Deutsche Bratwurst für die Internationale

Die Rückschau geht noch ein wenig weiter. Impressionen von der Fête de l’Humanité
im Spätsommer 2007.

Die dreitägige Fête de l’Humanité der Kommunisten hat begonnen. Mein Herz schlägt eher links, ich mache mich bei strahlender Sonne samt Kind und Kegel auf, wir pilgern mit der Métro zum Festivalgelände im Norden der Stadt. Wir wollen waschechte Kommis bestaunen.

Kommunisten

Die fête de L’Huma ist das Volksfest der kommunistischen Zeitung l’Humanité. Es gibt Fahrgeschäfte und Imbissstände, Kommunisten, Sozialisten, Bürgerrechtsbewegungen, Naturschützer und AIDS-Aktivisten. Ich überlege ob ich an den AIDS-Ständen ein paar Bekannte von mir besuchen soll, die ich zur Wahl Sarkozys interviewt hab und mache es dann doch nicht. Warum nicht? Vielleicht bin ich einfach noch zu sehr Tourist, auch nach zehn Monaten Paris. Vielleicht hab ich einfach Angst vor meinem französisch. Vielleicht habe ich auch einfach nichts zu sagen.

Airbungee

Wir latschen über die Festwiesen. Auch die Sinn Fein, der politische Arm der IRA ist da. An deren Stand gibt’s Guinness und aus ihren Boxen grollt irgendein großartiger, gewaltiger Singer-Songwriter. Gab es diesen Stand auch schon vor ein paar Jahren, als in London noch Bomben hochgingen? Ich muss an Tony Blair denken und sein großes Verdienst, fast vergessen hinter dem Irakdebakel: Frieden auf der irischen Insel.

Tanzende Palästinenser

Es sind viele Palästinenser da, die fröhlich tanzen. Man spürt, dass sie brennen – sie strahlen eine starke, verzweifelte Lebensintensität aus.

Solidarité Palestine

Auf dem Hang eines großen Feldes in der Mitte des Festivals lassen wir uns nieder und lauschen dem Symphonieorchester von Radio France. Sie spielen die West Side Story. Inmitten von Hippie-Rock n’ Roll und all den roten Quetschkommoden-Chansoniers scheint das ein merkwürdig fehlplatzierter Vortrag. Nach den letzten Verbeugungen der Musiker betreten schließlich die Kommunisten die Bühne und röhren Parolen des Widerstands und der Solidarität durchs Mikrofon. Die Tochter von Che ist geladen und sagt, man solle ihren Vater doch bitte nicht nur als Image begreifen, sondern auch lernen, wie und wofür er gekämpft hat.
Che Guevara ist allgegenwärtig, selbst die Alten haben Fahnen, Sticker, Tattoos und Militärmützen mit dem Che aufgedruckt. Ich sehe ein Mädchen in einem rosa T-Shirt, der Rebellionsführer prangt vorne drauf. Ist rosa nicht die kapitalistische Bubblegum-Barbie-Farbe schlechthin? Symbolfarbe für Infantilisierung? Che muss eigentlich auf einen roten Hintergrund. Klar, eine antikapitalistische Bewegung ist immer auf irgendeine Art ein Geschäft für irgendjemanden. Hier zeigt das schon die imposante Bandenwerbung, die das Konzertgelände einzäumt und mit Bier bewirbt. Man kommt nicht raus.

LesBobos

Die Kommunisten reden sich auf der Bühne in Fahrt, meine Gedanken und Blicke schweifen ab. Ich sehe einen blonden Mann mit Sonnenbrand im Nacken und einem T-Shirt mit DIE LINKE auf der Brust. Tatsächlich entdecke ich später einen Stand der Linken, an dem stämmige Deutsche mit Bierbäuchen und Rauschebärten original deutsche Bratwürste grillen.

DIE LINKE

Dann steht plöztlich Lothar Bisky auf der Bühne und verkündet vom Wunder der vereinten Linken in Deutschland. Seine Stimme schmettert militärisch übers Festgelände, und ich frage mich, ob bei diesem deutschen-blechernen Sound jetzt wohl alle Franzosen gleichzeitig an Hitler denken müssen. Ist das meine National-Paroanoia, die mal wieder grüßen lässt? („Finger weg von meiner Paranoia, sie war mir immer lieb und teuer“ / Element of Crime, Mittelpunkt der Welt)

Nach Bisky folgen endlos weitere Redner, und selbst die Hardliner aus den ersten Reihen vergessen die roten Fahnen zu schwenken. Vielleicht denken die jetzt an lecker deutsche Bratwürste? Doch dann singen sie alle auf einmal gemeinsam die französische Nationalhymne. Der Nationalstolz in Frankreich ist bemerkenswert. Egal ob Kommunisten, Faschisten, Künstler, Manager oder Müllabfuhr – sie alle sind stolz auf ihre kulturellen Errungenschaften. Nach der Nationalen dann die Internationale.

Internationale 1

Die alten Arbeiterkommunisten singen ergriffen und mit gestreckter Faust und gewölbter Brust auf einem Feld vor Paris – ich fühle mich in der Zeit zurück versetzt.

Internationale2

Dann ziehen die Kommis ab, noch eine viertel Stunde bis zum nächsten Konzert. Neben der Bühne ist eine Riesenleinwand montiert und darauf kommt jetzt erstmal Werbung. Eh? ’scuse me? Erst die Reden, dann die Internationale und danach Werbung?! Böse Welt, ich bin fassungslos, aus der Arbeitertraum. Hallo Kommunisten? Was ist nur mit euch los? Lässt sich ein solches Festival mit Solidarität, Kameradschaft und harter, ehrlicher Arbeit alleine nicht mehr stemmen? Muss der Klassenfeind die Party powern?

Mädchen vor Plakat

Nach der Werbung dann Renaud, die Nummer eins der französischen Protestsongwriter und alter Hase im Geschäft. Jeder kennt ihn in Frankreich – er ist sozusagen der nicht in Vergessenheit geratende Wolf Biermann oder Franz-Joseph-Degenhard Frankreichs. Er singt mit der Intensität Dylans und dessen auf seine alten Tage zugelegten, abgehackten Intonation. Er hat’s drauf, neben dem ganzen Nostalgiekitsch der anderen Musikanten kommt er ziemlich charmant und authentisch rüber: Er rockt. Schade, dass er auch dylanesque nuschelt, für seine Liedtexte reicht mein französisch noch nicht aus.

Francois

Nach dem Konzert schlendern wir noch ein wenig übers Gelände. Ich schieße noch ein paar Fotos, dann geht meine Kamera kaputt, und wir fahren nach Hause. In der Metro spielt ein Mann die alten Lieder auf seiner Ziehharmonika und die Leute finden es gut. Wir auch. Das ist das Paris, dass ich so gerne mag.

Catherine

Share/Bookmark

4 Thoughts.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.