Mopspunk

Wir sitzen im Hof, die Kinder spielen. Die Erwachsenen ringen mit der Erschöpfung. S. kommt aus dem Haus gestürmt und brüllt uns an. Sie hat den Mops meiner Gäste aus der Küche beobachtet, wie er in ihre Pflanzen gepinkelt hat. Ich bemerke erst jetzt, dass ein Hund dabei ist. S. scheint ordentlich angetrunken und ist Kreuzberg-zornig. Sie ist der/die zweite Punker*in in unserem Haus, die sich mit den Jahren in eine*n Gartenspießer*in verwandelt hat. Mit Schuss. Blüh im Glanze dieses Glückes. Ich bin zu müde und blass, um mich irgendwie zu verhalten und wir sitzen den kurzen Sturm aus. Was hat dich bloß so irritiert?

Wie ich es einmal fast als Hund in die SZ schaffte

Die ganze Woche mit dem Sohnemännchen zuhause: Fieberalarm. Für heute habe ich uns nach reiflicher Überlegung nur ein Ziel gesetzt, nämlich eine spezifische Information von einem gewissen Berliner Amt einzuholen. Die Mission lässt sich erfreulich gut an: A) Die Sonne scheint. B) Nach 15 Minuten in der Warteschleife geht schon die Zentrale ran. Sie will mich direkt zur zuständigen SachbearbeiterIn durchstellen, schafft das aber nicht und sagt, man könne mich „gern“ zurückrufen. Wir wünschen uns gegenseitig einen schönen Tag und als die Zentrale „Tschüss“ sagt, klingt das so, als würde die Batterie einer Roboterstimme das Zeitliche segnen. Berufliche Profi-Langeweile at its best. In just diesem Robotertod-Moment ziehen Wolken vor die Sonne.

Der versprochene Rückruf kommt nur zehn Minuten später, ich dusche gerade, Söhnchen schaut mir dabei staunend zu, ich haste staunend mit Shampoo im Haar zum Telefon, das in der Küche liegt, wobei ich große Pfützen hinterlasse, in denen mir der Kleine in seinen Entenschlappis hinterher (aus)rutscht. Ja, das Backoffice des Amtes sei hier für den Rückruf, werde ich vom anderen Ende der Leitung begrüßt. Ob man helfen könne. Ich erörtere meine Sachlagen-Anfrage und erhalte prompt eine Verneinung. Mit dieser Anfrage könne man mir nur entweder A) per E-Mail helfen (eine komplizierte URL wird aufgesagt) oder B) anbieten, heute zwischen so und soviel Uhr zur Sprechstunde zu kommen, um vor Ort die nötige Auskunft zu erhalten.

B). Im Foyer des Amtes werden wir von einem Nazi mit hochrotem Kopf empfangen, der vor den Hinweisschildern hin- und her tigert und irgendwas von „Ausländer, von denen jibt es hier doch eh schon genug hier, was soll denn dit“ labert. Wir ignorieren ihn und begeben uns directement in den zugeteilten Warteraum, nicht ohne vorher ein Ticket gezogen zu haben.

Dann passiert erstmal eine Stunde lang nichts. Monsieur schläft, ich google nach dem weißen Schwert flankiert von zwei weißen Kreuzen, dass der Nazi auf der Jacke aufgenäht hatte und finde nichts.

Dann gehen wir wieder, weil hier einfach nie jemand aufgerufen wird, und ich beschließe, die Sache doch per E-Mail anzugehen. Im Foyer tigert immer noch der Nazi hin und her, irgendwie kommt er hier auf dem Amt wohl auch nicht weiter. Wir schauen uns prüfend in die Augen und mir fällt auf, dass ich in letzter Zeit gerne öfter mal von Nazis angestiert werde. Schnell raus hier.

Draußen in der Sonne suche ich Google nach meinem Amtsanliegen durch. Hochkomplizierte Sachlage! Dieses Berliner Amt hat den Krieg an Leute wie mich erklärt!, finde ich heraus. Genug der Ämterei für heute.

Auf dem Weg zum Supermarkt sehe ich wieder das Poster vom Solikonzert für die Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen e.V. Ja, Panik, Jens Friebe und Chris Imler spielen auf im SO36 und der Erlös geht komplett an die KOB. Feine Sache, Tickets auch bezahlbar, das wird gemacht. Es klärt sich das diffuse Bild (Was kann man denn eigentlich sinnvolles tun), scheints, und das Thema Menschenrechte wird erkennbar. Why not? Vielleicht ist der navel gazer bald Geschichte. Au Revoir, Nervosità, Wir Gehen Aus.

Am Kanal stehen wir in der späten Sonne, die noch matt zwischen einer Häuserschlucht durchlugt, und ruhen uns aus. Möwen kreisen überm Kanal, und ich erinnere mich bei ihrer Betrachtung an die zentrale Frage des Erzählers aus „The Catcher in the Rye“: Wo zum Teufel gehen eigentlich all die Enten hin, wenn im Winter der See zufriert? Ich warte darauf, dass eine Möwe durch den Sonnenkreis auf uns zufliegt, Apocalypse Now, Baby. Klappt aber nicht.

Zuhause dann eine 30-minütige Schreikrise, weil Sohn lieber noch länger in seinem Kinderwagen draußen gepennt hätte. Der Nachbar (ein amerikanischer Opernregisseur,  der mir bei unserem Einzug mit stolz geschwellter Brust verkündete, er habe nur 150.000 EUR für seine 80qm gezahlt, wobei ich mir damals dachte, wie wäre es denn erst Mal mit hallo, wer seid ihr denn so und was macht ihr so, etc.) muss glauben, ich ziehe meinem Sohn zur Strafe für seinen Ungehorsam die Fingernägel einzeln aus. Dann goûter, gefolgt von einer weiteren Krise (etwa 10 Minuten), weil Sohn lieber noch weiter essen würde.

Später spielen wir schön, ich muss mal wieder auf allen vieren herumkriechen und miauen, während Little Boy mich von hier nach da ordert. Dabei erinnere ich mich an das Spielen mit meinen Schwestern früher. Damals musste ich denen oft den Hund auf vier Beinen machen. Was ich an sich gut fand. Meine ältere Schwester hat diese Sache tatsächlich mal einem Journalisten von der Süddeutschen oder so erzählt, als dieser sie nach ihren Jugendtagen und ersten Rollenspielen befragte. Der Bruder-Hunde-Teil wurde zum Glück nicht gedruckt. Unter A) „Fragwürdigem Ruhm“ oder B) „Aufmerksamkeit um jeden Preis“ wäre das wohl intern abzubuchen gewesen.

Bevor C. nach Hause kommt singe ich Maxime noch „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“ aus seinem Liederbuch vor. Das Lied kann man ausgezeichnet berlinern, es hat diesen nörgeligen Ton, und wir haben viel Spaß: „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirne, jehn wa in den Garten pflückma ma die Birn. Pflückste mal die großen, pflück ich hier die kleenen…“

Abends, kurz vor Sohnemännchens Bettgang, singen C. und ich ihm dann auch noch zweistimmig „J’aime papa, j’aime maman, mon p’tit chat, mon pt’it chien, mon p’tit frère“ vor. Aber meine Zweitstimme klingt, mit Verlaub, ziemlich scheiße, und der Sohnemann antwortet mir auf meine Frage nach einem anschließenden abschließenden Gutenachtküsschen: „Non“.

Was Mr. Bargain-bought-150.000-EUR-flat-Opernregisseur nebenan von meinem Tenor hält, ist mir — please excuse my French — humpe. Wir können nur die Bänder schwingen, die uns mit auf den Weg gegeben wurden, dude. Voilà. Bonne nuit.

ZEN schützt Dich vor Dummheit nicht!

Timon und ich fahren mit dem M41, der sich mal wieder stickig stinkend und schlecht gelaunt am Kanal entlangwälzt (der Bus nicht Timon), bis zur Körtestraße. Eingestiegen sind wir am Halleschen Tor, wo auch die Amerikanische Gedenkbibliothek sitzt, die wir beide schätzen. Bibliotheken sind schöne Orte, die ich schon als Kind liebte und die heute, diffus formuliert, in der öffentlichen Wahrnehmung eher in Vergessenheit geraten zu scheinen. Man sieht in der Amerikanischen Gedenkbibliothek immer interessante Menschen, die ganz anders wirken als zum Beispiel im Supermarkt. Vielleicht ist es die Suche nach Wissen, die sie so attraktiv macht? Vermutlich sind Bibliotheken großartige Settings, um sich spontan zu verlieben. (Ein Tipp an dieser Stelle für den Single-Mann, der sich gerne binden will: Besuche einen Berliner Volkshochschulkurs für Analoge Fotografie.)

Jedenfalls steigen wir an der Körtestraße aus und gehen zu unserer ersten Aikido-Stunde. Was diese Kapfsportart in a nutshell ausmacht, erklärt Wikipedia wie folgt:

Ziel des Aikidos ist es, die Kraft des gegnerischen Angriffs abzuleiten (Abwehr) und den Gegner mit derselben Kraft vorübergehend angriffsunfähig zu machen (Absicherung). Dies geschieht insbesondere durch Wurf- (nage waza) und Haltetechniken (osae waza oder katame waza). Die Aikido-Techniken dienen so der Abwehr und Sicherung und nicht einem offensiven Angriff. Dies entspricht der friedlichen geistigen Haltung des Aikido. Im Anfängergrad werden Angriffe vorher festgelegt und stilisiert ausgeführt, später erfolgen sie willkürlich (Randori).

Auf die Idee, diese Kampfsportart einmal auszuprobieren, kam C. bereits vor einigen Jahren und schenkte mir damals einen Gutschein. Offenbar ist Aikido in Frankreich auch viel bekannter als hierzulande und so ist es auch keine Überraschung, dass der Chef-Aikidoka Jean-Marie im Dojo der Körtestraße Franzose ist. Timon und ich latschen also bei Jean-Marie ein und treffen im Umkleideraum gleich auf einen freundlichen und ZEN-zentriert wirkenden Polizisten, der uns eifrig über das Training informiert und mir auch konsequenterweise gleich mal übelst den Arm verdreht, um uns irgendeine Aikidotechnik zu demonstrieren. „Aua,“ bemerke ich, und er klärt mich aber umgehend auf, dass es nur wehgetan, weil ich so statisch dagestanden hätte. Also probieren wir es gleich noch einmal aus, ich bewege mich dieses Mal mit und knalle mit dem Kopf gegen einen im Umkleideraum schlecht verstauten Staubsauger. „Aua.“ Ts, ts, ts, die Polizei dein Freund und Helfer. Hier also Instanthilfe durch Schmerzerfahrung noch vor dem ersten Training. Gelernt: ZEN schützt Dich vor Dummheit nicht!

Timon und mir gefällt dann aber das Training  sehr. Jean-Marie ist so ein tiefenentspannter und cooler Hund von Aikidoka und bindet uns entsprechend herzlich ein. Es gibt einfach nichts besseres, als mit einem tiefenentspannten Franzosen Zeit zu verbringen, das gleiche gilt natürlich auch für Französinnen.

„Wenn du angegriffen wirst, schließe deinen Gegner ins Herz,“ sagte der Aikido-Begründer Ueshiba Morihei. Franchement, das ist nicht die schlechteste Weisheit für die Vorbereitung unserer für Montag anvisierten Fahrt nach Dresden, um gegen Pegida zu demonstrieren. Ein bisschen von diesem Spirit nehmen wir samt Muskelkater mit aus dem Dojo. Onegai shimasu!

Be my little U-Bahn Baby

Am Görlitzer Bahnhof stehen seit der Messerstecherei abends die Sicherheitsmänner von der BVG und frieren sich den Arsch ab. Die Dealerjungs lassen sich dadurch nicht vom Tagesgeschäft abhalten und bieten ihre Narkotika den öffentlich Nahverkehrsreisenden weiter offen und und direkt vor den gefrorenen Nasen der Securities an. Morgens um acht steige ich die Steintreppen auf die Plattform hoch und werde von einer imposanten und detailreichen Kotzlache empfangen. Ein paar Meter weiter steht ein riesiger Typ und isst einen Döner. Tief durchatmend gehe ich langsam bis zum Ende der Hochbahn-Platte und wundere mich, wie weit man hier gehen kann, fast schon bis zum Lausitzer Platz. Unten auf der Schlesischen hasten die Menschen in Richtung Arbeit, aus dieser Halbhöhe hat man eine interessente Perspektive auf den Kiez und man kann relativ unbeobachet Menschen anstarren.

In der U-Bahn unterhalten sich angeregt ausschließlich Fremdsprachler — die/der Deutsche an sich spricht nicht in der U-Bahn zu dieser Morgenstund. Die einzigen deutschen Wörter, die ich heute auf dieser knapp 20-minütigen Fahrt vernehme sind: „Guten Morgen, die Fahrscheine bitte.“ Sonst nichts. Das ist aber nicht die kalte, anonyme Stille, die man vielleicht aus der einen oder anderen U-Bahn-Linie oder -Stadt kennt. In der U1 ruht man sich einfach noch einmal ein wenig aus und genießt die Schunkelfahrt, man hat ja noch genug Trubel vor sich. Als die S-Bahn-Führer vor ein paar Monaten streikten, merkte man gleich den Unterschied in der Atmosphäre. Die S-Bahn-Gäste brachten ihren ganzen Frust mit auf die Linie und sagten so seltsame Dinge wie: „Junge Dame, wären Sie bitte so freundlich, das Fenster zu öffnen? Vorzüglich, gnädigsten Dank.“ Und man sah und spürte förmlich die Denkblasen aller anderen, die dachten, was ist denn das jetzt bitte für ein Bullshit hier?

Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass ich nun seit bereits geschlagenen sechs einhalb Jahren mit der Berliner U-Bahn fahre und mich nicht beklagen kann. In keiner Weise! Vielen Dank!

PS: Bis auf dass die Tickets zu teuer sind und immer teuerer werden und die Kontolleure ohne jegliche Kulanz walten. Ein Herz für Schwarzfahrer!
PPS: Spielt gerade wieder in München:

Kasperletheater vor akut existenzbedrohten Kleinsupermarkt-Fachangestellten

Der kleine Edeka bei uns im Kiez an der Ecke muss schließen. Die Eigentümer planen eine Renovierung und wollen die 100qm-Ladenfläche dann in drei Einheiten aufteilen und teurer vermieten. Keine Chance für den Betreiber und seine Angestellten da noch was zu machen, sie werden nach x Jahren quasi auf die Straße gesetzt und müssen sich einen neuen Ort für den Laden suchen. Viel Glück…

Nach der Renovierung kommen dort jetzt schicke Büroräume oder hippe kleine Läden rein — this is gentrification after all baby — die Verdrängung geht munter weiter, die Vermieter wollen neue, lukrativere Verträge.

Mit diesem Edeka beißt also ein weiteres Stück Kiezkultur ins Gras. Heiße Tränen der Wut wegen eines Edekas? Nun, der Laden war nicht nur so ein anonymer Supermarkt mit schlecht gelaunten Dienstleister-Sklaven. Im Gegenteil, die Angestellten sprudelten vor guter Laune und Lebensfreude nach frischer Kreuzberger Art und riefen sich dabei durch den ganzen Laden lautstark ihre Späßchen zu. Die hatten bis zum Schluß Spaß bei der Arbeit und kannten die Menschen im Kiez persönlich. Es gab hier die Regulars und den einen oder anderen Alki, Oldie oder die sonstig knapp begüterte und vom Drängen des Neoliberalismus verschmähte Kiezgröße, die hier in einem kleinen Büchlein anschreiben konnte. Anschreiben. Für Lebensmittel. In einem Büchlein. In einem Supermarkt. Come on, wo gibt’s denn sowas noch? Und was wird jetzt aus den Leuten, die hier nicht mehr anschreiben können?

Diese Kiezoasen sind bald für immer Geschichte – beware Spätis! Die Gründe dafür sind bekannt, es geht letztendlich um Gier. Und um „Ihr macht kaputt, was ihr sucht.“ Als ich vor einer Woche bei diesem Edeka einkaufte, stand vor mir am Kassenband ein Typ um die 30, Bärtchen, eleganter Herr-von-Eden-mäßiger Mantel, der verwundert fragte, warum denn die Regale so leer wären und ob denn eine Inventur geplant sei. „Wir machen zu“, war die Antwort und diese veranlasste ihn zu ungläubigem Staunen und zu dem folgenden, augenscheinlich solidarischen Auftritt: „Ach so ne scheiße, da ziehen dann nur wieder so Schwaben rein, echt ey. Das ist hier ja kaum mehr auszuhalten, ich glaub‘ ich zieh echt wieder weg, wenn das so weitergeht.“

Hm. Der Typ war sicherlich ein Stammkunde, und ich nehme ihm auch ab, dass er es gut meinte mit der Edeka-Belegschaft, und dass ihn die Schließung wütend macht. Was mich aber nervte an seiner kleinen Spontan-Show, war dieses „Ach, immer diese Anderen, die hierher ziehen und alles kaputt machen.“ Come on. Alle, die wir mit unserem bürgerlichen Hintergrund in den letzten zehn, fünfzehn Jahren in die Szenekieze gezogen sind und herziehen (ob aus der Provinz oder nicht) tragen zur Verdrängung bei, sobald wir ein bisschen Kohle (egal ob aus der Agentur oder von Mama und Papa) mitbringen oder auch nur künstlerisches oder einfach hippes Kapital. Wir alle stecken mit drin. Da können sich die Damen und Herren hier noch so anbiedern und als Original-Berliner gebärden: YOU ARE PART OF THIS, TOO.

Denn Verdrängung hat viele Gesichter.

Wie wäre es also, ein bisschen Haltung zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen, anstatt die Schuld an dieser Misere immer irgendwelchen anderen zu übertragen und dabei noch peinliche Kasperletheater vor akut existenzbedrohten Kleinsupermarktfachangestellten aufzuführen? Eben. Thank you.

Absolut sehenswert zum Thema Mieterverdrängung in Berlin — „Wem gehört die Stadt?“: