Chicago: Taking the Heat

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Immer noch das Amerikafieber. Ich schlafe deswegen schlecht im windigen Paris-Appartment. Natürlich steht auch Berlin an, es gilt die Zelte abzubrechen. Doch Chicago verfolgt mich. Amerika hat eine Konsumwelle in mir ausgelöst, die mich tagelang in Trägheit versinken lässt. Die Tage nach Amerika habe ich Massen an Sopranos-Episoden gesehen, ganze Wälder von Büchern von John Steinbeck und Saul Bellow gelesen. Obwohl ich schon seit zehn Tagen wieder da bin, lebe ich also weiter in einer Art US-Simulacrum, in einer Traumwelt, der ich nicht ohne weiteres (Folgeschäden!?) entrinnen kann. Dafür braucht es Zeit, Reflektion und ein gewisses Maß an Disziplin, Sport und Humor.  Genau dieses Problem und den entsprechenden Lösungsansatz behandelt ironischerweise auch Chicagos own Saul Bellow in seinem Roman „Humboldt’s Gift“, der natürlich in Chicago spielt, in der Stadt, in der ich die letzten Wochen verbracht habe. Bellows Erzähler Charlie Citrine sinniert im Roman:

chicago tower 2„Some think that sloth [„Trägheit“], one of the capital sins, means ordinary lazyness“ (…) But sloth has to cover a great deal of despair. Sloth is really a busy condition, hyperactive. This activity drives off the wonderful rest of balance without which there can be no poetry or art or thought – none of the highest functions. These slothful sinners are not able to acquiesce in their own being, as some philosophers say. They labor because rest terrifies them. The old philosophy distinguished between knowledge achieved by effort (ratio) and knowledge received (intellectus) by the listening soul that can hear the essence of things and comes to understand the marvelous. But this calls for unusual strength of soul. The more so since society claims more and more and more of your inner self and infects you with its restlessness. It trains you in distraction, colonizes consciousness as fast as consciousness advances. The true poise, that of contemplation or imagination, sits right on the border of sleep and dreaming.”

How true. Welcome to the Kennedy Labyrinth.

chicago bus

Chicago hat starke Anziehungskraft. Die Chicagoans bezeichnen ihre Stadt als die amerikanischste aller Städte, denn sie hat alles: Geschichte, Wolkenkratzer, Volleyballstrände, Taxis, Immigranten aus aller Welt, Chinatown, die Mafia, Picasso-Skulpturen, Feuerwehrsirenen 24/7 etc. etc. In dieser Stadt durchlebte ich die heftigste Sturmnacht, sah fiese Schlägereien auf der Strasse, holte mir eine mächtige Sonnenallergie. Und dann die Amerikaner selbst, voller Selbstbewusstsein, ihre direkte, offene Art. Wenn Amerikaner einen Raum betreten, dann schauen sie sich nicht erst schüchtern um, sondieren die Lage, sondern strahlen gleich heraus: „Hi, it’s me, how are you! I want this and that and I think this and that and bla bla bla“.

Amerika ist intensiv. Diese Menschen haben einen ganzen Kontinent besiedelt, sind zur Supermacht chicago tower 1aufgestiegen. Auch wenn die Chicagoans in der Sommerhitze sehr entspannt wirken, liegt aufgrund der Masse an Gebäuden, Menschen, Errungenschaften eine gewisse Hysterie in der Luft. Alles ist größer, wahnsinniger. Think Big! Auch die Nacht vermag Chicago im Sommer nicht abzukühlen. Wir lagen nachts in Schweiß gebadet und lauschten dem Lärm. Bellow beschreibt das in „Humboldt’s Gift“ so:

„The temperature was in the nineties, and on hot nights Chicagoans feel the city body and soul. The stockyards are gone, Chicago is no longer a slaugher-city, but the old smells revive in the night heat (…) I heard fire trucks and the gulp and whoop of ambulances, bowel-deep and hysterical. In the surrounding black slums incendiarism shoots up in summer, an index, some say, of psychopathology.“

In der City komprimiert sich alles, selbst die Nacht schenkt der „Seele“ keine Ruhe mehr. Zuviel Lärm, zu viel fruchtlose Reflektion über zu viel „Außen“. Die Gesellschaft hält mich mit Krakenarmen an ihre konsumlechzende Brust. Wann habe ich das letzte Mal so gut geschlafen, dass ich morgens aus dem Bett gehüpft bin, um aus vollen Kehlen zu schreien: „GOOD MORNING AMERICA!“, oder „GOOD MORNING PARIS!“?

Ich zähle auf Berlin. Lass mich nicht im Stich, Oase Brandenburgs. Haleluja Berlin!

 

Saul Bellows, Humboldt’s Gift. Penguin Books, 1996.

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