ZEN schützt Dich vor Dummheit nicht!

Timon und ich fahren mit dem M41, der sich mal wieder stickig stinkend und schlecht gelaunt am Kanal entlangwälzt (der Bus nicht Timon), bis zur Körtestraße. Eingestiegen sind wir am Halleschen Tor, wo auch die Amerikanische Gedenkbibliothek sitzt, die wir beide schätzen. Bibliotheken sind schöne Orte, die ich schon als Kind liebte und die heute, diffus formuliert, in der öffentlichen Wahrnehmung eher in Vergessenheit geraten zu scheinen. Man sieht in der Amerikanischen Gedenkbibliothek immer interessante Menschen, die ganz anders wirken als zum Beispiel im Supermarkt. Vielleicht ist es die Suche nach Wissen, die sie so attraktiv macht? Vermutlich sind Bibliotheken großartige Settings, um sich spontan zu verlieben. (Ein Tipp an dieser Stelle für den Single-Mann, der sich gerne binden will: Besuche einen Berliner Volkshochschulkurs für Analoge Fotografie.)

Jedenfalls steigen wir an der Körtestraße aus und gehen zu unserer ersten Aikido-Stunde. Was diese Kapfsportart in a nutshell ausmacht, erklärt Wikipedia wie folgt:

Ziel des Aikidos ist es, die Kraft des gegnerischen Angriffs abzuleiten (Abwehr) und den Gegner mit derselben Kraft vorübergehend angriffsunfähig zu machen (Absicherung). Dies geschieht insbesondere durch Wurf- (nage waza) und Haltetechniken (osae waza oder katame waza). Die Aikido-Techniken dienen so der Abwehr und Sicherung und nicht einem offensiven Angriff. Dies entspricht der friedlichen geistigen Haltung des Aikido. Im Anfängergrad werden Angriffe vorher festgelegt und stilisiert ausgeführt, später erfolgen sie willkürlich (Randori).

Auf die Idee, diese Kampfsportart einmal auszuprobieren, kam C. bereits vor einigen Jahren und schenkte mir damals einen Gutschein. Offenbar ist Aikido in Frankreich auch viel bekannter als hierzulande und so ist es auch keine Überraschung, dass der Chef-Aikidoka Jean-Marie im Dojo der Körtestraße Franzose ist. Timon und ich latschen also bei Jean-Marie ein und treffen im Umkleideraum gleich auf einen freundlichen und ZEN-zentriert wirkenden Polizisten, der uns eifrig über das Training informiert und mir auch konsequenterweise gleich mal übelst den Arm verdreht, um uns irgendeine Aikidotechnik zu demonstrieren. „Aua,“ bemerke ich, und er klärt mich aber umgehend auf, dass es nur wehgetan, weil ich so statisch dagestanden hätte. Also probieren wir es gleich noch einmal aus, ich bewege mich dieses Mal mit und knalle mit dem Kopf gegen einen im Umkleideraum schlecht verstauten Staubsauger. „Aua.“ Ts, ts, ts, die Polizei dein Freund und Helfer. Hier also Instanthilfe durch Schmerzerfahrung noch vor dem ersten Training. Gelernt: ZEN schützt Dich vor Dummheit nicht!

Timon und mir gefällt dann aber das Training  sehr. Jean-Marie ist so ein tiefenentspannter und cooler Hund von Aikidoka und bindet uns entsprechend herzlich ein. Es gibt einfach nichts besseres, als mit einem tiefenentspannten Franzosen Zeit zu verbringen, das gleiche gilt natürlich auch für Französinnen.

„Wenn du angegriffen wirst, schließe deinen Gegner ins Herz,“ sagte der Aikido-Begründer Ueshiba Morihei. Franchement, das ist nicht die schlechteste Weisheit für die Vorbereitung unserer für Montag anvisierten Fahrt nach Dresden, um gegen Pegida zu demonstrieren. Ein bisschen von diesem Spirit nehmen wir samt Muskelkater mit aus dem Dojo. Onegai shimasu!