Dresden Calling

Dresden calling. Ich bin alleine losgezogen und habe eigentlich gehofft, hier im Bus schon Anschluß zu finden an Gleichgesinnte. Bin aber wohl der einzige Gegenprotestler an Bord. Der Bus rollt fast leer aus dem Zentralen Omnibus Bahnhof am Funkturm, langer Stau auf dem Berliner Ring verzögert unsere Fahrt. Gegen 19:15 erreichen wir Dresden und fahren über die Elbe mit Blick auf die dunkle Frauenkirche. Alles wirkt Montagfeierabend-normal.

Unterwegs habe ich versucht, mich via Twitter über die aktuellen Bewegungen des Gegenprotests zu informieren, aber nur ein sehr diffuses Bild erhalten: Usprünglicher Treffpunkt am Theaterplatz aufgelöst, neuer Treffpunkt unklar. Heute erklärt Dresden Nazifrei auf Facebook, dass man den Gegenprotest für diesen Montag im Vorfeld bewusst nicht angemeldet hatte. Damit man nicht den ganzen Abend im Polizeikessel steht, sondern in Gruppen flexibler auf Pegida einwirken kann. Nachvollziehbar. Es hat sich aber inzwischen gezeigt, dass die Taktik nicht aufging. Die Polizei hat die einzelnen, versprengten Gruppen gejagt und isoliert.

Nach meiner Ankunft ist am Haupbahnhof nichts los, die Straßenbahnen stehen still, die Taxifahrer warten einsam auf Kundschaft. Nur wenige Menschen sind hier. Ich laufe parallel zur Prager Straße hoch Richtung Altmarkt, auch hier kaum jemand, Geisterstadt. Einen Kilometer weiter sehe ich dann aber Blaulicht und höre Geschrei. Aus einer Seitenstraße rennen plötzlich um die dreißig Jugendliche, schwarz gekleidet und teilweise vermummt, in meine Richtung, sie warnen vor der Polizei. Die kommt dann auch schon im schweren Laufschritt angestiefelt und verfolgt die Youngsters, von denen keiner älter scheint als 25. Ich halte mich zurück und tarne mich als Straßenbahnreisender, der noch nicht kapiert hat, dass die jetzt nicht fährt. Gleich zum Auftakt Konfrontation mit der Polizei, in einer Stadt, die ich nicht kenne: Nein, danke. Das Schauspiel der Polizeijagd sehe ich danach ums Eck dann gleich noch mal in den engeren Straßen um die Prager Straße, nur werden sie dieses Mal flankiert von desorientiert wirkenden Schoppern: die Läden haben hier tatsächlich alle noch offen und es wird eifrig eingekauft, trotz Straßenscharmützel mit der Polizei und trotz des ewig langen Rassistenzugs,  der gerade direkt vor dem Einkaufsparadies auf der großen Wilsdrufer Straße Richtung Posplatz „spaziert“.

Dann höre ich irgendwo Menschen engagiert Parolen rufen und da viele Frauenstimmen darunter sind, weiß ich, das ist nicht Pegida, das ist der Gegenprotest. Höchstens hundert Menschen stehen in einer Seitenstraße vor der Polizeibarriere und schreien auf die vorbeiziehende Pegida ein: „NATIONALISMUS RAUS AUS DEN KÖPFEN!“  Es sind vor allem Studenten, kaum ältere Bürger. Ich geselle mich dazu und rufe manche der Parolen mit, bis ich heiser bin. Wir werden von der Polizei die ganze Zeit über gefilmt, ein alter Nazi mit hasserfülltem Gesicht fotografiert mich,  zwei junge Studenten neben mir sagen: „Das ist normal, die fotografieren uns jedes Mal. Aber die wollen uns nur  einschüchtern, die sind doch zu blöd, um das irgendwie zu verwerten.“ Auch wenn wir wenige hier sind, einschüchtern lassen wir uns nicht. Im Gegenteil, die Stimmung ist fröhlich, wir sind laut und die Rassisten hören uns, manche winken hämisch rüber.

Pegida sind viele sind heute Abend. 25.000, so viele wie noch nie seit Beginn ihres Protests. Sie haben viele Deutschlandfahnen mitgebracht, ich sehe auch einige französische und dänische Fahnen. Die meisten Pegidas sind Männer, mittelalt und jünger, viele tragen stolz die Ortsnamen von irgendwelchen Käffern wie Standarten auf ihren Schildern. „Krass, das hört ja gar nicht mehr auf heute,“ sagt die Studentin neben mir. Ich frage sie, ob sie öfters montags bei der Gegendemo ist und sie sagt, dass sie seit November jeden Montag mit dabei ist und dass Pegida immer mehr werden. Sie freut sich, dass ich aus Berlin gekommen bin. Ich verspreche, das nächste Mal mehr Leute mitzubringen. Wo war Berlin heute?

Nach einer Stunde ist Pegidas Auftritt vorbei und die Menge verläuft sich schnell. Die Stimmung ist seltsam, es stürmt. In Richtung Hauptbahnhof kommen mir Passanten entgegen, die ihre Einkaufstüten heimschleppen, dann wieder junge Menschen unterwegs mit Besen, die Pegida jetzt symbolisch aus Dresden rauskehren werden. Am Bahnhof immer noch nichts los. Ich warte auf den Zug und sehe kleine Grüppchen von Männern nach und nach in den Hbf latschen, sie sind auf dem Weg in ihr deutsches Heim irgendwo in der sächsischen Provinz. Zufrieden rauchen sie noch Zigaretten, sie haben ihre Vaterlandspflicht für heute getan, denken sie wohl mit Genugtuung, man sieht es ihnen an. Spooky shit.

Der Gegenprotest war heute nicht stark genug in Dresden. Die Dresdner Bürger, die hier am Samstag 35.000 waren, sind nicht erschienen, um Pegida an diesem Montag aus ihrer Stadt zu schmeißen. Im Gegenteil, ich habe das Gefühl, dass die Dresdner heute Abend die Stadt den Rasissten überlassen haben, trotz des couragierten Protests der letztendlich wenigen Gegenstimmen (es waren wohl um die 7.500). Wenn man Pegida hier richtig was entgegenstellen will, dann muss man ein breites Bündnis gegen rechts schließen und gemeinsam auftreten, gemeinsam kämpfen. Das ist mein Eindruck von diesem Abend. Nachdenklich und ein bisschen ratlos trete ich die Heimreise an.

Der letzte Zug nach Berlin. Im Abteil sind Politikstudenten, die auf der Straße Pegidas zu ihrer Motivation befragt haben. Sie unterhalten sich aufgekratzt die ganze Fahrt über, und ich bin froh über ihre Intelligenz und ihren Lebensmut nach diesem schwierigen Abend — und anstatt in nachdenkliches Grübeln zu verfallen, höre und lerne ich dazu. In Berlin denke ich dann, gut wieder hier zu sein. Und: Dresden, I’ll be back.

((Titelfoto von Lenz Jacobsen via Twitter, der an diesem Abend für Zeit Online aus Dresden berichtet hat))

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