Coke auf dem Kommunionsanzug

kircheTagewerk vollbracht, Wittenbergplatz eingestigen, in der U2 mal wieder der Typ, der sich immer als U-Bahn-Stimme aufspielt und gleichzeitig den Ordnungshüter in unserem Abteil macht: „Nächste Haltestelle GLEIS – DREI – ECK, SIE HABEN ANSCHLUSS AN DIE…HE! SIE DA, JUNGE DAME, DAS TELEFONIEREN IN DER BAHN IST UNTERSAGT. HALLOOOO, SIE DA…“ Ich ich bin froh, am Alexanderplatz in die U5 umzusteigen. Auf dem Ohr: Immer da wo du bist bin ich nie, Element of Crime und Boatman’s Call, Nick Cave. Sie wechseln sich ab, jeder schön ein Lied. Guter Mix für diesen dunklen Oktoberabend. In der U5 kuschelt sich ein alter, bärtiger Alki an meine Schulter, er schläft den Schlaf der Gerechten. Ich steige Magdalenenstraße aus und gehe bergan zum Rodeliusplatz. Dort befindet sich das Amtsgericht – ich will aus der katholischen Kirche austreten.

Direkt gegenüber vom Gerichtsgebäude, in der Mitte des Platzes trohnt dunkel die St. Antonius & St. Shenouda Kirche im Berliner Abendnebel. Darauf war ich nicht gefasst, lasse mich aber nicht beirren, denn es ist jetzt auch mal gut mit der Kirchensteuer.

In Frankreich wird man ungläubig bestaunt, wenn man verkündet, man zahle monatlich an den Papst hart erschuftete Prozente vom Lohn. Ich möchte mir gar nicht ausrechnen, wie viel Geld ich an die Kirche abgesteuert habe in all den Arbeitsjahren, wie viele klägliche Stündlein im Büro nur für den Herrn draufgingen, nur weil ich zu träge war auszutreten. In der Heimat muss man 15 Euro Gebühr berappen, wenn man die Kirche verlassen will, in manchen Gemeinden Baden-Württembergs sogar 60 Euro. Im atheistischen Berlin ist das umsonst. Gewiss wurden mit meinen Kirchenbeiträgen auch gute Werke vollbracht, man kann der katholischen Kirche nicht vorwerfen, keine wichtige Sozialarbeit zu leisten. Allerdings kann ich als Agnostiker nicht Schaaf der katholischen Kirche sein. Zudem lehne ich ihre weltfremden Positionen zu Abtreibung und Homosexualität ab. Sehr katholisch diese Rechtfertigung.

Ich hatte erwartet, auf dem Amtsgericht Lichtenberg von der Inquisition verhört zu werden: „Warum?“ Im Foyer weist mir der Handwerker stattdessen freundlich den Weg zur Amtstube 24, darin sitzt eine junge Justizsekretärin, die bereits auf dem Spring in den Feierabend ist, Radio 1 hört, und mich innerhalb von zwei Minuten freundlich und per Stempel ins Heidentum zurückkatapultiert.

Aus dem Gericht getreten, betrachte ich mir die St. Antonius & St. Shenouda Kirche. Ich denke an all die Rituale, mit denen ich als Kind an den Busen Christi gelegt wurde. All die Stunden auf den hölzernen Bänken, die schöne Orgelmusik, die erste Beichte.
Bei meiner ersten Beichte hatte uns der Pfarrer damals vorab Zettel gegeben, auf denen Sünden zum ankreuzen aufgelistet waren. Da war alles dabei, von „Ich habe meine Eltern belogen“, bis „Ich habe gestohlen.“ Letzteres hat sich natürlich keiner getraut anzukreuzen – bis auf Urs, der war hart genug. Nach der Beichte waren wir alle happy und fühlten uns prima rein und seelisch sauber. Wir gingen zu Tante Hanni ins IFO und kauften Zuckerwasser und Gummifröschchen, um zu feiern. Für die erste Beichte trugen wir unsere brandneuen Kommunionsanzüge, ich bekleckerte meinen mit Cola.

Auf dem Weg zurück zur U-Bahn denke ich an Pfarrer Hettich, Weltkriegsveteran und Sturkopf, der auch mal ausrasten konnte im Religionsunterricht, den ich trotzdem mochte. Das ist alles Vergangenheit. Ich bin offiziell aus der Amtskirche ausgeschieden. Wieder eine Sache aus der Liste gekreuzt, die ich noch erledigen wollte, bevor ich 30 werde. Andere Menschen fliegen nach Peru oder hören auf zu rauchen.

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