David Lodge: Deaf Sentence (a novel)

Nothin‘ but the same old story?

Ein neues Buch von David Lodge im Bücherregal der Universitätsbibliothek – man liest den Einband, und wäre nach dem ersten Satz irritiert, böte sich einem etwas furchtbar Neues. Nun liegt das sicher auch an der Perfidie der Verlagshäuser – sie wissen um ihre Kunden, und bei manchen Autoren wird man wohl auf einen Kundenstamm vertrauen, welcher, sich gemütlich ins Sofa legend, eine Figurenkonstellation goutieren will, die ihm keine sonderlichen Kopfschmerzen bereitet.

Campus novels

David Lodge, so viel sei zurückgeblendet, ließe sich wohl beim deutschen bildungsbürgertümlichen Leser am ehesten mit Dietrich Schwanitz vergleichen. Lodge war, wie Schwanitz, Universitätsprofessor für englische Literatur, mit dem Unterschied, das Lodge noch lebt und eigentlich Schwanitz Vorbild war. In seinen Hochzeiten, den späten 70ern und frühen 80ern, gelangte er mit seinen in geisteswissenschaftlichen Institutionen englischer Universitäten angesiedelten sujets zu einer gewissen Berühmtheit, und wurde spätestens in den 90ern, zumindest in Deutschland, auf gewisse Weise, mit seinem Kollegen Malcolm Bradbury zusammen, kanonisiert: Die beiden galten als die Erfinder des so genannten „campus novel“.

Diese Gattung an den Anglistiken deutscher Universitäten im Rahmen eines Seminars vorzustellen, erschien plausibel, denn anders als bei Schwanitz, lernte man in den campus novels ja viel über englische Kulturgeschichte, in welcher die Akademia, schon allein aus „matters of class“ bekanntlich eine nicht geringe Rolle spielt. Wenn man sich ab und an dennoch fragte, wer Lodge, außer Geisteswissenschaftlern und Kulturfeuilletonisten, sonst noch las, kam man leicht ins Grübeln.

Nun erscheint es ebenfalls logisch, dass Schriftsteller manchmal am besten über den Teil von Welt schreiben, in dem sie sich auskennen: Ähnlich wie der sich vom Zynismus der Werbebranche degoutierte, in den vorzeitigem geldschweren Ruhestand zurückgezogen habende PR-Manager dazu verpflichtet fühlt, zynisch über den Zynismus der Werbebranche zu schreiben, möchte man meinen, schreibt der Universitätsprofessor über die Universität: Kömödisch-abgeklärt, solange er vom staatlichen Salär abhängt, zynisch erst im Ruhestand.

Nun ist dies bei Lodge nicht gänzlich der Fall: Seit seinem Austritt schreibt er zwar noch über die Universität und Themenkreise aus der englischen Kulturgeschichte (siehe Patricks Kritik „Leicht und elegant scheitern“ (ZEIT-Zuender) über „Author, author“, eine brillante Halbfiktion über das Leben und Scheitern Henry James‘), aber sie scheinen ihm mehr und mehr nur noch als Rahmen für persönlichere Themen herzuhalten.

Taubheit und Tod

Sein neuester Roman nun heißt „deaf sentence“, was einigermaßen schwer zu übersetzen ist: „Taubheitsurteil“, „Verurteilt zur Taubheit“, egal, die deutschen Übersetzer werden sich schwer tun. Dass es dem 1935 geborenen Lodge nicht nur um Taubheit, sondern vor allem um Tod geht, wird klar, wenn der nur sporadisch mit Desmond Bates übertünchte Lodge, die Hauptfigur, hier Linguistikprofessor ist: deaf ist homophon zu death. Und persönlicher könnte der Roman nicht sein.

Zunächst scheint man beruhigt: Natürlich, so möchte man meinen, kommt eine attraktive Graduiertenstudentin vor. Natürlich kommt ein Universitätskollge vor, der jünger ist, ein Karrierist, der nur in Richtungen forscht, an deren Horizont die Drittmittel winken. Aber diesmal ist es nicht er selbst, der eine liaison dangereuse mit der Studentin eingeht, und nach den ersten dreißig Seiten wird zusehends klar, dass hier niemand mehr seitenweise auf in tiefe Ausschnitte blickt, sondern auf etwas Düsteres.

So ist das eigentliche Thema auch die Geschichte von Lodges Vater, dessen Zeit und mit ihm ein auch ein Stück englischer Kulturgeschichte. Während Desmond Bates langsam taub wird, beschreibt er in Tagebuchform Besuche bei seinem in einem ärmlichen Londoner Stadtviertel lebenden Vater, Harry. Dieser war in seiner Jugend bei der Armee, als Musikant, Jahre in Indien, bis sich dieses in die verdiente Unabhängigkeit verabschiedete. Er kam zurück und spielte nun mit verschiedenen heimgekehrten Kollegen in Tanzlokalen. In subtilen Andeutungen erzählt hier Lodge ein Stück Kulturgeschichte durch die Augen seines Vaters, eine period of transition von den 50ern in die 60er, als er durch die sich wandelnde Musik arbeitslos wird, und mit dem Wandel eine neue Generation das Londoner Nachtleben zu beherrschen beginnt. Sein Vater bleibt in London, kauft sich von seinem Ersparten ein kleines Haus. Lodges Kindheit ist architektonisch trist, aber die Jungs spielen nachbarschaftlich Fussball auf der Straße. Seine Mutter stirbt früh, der Vater hat einen starken Überlebenswillen, sucht sich Hobbies, die er mit einem für die englische Gesellschaft typischen stolzen Dilletantismus anfängt und wieder aufhört. Bis in die Mitte des Romans kommt er allein zurecht. Dann beschreibt Lodge einen schleichenden Verfall. Probleme mit der Blase, Vergesslichkeit, Schlaflosigkeit, Demenz, einen Schlaganfall, Erkenntnisverlust, einen zweiten, den Verlust der Würde und schließlich den Tod.

Verallgemeinert wird Lodges Verlust durch die thematische Unterfütterung dieses exemplarischen Niedergangs einer Generation mit kulturpessimistischen Beobachtungen der Gegenwart: „Big-Brother, four-letter words in the Guardian (die linksliberalste Tageszeitung), vibrating penis rings on sale in Boots, binge-drinkers puking in the city centre on Saturday nights, and chemotherapy for cats and dogs.“ Mit seiner Frau besucht er in der Nachweihnachtszeit eine Art englische Variante des Club Med, und hier bricht ein Stück weit Lodges alte Komik durch, wenn er sich in Tiraden über den architektonischen Eklektizismus des Whirlpoolfantasialands ergeht.

Dass das dantische Inferno nicht in einer Schicksalsergebenheit des längst vom Glauben abgefallenen Katholiken Lodge ertrinkt, verdankt der Leser Lodges Präzision im Detail und seiner Freude an der Geburt des Sohnes seiner Tochter, seiner weihnachtlichen Aussprache mit seinem leicht autistischen, in Cambridge Physik lehrenden Sohn, seinem immer wieder durchscheinenden altersmilden Verständnis für die zwar generelle Orientierungslosigkeit der heutigen „Jugend“, der er aber dennoch ihr Suchen zugesteht.

Abschiedstournee

Wenn Bates/Lodge am Ende des Buches noch einmal auf eine universitäre Vortragsreise nach Polen und Krakau geschickt wird, verdankt er das weniger seiner internationalen Reputation als Linguist als vielmehr einem schieunfallsbedingtem Ausfall eines jüngeren Kollegen. Bates ist entzückt, noch einmal für eine Woche aus seinem Ruhestand zurückzukehren, selbst wenn er seiner Taubheit wegen die Fragen der Studenten fürchtet.

Dem Leser, der Lodges frühere Arbeiten kennt, beschleicht das leicht mulmige Gefühl, dass es sich hierbei tatsächlich um eine kleine, bescheidene Abschiedstournee handelt. Lodge zitiert, am Rande, sein eigenes früheres Werk. Der Polenbesuch endet, wie wir ahnen, nicht in einer Eckkneipe mit der Doktorandin Tatjana, sondern, was wir nicht erwarten, in einem Ausflug in Auschwitz. Als Bates völlig konsterniert und vom Grauen erschöpft in sein Hotel zurückkehrt, fällt sein Vater ins Koma, und sein Enkelkind wird geboren.

David Lodge: Deaf Sentence. Harvill Secker. London, 2008.

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