Wie jetzt Besonnenheit

„Differenzieren“ sagt Christian Bangel in seinem Kommentar auf ZEIT Online heute. Es ist die Besonnenheit seines Textes, die beeidruckt. Der Anschlag auf Charlie Hebdo spielt hierzulande Pegida und AfD ausgerechnet jetzt in die Hände, die Wut und der Hass wird den Islamfeinden am nächsten Montagabend vermutlich massiven Zulauf verschaffen. Dunkle Zeiten kündigen sich an. „Sind wir stark genug?“ fragt Christian.

Wie kann ich mich seiner Besonnenheit anschließen, wenn Trauer und Wut mich so sehr einspannen, dass ich mich gestern bei so voreiligen Gedanken ertappte wie „Jetzt müssten die Muslime aber wirklich mal dies und jenes tun, usw.“

In den letzten Monaten der Alkhoholabstinenz, des Medienfastens und der Meditation habe ich gelernt, dass Gefühle kommen und gehen. Sie sind nicht „Ich“. Das ist vor allem bei der negativ gepolten Grübelei, zu der ich gelegentlich neige, eine befreiende Erkenntnis. Auch Gefühle wie Wut oder Hass sind unstetig und verändern sich bei genauer Betrachtung, sie lassen nach und gehen wieder. Das achtsame Beobachten dieser kontinuierlichen Veränderung und die Akzeptanz dieses Seins ermöglicht Vergegenwärtigung und damit Besonnenheit und öffnet schließlich Entscheidungs- und Handlungsspielraum.

Wie also Handeln? Ich glaube, ich muss am kommenden Montagabend nach Dresden fahren, um dort Pegida Widerstand zu leisten. Ohne Hass, dafür aber mit der Überzeugung, das Richtige und das Notwendige zu tun.

Bonsoir, Anchorman!

Ein langes Wochenende in Paris – mal wieder so intensiv, dass ich mich jetzt halbrank durch den Berliner Regen schleppe. Die Stimmung der Bürger der Grande Nation ist derzeit ebenfalls nicht die Beste. Tage lang hat es in Paris durchgängig Bindfäden geregnet, der graue Himmel hängt tief über den Hochhäusern der Cité. „Die Stimmung ist total scheiße „, sagt Nicola der Musiker. Wir übernachten bei ihm und Julie, sie wohnen mit ihrem Kind in Ivry neben der Peripherique. „Millionen von Menschen haben wochenlang auf der Straße demonstriert, sie haben genug von Sarkozy. Und es hat nichts genützt. Die Leute haben jetzt einfach keinen Bock mehr.“

Am Montagabend wird das neue Kabinett auf France 2 präsentiert. Alles wirkt sehr hektisch, die Studiodiskussion, der Anchorman, die Studiogäste. Zwischendurch wird seltsamerweise ein Interview mit Bruce Willis im selben Studio geschaltet. Der Moderator interviewt ihn auf französisch und Bruce tut so, als würde er alles verstehen und antwortet auf englisch. Nebenbei sagt er, dass der Krieg im Irak richtig und wichtig war (got rid of Sadam, that sonofabitch!) und dass er Obama total scheiße findet.

Dann geht’s zum nächsten Thema: Ein Hochhaus in Dijon ist in der vorigen Nacht komplett abgebrannt, im Feuer kamen vor allem Menschen mit Migrationshintergrund um. Der ganze Sarkozy-Bruce-Verbrannte-Menschen-Mix verstärkt den leicht apokalyptischen Gesamteindruck dieses Wochenendes. November eben.  Gilt auch für Paris.

Superdad

My former colleague Olivier, a designer working for the E-Learning provider Telelangue in Ivry sur Seine, Paris sent me this yesterday. What a cool family, what a cool dad!

 

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Samstagmorgen in der Rue Sainte Marthe

Samstagmorgen in der Künstlerstrasse St. Marthe. Die Sonne scheint und der Bauer sitzt breit auf einem Hocker in der Rotisserie. Vor ihm liegt ein großer, runder Käse, gebettet in einem Stofftuch auf dem Holztisch. Auf seinem Schoss sitzt ein kleines Mädchen, dass an einer Käsescheibe knabbert und den Bauern mit großen Augen anschaut. „La vie est belle…elle est très, très belle » sagt er zufrieden, während er für die Mutter des Kindes ein Stück Käse abwiegt. Die Atmosphäre in der kleinen Rotisserie, in der die Leute sich am Wochenende ihr Gemüse abholen, ist angenehm. Es sind viele Kinder da, die im Laden herumspringen, die Menschen sind entspannt, noch leicht verschlafen. Am Abend steigt die Fête de la Musique, ein richtiges Volksfest, dass in ganz Frankreich gefeiert werden wird, alle freuen sich darauf.

Die Künstlerin Marianne kommt aus ihrem Atelier gegenüber gelaufen und rechnet dem Bauern triumphal vor, wie er den Käse verkaufen soll, ohne die Biofreaks übers Ohr zu hauen. Der Mann ist nämlich mit allen Wassern gewaschen, sein Bauernhof ist in Wahrheit ein richtiges Unternehmen für Bio-Obst und Gemüse, jedes Wochenende beliefert er die gesund- und naturbewussten Bürger von Paris, die sich nach Authentizität verzehren. Die Konkurrenz ist groß und er hat viele Feinde, die ihm seinen Erfolg missgönnen. Außerdem hat er Stress mit seinen Freundinnen, muss ständig per Handy  seine Rendezvous umplanen, er scheint ein gefragter Mann zu sein, macht eine große Show daraus, er steht gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Tatsächlich kann man jede Woche irgendwo einen neuen Artikel über ihn lesen, die Ökokost steht hoch im Kurs, tatkräftige Menschen mit Vision sind gefragt.

Der Mann war mal Mathematiklehrer und hat dann mit Anfang 40 noch mal umgesattelt. Mann sieht es ihm an: Es war eine weise Entscheidung. Er strahlt vor Lebensfreude, seine listigen Äuglein blinken fröhlich hinter seiner Mathelehrerbrille hervor. „Elle est belle la vie…très belle.“

Rue Sainte Marthe

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Unerwartete Houellbecquesche Depressionsattacke am Montag

Heute war ich zum Lunch mit den Kollegen im Einkaufszentrum „Centre Grand Ciel“ in der Cafétaria „Carrefour“, einer Riesensupermarktkette in Ivry sur Seine. In der Schlange, mit dem grauen Tablett in der Hand, hatte ich eine Houellebecqsche Depressionsattacke, die mich plötzlich aus dem grellen Nichts der endlosen Mall flankierte. Ein Kollege erzählte von der Geburtstagsparty einer Kollegin am Wochenende, auf der zwei Typen waren, die sich irgendwie als Baumanager vorgestellt haben.Man stelle sich vor: Eine Freitagabendparty mit Baumanagern, Informatikern und Service-Dienstleistern irgendwo in der Pariser Vorstadt. Die Houellebecqsche Depressionsattacke lud mir für wenige Sekunden gefühlte 40 Kilo Depression in die empfangsbereite Magengrube. Danach aßen wir fettes Hühnchen, Trief-Pommes und Salat, der bei mir in vorgefertigter Salatsoße ertrank. Montag.