Cat Attack!

Unsere Katze heißt Sternschnuppe, auch wenn sie eigentlich besser Inferno heißen sollte – wie Marc ganz richtig bemerkt hat.

repileeye

Wir haben ja schon länger eine Katze gesucht, damit die Liebste während ihres Freelancer-Daseins nicht so alleine ist (ich war ja wohlgemerkt einige Monate kommunikativ in der Sklavenabteilung abgemeldet und kam nur zum Schlafen nach Hause). Jedenfalls waren wir zuerst im Tierheim, aber da gab es nur Katzen, die dick und alt oder so aggressiv waren, dass man sie nur mit Handschuhen anfassen durfte. Dann sind wir zum Sandpfoten-Verein nach Neukölln, die in einer 4-Zimmerwohnung an die 35 Katzen beherbergen. Wir wurden freundlich von der Katzenmama empfangen, die uns durch die dunklen Gemächer führte und uns (ein wenig irre) Katzen und Kater vorstellte. Wir fanden auch ein ängstliches Käterchen, dass uns mochte und vice versa und wollten ihn gleich mitnehmen. Aber: Ich sollte eine Art Vertrag unterschreiben, in dem stand, dass die Katzenmutter erstmal die Wohnung inspizieren und später dann gelegentlich mal vorbeikommen würde um nachzuschauen, ob es Angst-Käterchen auch gut gehen würde. Das hatte schon alles ziemlich viel mit Katzen-Psychologie zu tun, und wir hatten schnell das Gefühl, dass wir eher dabei waren, ein Kind zu adoptieren, als eine Katze zu engagieren.

Wir gaben also den Katzenspaß ziemlich frustriert auf, und die Liebste konzentrierte sich aufs Wändeanstarren in der Wohnung, und ich mich auf die untertänige, kriechende Schufterei in der Agentur. Continue reading

Das war gestern. Heute war besser

von Sebastian Martin

Es schneit. Ein Abend im Januar. Dieser eine Tag könnte für ihn der Wichtigste in seinem Leben werden. Um 20 Uhr am Gabelmoo – das hatte er ihr damals vorgeschlagen. Damals, das war am Tag vor Silvester auf Usedom. Er hatte sie nur kurz sehen wollen, war dafür über tausend Kilometer weit mit dem Zug gefahren. Von ganz unten nach ganz oben auf der Deutschlandkarte. Die letzte Chance nicht allein zu sein, sie nicht verlieren zu müssen.. Und, um verdammt noch mal diese Ostseeinsel endlich zu sehen, aus der Phantasie eine Realität werden zu lassen. Sie hatte ihn an Weihnachten verlassen. An Heiligabend.

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vorwinterweihnachtsgeschichte

von Christopher Knoll

Mit sechs Jahren nannte sie es das Fischkonzert. Sie schob sich eine Strähne aus dem rechtem Augenwinkel, stampfte mit dem linken Fuß auf, sprang auf dem Hocker, auf dem sie erst einmal einige Zeit stand, während um sie herum Papagei Nelson flatterte, der schon blind war. In der Frühe hatte es Muesli gegeben, da Papa alle Hände voll zu tun hatte, sich vor mir zu verstecken. Mama war schon in die Stadt gefahren, um die Klavierstunden zu geben.

Auf meinem Weg ins Bad verschwand er im Wohnzimmer, angeblich, um Bücher zu suchen. Einer seiner Kollgen hatte Geburtstag. Papa war eher ein Vater als Papa. Als ich sechs war nahm er mich immer mit zum Fischen am Fluß, und ich durfte stundenlang schweigen während die unten schwammen. Ich drehte mich nie um, da ich Angst um sie hatte.

Mama hatte, viel später, Angst vor der Post. Sie bekam sie nachts, vor dem Morgen, als der Bescheid kam, dass Sie an der Klavierschule nicht mehr gebraucht würde.

Zu dieser Zeit fuhr ich oft Fahrrad am Fluß entlang, wo Dr. Wertens mir entgegenlief mit seinem Hund, Vater schon längst weg war und ich im Kinderheim arbeitete, gegenüber der Schule. Dr. Wertens Hund hieß Clio.

Ich kam ihm oft entgegen, in seinen fatalen Jahren.

Man rettet mich, ich steh am Meer. Jedesmal wenn ich den Leuchtturm sehe über den Klippen wird mir schwindelig, aber es fällt leichter aufzugeben, denn die Luft ist salzig und das Meer stürmt frisch. Und ich kann ihm das nicht sagen während ich auf dem Sand kauere, die Kleine neben mir, die sich mit der erhobenen Faust eine Strähne aus dem rechten Auge zu drücken versucht, er, der vor mir steht und in den weiten Sand starrt, ohne ein Zucken in seinen Händen, nur jenes innerliche Zucken, dass mir Angst macht, wenn er sehr nah ist.

Mit Clio am Strand war es anders. Der spürte nichts von seinen Strä hnen, zu bruschig waren sie himmelwärts gebürstet. Wenn der Wind von Westen kam, flattern seine Ohren auf den Photographien nach links. Das heißt, wir sind nordwärts unterwegs.

Als ich aus dem Bad herauskam, hatte er vor, in den Keller zu gehen, wer weiß, was er dort sucht.

Mir war klar, dass dies nicht so ging. Das mit Clio am Strand war besser. Bis Clio weggebracht worden war und ich im Winter allein am Strand lief, mit niemandem oder mir selbst, häufig war es mir selbst und dann liefs manchmal schleppend, aber ich kam klar soweit, meisterliches Gerücht gegen Kai meinerseits in der 11 A, huuh, das ist nicht mal so lange her. Mit Kai zog ich immer die Gummistiefel an, die mein Papa mit zum Fischen genommen hatte. Sie passten mir zu dieser Zeit. Aber ich zog sie auch wegen Kai an, meinetwegen, ich gebs zu. Ich war auf der Promenade mit meinem langen grünen Kleid und dem Marmeladenglas im Arm und schaute in die Fahrrinne der Flussmündung, an der recht nah ein großes Containerschiff vorbeischwamm. Unter dem Kleid hatte ich die Gummistiefel an. Das hab ich mir damals gemerkt, jetzt, da ich im Winter am Strand Richtung Norden laufe, merke ich es wieder und weiß nicht wieso. Mir ist nie kalt bei diesen Läufen, ich laufe schon viel organisierter als früher, und das merke ich auch, wenn ich mich immer weniger umdrehe um rückwärts in die Fußstapfen zu blicken, die ich hinterlasse.

Das mit Kai damals war nichts. Auf dem Geländer noch musste ich mich auf die Fußspitzen stellen, damit ich Kai hätte als das sehen können, was mir ein Containerschiff bringt. Das heißt, ich stand mit dem Rücken zu ihm und auf mich redete er ein, hieb ein bisschen unter meine Gürtellinie, leicht oberhalb der Stiefel. Ich fiel schließlich herunter und landete auf einem linken Knie, das im Schotter blutig wurde, während meine Strähnen, patschnaß von Gischt über meinen Augen und an meinen Wangen kleben, meine obere Lippe zittert leicht über dem geöffneten Mund. Ich muss spucken, es läuft mir im Mund zusammen. Ich beginne, keine klaren Umriße mehr zu sehen, mein Kopf schwankt, Kai im diffusen Licht aus Schiffslampen und Kaistrahlern, ich sehe hier niemanden sonst und es ist Nacht und ein paar Federn einer Möve liegen am Rande des Sockels auf dem das Fernrohr steht durch welches man immer sehen kann.

2.

Heute habe ich öfter ein rotes Kleid über den Gummistiefeln, wenn ich zu Vaters Konzerten gehe.

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Chicago: Taking the Heat

chicago taxi

Immer noch das Amerikafieber. Ich schlafe deswegen schlecht im windigen Paris-Appartment. Natürlich steht auch Berlin an, es gilt die Zelte abzubrechen. Doch Chicago verfolgt mich. Amerika hat eine Konsumwelle in mir ausgelöst, die mich tagelang in Trägheit versinken lässt. Die Tage nach Amerika habe ich Massen an Sopranos-Episoden gesehen, ganze Wälder von Büchern von John Steinbeck und Saul Bellow gelesen. Obwohl ich schon seit zehn Tagen wieder da bin, lebe ich also weiter in einer Art US-Simulacrum, in einer Traumwelt, der ich nicht ohne weiteres (Folgeschäden!?) entrinnen kann. Dafür braucht es Zeit, Reflektion und ein gewisses Maß an Disziplin, Sport und Humor.  Genau dieses Problem und den entsprechenden Lösungsansatz behandelt ironischerweise auch Chicagos own Saul Bellow in seinem Roman „Humboldt’s Gift“, der natürlich in Chicago spielt, in der Stadt, in der ich die letzten Wochen verbracht habe. Bellows Erzähler Charlie Citrine sinniert im Roman:

chicago tower 2„Some think that sloth [„Trägheit“], one of the capital sins, means ordinary lazyness“ (…) But sloth has to cover a great deal of despair. Sloth is really a busy condition, hyperactive. This activity drives off the wonderful rest of balance without which there can be no poetry or art or thought – none of the highest functions. These slothful sinners are not able to acquiesce in their own being, as some philosophers say. They labor because rest terrifies them. The old philosophy distinguished between knowledge achieved by effort (ratio) and knowledge received (intellectus) by the listening soul that can hear the essence of things and comes to understand the marvelous. But this calls for unusual strength of soul. The more so since society claims more and more and more of your inner self and infects you with its restlessness. It trains you in distraction, colonizes consciousness as fast as consciousness advances. The true poise, that of contemplation or imagination, sits right on the border of sleep and dreaming.”

How true. Welcome to the Kennedy Labyrinth.

chicago bus

Chicago hat starke Anziehungskraft. Die Chicagoans bezeichnen ihre Stadt als die amerikanischste aller Städte, denn sie hat alles: Geschichte, Wolkenkratzer, Volleyballstrände, Taxis, Immigranten aus aller Welt, Chinatown, die Mafia, Picasso-Skulpturen, Feuerwehrsirenen 24/7 etc. etc. In dieser Stadt durchlebte ich die heftigste Sturmnacht, sah fiese Schlägereien auf der Strasse, holte mir eine mächtige Sonnenallergie. Und dann die Amerikaner selbst, voller Selbstbewusstsein, ihre direkte, offene Art. Wenn Amerikaner einen Raum betreten, dann schauen sie sich nicht erst schüchtern um, sondieren die Lage, sondern strahlen gleich heraus: „Hi, it’s me, how are you! I want this and that and I think this and that and bla bla bla“.

Amerika ist intensiv. Diese Menschen haben einen ganzen Kontinent besiedelt, sind zur Supermacht chicago tower 1aufgestiegen. Auch wenn die Chicagoans in der Sommerhitze sehr entspannt wirken, liegt aufgrund der Masse an Gebäuden, Menschen, Errungenschaften eine gewisse Hysterie in der Luft. Alles ist größer, wahnsinniger. Think Big! Auch die Nacht vermag Chicago im Sommer nicht abzukühlen. Wir lagen nachts in Schweiß gebadet und lauschten dem Lärm. Bellow beschreibt das in „Humboldt’s Gift“ so:

„The temperature was in the nineties, and on hot nights Chicagoans feel the city body and soul. The stockyards are gone, Chicago is no longer a slaugher-city, but the old smells revive in the night heat (…) I heard fire trucks and the gulp and whoop of ambulances, bowel-deep and hysterical. In the surrounding black slums incendiarism shoots up in summer, an index, some say, of psychopathology.“

In der City komprimiert sich alles, selbst die Nacht schenkt der „Seele“ keine Ruhe mehr. Zuviel Lärm, zu viel fruchtlose Reflektion über zu viel „Außen“. Die Gesellschaft hält mich mit Krakenarmen an ihre konsumlechzende Brust. Wann habe ich das letzte Mal so gut geschlafen, dass ich morgens aus dem Bett gehüpft bin, um aus vollen Kehlen zu schreien: „GOOD MORNING AMERICA!“, oder „GOOD MORNING PARIS!“?

Ich zähle auf Berlin. Lass mich nicht im Stich, Oase Brandenburgs. Haleluja Berlin!

 

Saul Bellows, Humboldt’s Gift. Penguin Books, 1996.

Todesmutig: Kennedy im Fass die Niagara Falls runter

Ja, die Niagara Falls sind beeindruckend. Es gibt zwei grosse Wasserfaelle, einen auf der amerikanischen Seite, und einen auf der kanadischen Seite. Sie sind breit, das macht sie so imposant. Ihr Anblick wird nach einiger Zeit dann aber naturgemaess langweilig, viel interessanter ist der ganze Zirkus drum herum. Die Falls sind eine grosse Touristenfalle mit Hotels, Restaurants, Malls, Spielhallen und Geisterbahnen. Ich glaube die meisten Besucher hier lieben das. Die Amerikaner arbeiten gerne viel und haben in der Regel nur zwei Wochen Urlaub im Jahr. Mindestens eine davon verbringen sie dann bei den Niagara Falls und verpulvern einen Haufen Dollars fuer das Disneyland-Naturspektakel. Fettleibig schieben sie sich von einer Attraktion zur anderen, die Hispanics draenglen sich derweil undgeduldig in den Warteschlangen nach vorne, ein Meer von Kinder plaerrt in den blauen Himmel, Hotdogs triefen muede ueber die Bruestungen.

Unser Gastherr im Hostel ist ein freundlicher, baeriger Kanadier mit einer Menge Sonne in den Adern. Er nimmt uns bei der Ankunft beiseite und stellt uns kurzerhand das Programm fuer den Tag zusammen. Er talkt Business: „Nehmt die Faehre ‚The Maid of the Mist‘ und fahrt an die Falls. Der Regen unter den Falls ist Gold fuer eure Seele. Das muesst ihr machen!“ Gesagt getan. Wir steigen an Bord der „Maid of the Mist IIV“  um uns ein paar Spritzer Falls-Wasser einzuholen, standen dafuer eine gute Stunde in der Schlange. Maid of the Mist for my soul: my ass.

Anschliessend gehen wir noch ein wenig am Rande des Highways spazieren um dann oede in irgendwelchen Souveniershops und Spielhallen zu verenden, grosse Hamburgermassen im Bauch helfen uns dabei.

Das Ding mit dem Fass hat Anfang des 20. Jahrhunderts tatsaechlich irgendein amerikanischer Lehrer durchgezogen und ueberlebt. In den 60ern ist mal ein kleiner Junge reingefallen („Ouuups, sorry sweety, I didn’t mean to push you…Where the hell is he now?“) und hat auch ueberlebt. Ein Tag laenger in Niagara, und ich haette mich freiwillig reingestuerzt.

niagara falls

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