, die Mädchen… Italien, der Fronturlaub, der Wein… Russland, im Zug, im Schnee. In den Wäldern. Der Gerbigsjäger. Dampfendes Pferdefleisch. Eine zerbrochene Brille. Ein Schuss ins Bein. Ein Schrei. Ein Leichenberg. „Die deutschen Ärzte hätten es mir abgesägt. Dem Russen sei Dank, dass ich mein Bein noch hab. Ein Schweinehund war das, der Hitler, ein Schweinehund!“ Sein hartes, grollendes R, sein altes, zitterndes Schwäbisch und in seiner welken Hand die qualmende Zigarette. Mit steifem Bein den Säntis hinauf – wo blühst du kleines Edelweiß? Schnitzstock und Feldstecher. CDU und Zeppelin. Zinnsoldatenarmee im Marmeladenglaskeller. Das Stadtbild von Wangen als Schubverkleidung im Fernseherschrank. Das Jagdhorn hoch auf dem Regal.

Wir fuhren in der Nacht. „Where are you taking me?“
„To my place by the river.“

Eine Rast auf einem Wanderweg in Südtirol. Mit dem Herz in der Hand. Die Frühlingssonne schien so warm durch die Bäume. Cohen lief mit meinen Klassenkameraden vorne weg. Sie und ich gingen mit einigem Abstand hinter her. Wir sprachen miteinander. Wir sahen uns an. „Ich wünschte mir manchmal ich könnte alle Gefühle, die ein Mensch in einem Leben erfahren kann, wie auf einer Klaviatur anspielen.“ Wir gingen nur ein kurzes Stück diese Wellenlänge entlang. Abends im Rasthaus spielte ich eine letzte große Show und später sang ich, während ich mich in eine Kloschüssel übergab. „Something in the way she moves.“ Wohin mit all der Lebenslust, wenn man sie nicht teilen kann? Ich verlor sie an den Alltag. Und dann verlor ich mich an euch.

„We have to leave.“

And you want to travel with him
And you want to travel blind
And you think maybe you’ll trust him
For he’s touched your perfect body
With his mind

Leonard Cohen, der Gitarrenmann, und ich stehen auf einer Waldlichtung in Kanada im tiefen Moos. Er trägt ein weißes Hemd und ein schwarzes Jackett. Er hat seine Gitarre umgehängt. „This is it.“
„What was it all about, Leonard? Have I had a good life? Enough to base a movie on?“
„You’ve alyways been too self-absorbed. And now Earth is going to absorb you back in where you belong.“
Wir versinken langsam im Moos. Tief bis unter die Wurzeln der kanadischen Erde. Der Wald brennt. Ich starre ein letztes Mal in die Sonne über den lodernden Wipfeln. Endlich Schwere. Endlich frei.

Diese Geschichte erschien am 27.4.2008 auch bei den Zuender von ZEIT_Online: http://zuender.zeit.de/2008/17/sonntagstext-drowning-man

Waldbrand

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4 Thoughts.

  1. nicht der schlechteste tod! wenn es so sein sollte, dann muss keiner von uns angst haben.

    allerdings: irgendwie wuerde mir noch so etwas wie eine lichtgestalt fehlen, das runde und das eckige, die katze von ansing.. nur, wuensche sind hier wohl eher nicht angebracht, schaetze ich..!?

    d.w.

  2. Pingback: Ja, Waldbrand. | Kennedy Calling

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