Konstantin & The Lufthansa Heist

Die erste Show von Konstantin Gropper sah ich 2004 in Mannheim. Er spielte eines Abends mit Maike Rosa Vogel in der Popakademie. Die beiden bildeten zu jener Zeit das Ensemble „The Grand Mirage“. Andrea und ich standen vor der Bühne — hin und weg. Endlich mal wieder Musik mit Tiefgang und Abgründen fernab von diesem deutschen Befindlichkeits-Softpop, den man damals schon von allen Seiten auf die Sambas gekotzt bekam und der dann den Begleitsound der „Wir-sind-von-uns-selbst-besoffen“-WM 2006 ausmachen sollte. Bei aller Euphorie war es eine Zeit der Orientierungslosigkeit. Mit wenigen Lichtblicken, die umso heller strahlten. Wallis Bird. Maike. Konstantin.

Seit jenem Abend sind zehn Jahre vergangen. Deutschland ist Weltmeister, The Grand Mirage Geschichte und Konstantin hat mit Get Well Soon inzwischen drei Alben auf City Slang veröffentlicht. And there is more to come: Im November stehen nun gleich drei neue EPs ins Haus: „The Lufthansa Heist“, „Henry – The Infinite Desire of Heinrich Zeppelin Alfred von Nullmeyer“ und „Greatest Hits“.

Das Artwork des 10‘‘-Vinyl-Trios wurde vom Biberacher Künstler Hermann Schenkel beigesteuert. Es ist so gelungen, dass ich ernsthaft überlege, die Platten einzurahmen und aufzuhängen.

Greatest Hits versammelt sechs Coverversionen diverser Songs, die Konstantin schon immer mal auf einer Platte unterkriegen wollte. Darunter findet sich auch eine Interpretation von „Careless Whisper“, dem 30-jährigen Superhit von George Michael, hier zu sehen als Video (directed and produced by Philipp Käßbohrer & bft.) It’s a beauty:

Im Vergleich hier das Original von George Michael. Bademantel an, Champagner auf:

By the way: Auf seinem ersten Album „Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon“ coverte Konstantin bereits “Born Slippy” von Underworld:

Hier das Original, einer der großen Hits für uns Indie-90s-Teenager.

Anyway, um auch mal auf den Punkt zu kommen — Die erste von drei EPs ist heute erschienen: „The Lufthansa Heist“. Konstantin schreibt dazu:

Bei der ersten EP weiß ich nicht genau, ob es eine verfrühte Midlife-Crisis oder eine zweite Pubertät war, ein reiner Anfall von Nostalgie oder eine Sinnkrise, die zur Frage führte: Warum hab ich damit nur angefangen? Jedenfalls hat es mich zurück geführt zu der Musik, wegen der ich damals eine Gitarre haben und eine Band gründen wollte. Ich glaube, das hieß mal College-Rock oder so. Und ich schwöre, ich habe wieder Pickel gekriegt, als ich die Songs aufgenommen habe.

College-Rock, baby! Auf Spotify hat er gestern auf einer Playlist die Songs zusammengestellt, die ihn damals inspirierten. Great stuff. Check it out.

The Lufthansa Heist ist übrigens benannt nach dem großen Lufthansa-Raub, der 1978 auf dem John F. Kennedy International Airport in New York City verübt wurde. Wikipedia dazu:

Die erbeutete Summe wurde auf rund 5 Mio. US-Dollar in Bargeld und 875.000 US-Dollar in Form von Juwelen beziffert (in heutiger Kaufkraft 21.813.000 US-Dollar) und ist somit der größte auf US-amerikanischem Boden begangene Raub.[1]

Das Verbrechen wurde Thema zweier Fernsehfilme: The 10 Million Dollar Getaway und The Big Heist. In Scorseses Erfolgsfilm Goodfellas von 1990 über den Mittäter Henry Hill findet der Raub ebenfalls Erwähnung.

Tatsächlich befindet sich auf Get Well Soons Platte ein Ghostrack nach dem fünften und letzten Song  „Staying Home“ ab Minute 5:17. Es ist ein Cover des 2. Teils von „Layla“, dem berühmten Song von Eric Clapton. Der 2. Teil von Lalya ist eine träumerische Coda, die Konstantin sehr schön interpretiert. Check it out here.

Und siehe da, in Scorseses grandiosem Epos „Goodfellas“ findet sich die oben von Wikipedia erwähnte Erwähnung. Untermalt von Claptons Layla:

Nice one. Travelling back in time with Get Well Soon. It’s out there now.

Diese Frau hat hier und heute was zu sagen

Maike Rosa Vogel im Maxim Gorki Studio BerlinVorgestern Abend: Release-Konzert von Maike Rosa Vogels neuem Album „Fünf Minuten“ im Studio des Maxim Gorki Theaters in Berlin. Es war gut. Einige von Maikes neuen Songs sitzen. Sie ist mit ihrem neuen Album jetzt am Punkt. Voll da.

Maike hat Songs gesungen, von denen einige so direkt, ehrlich, leidenschaftlich und oft wütend rüberkommen, dass jeder im Saal von Anfang an wusste, okay, diese Frau hat hier und heute was zu sagen. Viele Leute waren da, die Stimmung war gut. Christian Vinne (Percussions, u. a. Drummer bei Wallis Bird), Leander Haußmann (Mundharmonika), Sven Regener (Trompete) und andere begleiteten Maike bei einigen Songs, sie machten einen soliden Job. Die geladenen Gäste waren angenehme Zeitgenossen, der Abend kurzweilig und schön.

Man hat gemerkt: Maike hat über die letzten Jahre noch mal richtig Selbstvertrauen getankt, ihre Community und ihre Stimme gefunden, wohl einige Untiefen gemeistert, sich durchgekämpft, und jetzt bietet sie mit „Fünf Minuten“ eine Menge gesammelter Erfahrung und frischen Mut. Wenn sie dann von fünf Minuten Glück singt, die sie sich von niemandem nehmen lässt, und die sie uns allen gern zugesteht, dann tut sie das als bekennender Hippie. Für Maike bedeutet ein gutes Leben: Liebe und Familie – und das reicht. Warum auch nicht? Ein ganz starker Song heißt „So Leute wie ich“. Hier singt sie, dass sie keine Hartz IV-Bezieher kennt, die irgendwie glücklich mit ihrer Situation wären, die sich aufs „Schmarotzen“ eingestellt hätten und das klasse fänden. Sie selbst hat für 7,50 Euro die Stunde geackert, ist dann nach Hause gehetzt, hat mit ihrem Freund abgeklatscht, der direkt zum Bus gerannt ist, um dann die ganze Nacht durchzusingen, damit das nötige Geld für die Familie reinkommt. Und das Ganze ohne Krankenversicherung. Fact. Singt sie auch so. Und das ist ehrlich, das polarisiert, das tut manchmal weh, aber man fühlt, dass sie das verdammt noch mal auch so singen muss. Und denjenigen, die uns mit ihrem Fortschritt-durch-Wachstum-Wahn, ihrem verblendeten Arbeits- und Sparethos, ihrer prüder Schablonen-Pedanterie und leidigen Spießerei das Leben zu ihrer eigenen Hölle auf Erden gleichmachen wollen, zeigt sie schön den Finger: FUCK YOU, du ödes Spießer-Deutschland. Wir wollen so nicht leben, auch wenn das für viele von uns ein Leben in materieller Armut bedeutet.

Maike singt, sie sei ein Hippie, aber sie ist auch eine Rebellin, die für ein alternatives Leben Musik macht und dadurch auch mal unbequem ist. Ja, das alles ist irgendwo schon zugeschnitten auf die Boheme und hat manchmal was vom Berliner Nabelschau-Diskurs und Rechtfertigungslyrik; Maike erhebt aber keinen Universalanspruch, glaube ich. Man muss das alles nicht mögen. Es geht auch nicht um Authentizität. Es geht ums Leben und darum, vielfältiges Leben zuzulassen. Myself +

Und das geht dann doch alle was an.

Maike hat im Gorki-Studio also ein paar Saiten angeschlagen, die direkt durchgeklungen sind. Auch die Lieder von vergangenen Lieben, anderen Leben, die möglich gewesen wären und doch nie waren, nicht sind und nie sein werden – der Zweifel – haben eingeschlagen. Das erlebe ich bei Konzerten selten.

Maikes Album-Release im Gorki-Studio

Mehr Maike?

// Maikes Homepage und das neue Album „Fünf Minuten“: www.maikerosavogel.com

// Maike spielt gerade am Berliner Maxim Gorki-Theater in „Der kleine Bruder“ (nach dem Roman von Sven Regener): www.gorki.de/de_DE/calendar/repertoire/748516

// The Past: Maike mit Konstantin als „The Grand Mirage“, über die ich damals in meiner Zeit beim Zeit-Zuender schrieb.