Das war gestern. Heute war besser

von Sebastian Martin

Es schneit. Ein Abend im Januar. Dieser eine Tag könnte für ihn der Wichtigste in seinem Leben werden. Um 20 Uhr am Gabelmoo – das hatte er ihr damals vorgeschlagen. Damals, das war am Tag vor Silvester auf Usedom. Er hatte sie nur kurz sehen wollen, war dafür über tausend Kilometer weit mit dem Zug gefahren. Von ganz unten nach ganz oben auf der Deutschlandkarte. Die letzte Chance nicht allein zu sein, sie nicht verlieren zu müssen.. Und, um verdammt noch mal diese Ostseeinsel endlich zu sehen, aus der Phantasie eine Realität werden zu lassen. Sie hatte ihn an Weihnachten verlassen. An Heiligabend.

Unglaublich, hatte er gedacht, so etwas gibt es doch nur in Romanen – aber das war die Wirklichkeit. Und die war schrecklich. Zuerst: Das Tränental, das Betteln, „verlass mich nicht“. Dann: Der Mut und die Erkenntnis, dass man nicht immer einfach aufgeben sollte, dass man das, was man am meisten will, auch wirklich erreichen kann, wenn man sich nur traut, Dinge zu tun. Am zweiten Weihnachtsfeiertag kam die Zuversicht zurück. Der Kampfeswille.

Und er fuhr zu ihr nach Usedom. Als er im Zug von Mannheim nach Berlin fünf Stunden an der Tür stand, hatte er Zeit, die Dinge zu ordnen. Er blickte unentwegt auf die Landkarte, die neben der Tür hing. Seltsam, wie sich alles fügte. Das Studium in Bamberg, das Kennenlernen durch Zufälle. Das gemeinsame Wohnen in einer Wohngemeinschaft. Die erste Trennung – sein Auszug aus der Wohnung. Das „Wieder-Zusammen-Kommen“. Die Gemeinsamkeiten. Die Unterschiede. Das Wissen, dass alles gut wird. Mit ihr. Dann: Zwischenstopp Frankfurt und der Zweifel kam zurück. Ob alles so klappen würde, wie es erdacht war? In Hildesheim: wieder Mut.

Das letzte Stück in der „Usedomer Bäder Bahn“. Sand auf dem Boden des Zuges. Dunkelheit draußen. Er spürte die Nähe zu ihr. Hart bleiben. Nur nicht die Pläne umschmeißen. Er wollte sie nicht an diesem Abend sehen. Noch nicht. Er nahm sich eine Pension direkt an der Düne. Er konnte das Meer hören. Die Ostsee. Nachdem er sich eingemietet hatte, ging er zur Seebrücke. Es war eiskalt. Der Winterwind versetzte ihm Nadelstiche im Gesicht. Er spürte sie nicht. Er nahm das Äußere nur bedingt wahr, im Inneren war er fest entschlossen. Eine Zufriedenheit umgab ihn, als er auf der Brücke dem Wind trotzte.

Am nächsten Morgen stand er sehr früh auf. Es war eine schweißgebadete, kurze Nacht gewesen, aber er wollte frisch sein, wenn er sich mit ihr treffen würde. Nach kurzer Dusche doch gründlicher Rasur ging er in den Frühstücksraum, trank zwei Tassen Kaffee, aß ein Brötchen mit Salami und Käse, nahm einen Schluck Orangensaft und verließ die Pension, nachdem er die Formalitäten an der Rezeption erledigt hatte. Es war ein kalter, schöner Tag. In einer halben Stunde würden sie sich sehen. Er war nervös. Seine Tasche zog ihn förmlich zu Boden. Dennoch war er heiter- keine Spur mehr von dem Gefühl des Verlorenseins vom vorabendlichen Spaziergang als ihm reihenweise glückliche Pärchen entgegen kamen, die, nachdem sie an ihm vorbei gelaufen waren, kicherten. Er hatte sich ausgelacht gefühlt. Ausgelacht und vereinsamt. Aber das war gestern, heute war besser.

Kurz nach halb zehn stand er auf der Seebrücke. Es war viel los. Die Menschen strömten zur Anlegestelle der Fähre am Ende der Brücke. Das Schiff fuhr Richtung Polen, was die Menschen wohl alle dort wollten? Er wartete auf dem Steg und photographierte Meer und Strand. Er wärmte sein Gesicht in der Sonne. Seine Gedanken waren geordnet. Er wusste, was zu sagen war. Dann spürte er eine leichte Vibration der Holzdielen, wie sie nur im Rhythmus ihres Schrittes zu Stande kommen konnte. Er drehte sich seitwärts. Da war sie. Sie blickte ihn an und begann, seinen Oberarm zu streicheln. Es beruhigte ihn, in ihr Gesicht zu sehen. Es strahlte Schönheit und Geborgenheit aus. Er konnte sich kaum regen, sagte aber kurz „Hallo“, doch vermied es, sie zu umarmen.

Dann sprachen sie sich aus. Es lief wohl einiges schief zwischen ihnen, aber es war noch nicht zu spät. Die Missverständnisse waren offen gelegt, jetzt mussten sie durch Vertrauen beseitigt werden, falls es noch eine Chance gab – eine faire Chance. Sie wollte zu ihrem Ex zurück, doch seines Erachtens war dies nur eine Flucht, denn er und sie gehörten zusammen. Zu nahe waren sie sich. Zu stark waren die Anziehungskräfte. Plus und Minus – keine Gegenteile, sondern magnetische Ergänzungen. Aber, es lag an ihr. Sie konnte sich an diesem Tag nicht festlegen. Er schlug ihr vor, sich im Januar um 20 Uhr am Gabelmoo zu treffen, um endgültig Gewissheit zu haben. Sie sollte endlich lernen zu entscheiden und er konnte sich dann endlich sicher sein, wie er zukünftig weiter konnte: allein und in Trauer um ihre Liebe, oder mit ihr zusammen und einer Perspektive. Am Bahnhof verabschiedeten sie sich in einer langen Umarmung. Er ging mit gemischten Gefühlen, fühlte sich jedoch auf dem Weg zurück nach Bamberg zufrieden.

Jetzt ist der Tag da. Ein Abend im Januar. Ob sie kommt? Er hofft es. Und ist sich seltsam sicher, dass sie kommt. Was er nicht wissen kann: ob sie bei ihm bleiben oder ihn endgültig verlassen wird. Dann würden sie sich nie wieder sehen. Dieser Gedanke macht ihm Angst, aber wirft ihn nicht mehr um. Er hat gelernt und ist bereit zu kämpfen. Für seine Sache. Er will ihr zeigen, dass ihr Glück an erster Stelle steht – er würde sie nach dem Ende ihrer Beziehung nicht belästigen. Das ist seine Gewissheit. Auch wenn diese unmenschlich schmerzt. Jetzt läuft er über den leeren Maxplatz, über den sie so oft gemeinsam gelaufen waren. Ein eisiger Wind pfeift, der ihn an das Gefühl an der Ostsee erinnert. Am Gabelmoo stellt er sich vor die Statue, und schaut sich um. Es ist gleich acht. Ob sie kommt? Hoffentlich. In diesem Moment kann er den bekannten Rhythmus auf den Pflastern hören- das ist sie.

Sie kommt. Er lächelt.

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