Richard Ford, Die Lage des Landes

Review von Christopher Knoll

Man stelle sich einen beschaulich-ruhigen, küstenseits durch Mietkasernen verbauten kleinen Badeort namens Seacombe an der Ostküste, New Jersey, ca. fünfzig Kilometer oberhalb von New York vor. Am Strand sieht man nachts die von Manhattan herüberglimmenden Ölraffinerien. Im Inneren des Städtchens herrscht vorstädtische Ruhe, und es zeigen sich schöne Auffahrten zu Gärten der Häuser für eine obere Mittelschicht. Es ist ein Rückzugsort. Das Personeninventar kommt aus allen Staaten. Das Alter pegelt sich beim Großteil bei Fünfzig ein. Vielleicht gibt es noch ein oder zwei Bars, ein Bestattungsunternehmen, ein Krankenhaus, ein paar Büros. Im Hinterland, küstenabgewandt, einen großer Einkaufspark, ein oder zwei Pharmaunternehmen, eine Schule mit Biohof, das Konferenzzentrum einer Sekte. Einmal im Jahr organisiert das lokale Museum einen historischen Umzug mit einem Sujet aus der Zeit der first settlers.

Ansonsten ist es ruhig.

In dieser Ruhe, und in einem dieser Häuser, nicht unähnlich denen, welche er makelt, wohnt Frank Bascombe, Mitte 50, weiß, mittlere Oberschicht. Dieser ist etwas müde. Seine Frau hat ihn verlassen. Er hat nicht allzu viel Ehrgeiz mehr, verdient aber trotzdem gerne. Seine Tochter, Mitte zwanzig, gebildet, scheint nicht immer recht zu wissen, ob ihr Lesbentum ein ästhetischer Protest gegen die Gräue des Establishments darstellt – oder nicht. Sein Geschäftspartner, ein emmigrierter Tibeter und zwanzig Jahre jünger als er selbst, überdenkt zeitweise die Amalgamierungspotentiale von buddhistischer Philosophie und Neokapitalismus. Einmal plagen ihn arge Zweifel.

Bascombe selbst plagt anderes: Bascombe hat Prostatakrebs, den er mit „implantierten strahlenden Schrotkugeln“ behandeln lässt. Bis auf die Tatsache, dass er alle drei Stunden Wasser lassen muß, Schmerzen hat und nachts kaum schläft, geht es ihm nicht schlecht, denn, so sagt er sich: „Wer mit Mitte Fünfzig immer noch nicht begriffen hat, dass er nichts anderes sein kann als das, was er jetzt gerade ist, der wird später, bei der Abschlussbilanz, einen ziemlichen Schock erleiden.“Frank Bascombe befindet sich in der von Ihm sogenannten „Permanenzperiode.“ Sie hat nichts mit dem veraltetem Konzept der Middlifecrisis zu tun, denn deren Lächerlichkeit hat er längst erkannt. Vielmehr ist es die Krankheit, welche gleichzeitig Bedrohung und Chance darstellt: So ist Fords Held lässig genug, in Nächten, in denen er nicht einschlafen kann, die Liste seiner Sargträger zusammenzustellen.

Bascombe pflegt einen nüchtern-realistischen Blick auf sein Dasein, mal zynisch, mal sentimental, aber niemals ohne Ironie. In gewisser Weise lehrt ihn gerade der Krebs, buddhistischer mit seiner ungewissen Restzeit umzugehen als sein tibetanischer Kollege. Mit einem erwartungslosem Gleichmut schreitet Bascombe auch auf das eigentliche Ziel des bescheidenen zeitlichen Settings des Romans hin, schreitet durch knappe 700 Seiten und nur drei Tage hindurch, zu auf das Thanksgiving-Fest. Zu müde, das Klischee der heilen Familie, der Heim- und Einkehr noch zu persiflieren, zu lapidar, um daraus schlussendlich eine Tragödiezu basteln? Zuviel soll nicht verraten werden. Aber was lässt der Autor seinem im kleinen Kreise Reisenden, der offensichtlich kein Handlungsreisender mehr sein kann, in diesen drei Tagen erleben?

Der Beruf des Maklers ist der Schlüssel zum Organisationsprinzip des Romans. Es sind die einsamen Zwiegespräche im Auto mit seinem tibetischen Kollegen. Es sind die Geschichten seiner Klienten, welche er kommentiert, reflektiert. Es sind die Biographien derer, welche ihn wiederum über die Biographie Amerikas nachdenken lässt. Bascombe ist Fords ideale Puppe und Sprachrohr, Periskop und Panoptikum für die „Lage des Landes“ aus der Sicht eines weißen, gebildeten Mannes mittleren Alters.Um es kurz zu sagen: Die Brillanz des Romans liegt in seiner nahezu unerschöpflichen, langsamen Beobachtungsgabe, der ausbalancierten teilhabenden Distanz, seiner Ironie und nahezu lakonisch wirkenden Präzision. Wie Bascombe den Warenfetischismus der Amerikaner beschreibt, Wandel in der Werbestrategie anhand von Plakaten beobachtet. Wie Bascombe seinen alten Freund Wade trifft und mit ihm gemeinsam zu einer Sprengung eines alten heruntergekommenen Hotels fährt; wie er sich nahezu zufällig in der alten Hafenbar betrinkt, während er auf die Reparatur seines Autos wartet und in eine Schlägerei verwickelt wird; wie er dem Leser den zwischenzeitlichen Ausflug in die Heteroerotik seiner Tochter präsentiert: Mit einer erstaunlichen Leichtigkeit driftet hier der Ton vom Sentiment ins Zynische, wächst dort eine sezierende, mikrosoziologische Kleinstbeobachtung zur größenen Invektive gegen amerikanische Politik, scheint allerorten eine sanfte Ironie, findet sich für Frank Bascombe allzeit, und das ist das Bemerkenswerteste, etwas Schönes. Wie Romanhelden Wilhelm Genzinos vielleicht kommentiert er voller Befremden die Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens – angewiderte Kapitalismuskritik und durchaus beglückende Kapitalismusteilhabe inklusive.

Insgesamt ist Fords liberal-konservatives Diktum: Die Lage des Landes ist prekär. Was soll man auch halten von einem Land, dessen Bewohner nach der Maxime leben: „Du machst diese Scheiße weiter, bis du entweder reich oder tot bist.“ Die Lage des Landes ist ein sehr kluges, literarisches Porträt möglicher Symptome.

Richard Ford
Die Lage des Landes
Berlin Verlag, 2007

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