Der Zustand und Ich

„Wer dieser Tage gut schläft, ist wirklich schlecht informiert,“
schreibt Tom Schimmeck in der Berliner Zeitung. IS, Ukraine, Gaza, Ebola, die schlechten Nachrichten trommeln ein, ich kann sie jetzt nicht mehr so schön ausblenden wie in den drei sonnigen Wochen in Großbritannien. Maxime hat in den Ferien seinen Schlafrhythmus verloren – und schon lange nicht mehr durchgeschlafen. Wir drehen am Rad und wollen einfach nur mal wieder richtig pennen. Er muss also lernen, alleine einzuschlafen, alles andere funktioniert nicht – oder nur auf unsere Kosten. Das schmeckt ihm nicht. Und der Junge hat Temperament.

Abends lese ich die Graphic Novel „Are you my Mother“ von Alison Bechdel. Sie ist in einer komplizierten Familie aufgewachsen und verarbeitet im Comic ihre Kindheit und Jugend (in der sie erkennt, dass sie lesbisch ist) und die fehlende Bindung zu Mutter und Vater. Dabei hilft ihr das Vermächtnis des Psychoanalytikers Donald Winnicot. Der sagte, dass alle psychischen Krankheiten der Menschheit im Wesentlichen als Folgen eines Ausfalls der elterlichen Bindung beschrieben werden können. Faschismus, Kriminalität, Wut, Frauenfeindlichkeit, Alkoholismus — das alles seien die Symptome einer schlecht verlaufenen Kindheit. Der Weg zu einer besseren Gesellschaft beginnt laut Winnicot in der Wiege.

'Are you my mother?' Alison Bechdel

‚Are you my mother?‘ Alison Bechdel

Klar sind wir besorgt, etwas falsch zu machen, wenn wir Maxime dazu bewegen wollen, endlich durchzuschlafen und das mit ihm trainieren. Das Leben eines kleinen Menschen zu „formen“ ist eine ungeheure Verantwortung. Sind wir gut genug? Well, most of the time you carry it lightly. And sometimes you don’t.

Und dann die Bauchschmerzen, denn die Welt steht in Flammen. Die Macro-Ebene läuft aus dem Gefüge. Was sind die Sorgen, mit denen wir uns hier rumschlagen, im Vergleich zu den Schrecken anderswo. Was haben wir gelacht, als bei den Simpsons diese Frau immer wieder in der Hysterie des Moments ausrief: „Denkt doch nur ein Mal, ein einziges Mal an die Kinder!“ Aber was ist mit den Millionen Kindern, die in diesen Tagen in Kriegen für immer traumatisiert werden, leiden, sterben? Egal, wir sind hier doch in der kuscheligen Weltmeister-Bundesrepublik? Fuck off.

Und dann die Arbeit und der Change und die überforderten Menschen, die endlose Konflikte austragen und sie nach dem Ausstempeln in sich weiter nach Hause tragen wie Krebs. Burnout. Depression. Hass. Verzweiflung. Was ist mit den Corporate Darth Vadern unserer Unternehmen in deren Kindheit eigentlich passiert?

Will man da noch arbeiten. Und wie sieht die Alternative aus.

Durchatmen. Nichts machen.  Spielen und lachen und schlafen. Verstärker.

Mit Dank an Gerd.

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