Elternzeit, Baby! (Tag 15)

Strahlende Sonne, Maxime bis in den Treptower Park kutschiert. Dort aber gleich umgedreht, weil der Wind senkrecht in den Kinderwagen pfiff –> Monsieur not amused. Anruf bei Kita, Vertrag abgeholt, alles geritzt: Ab März muss das Männeken in den Kinderladen, danach geht’s direkt in die Fabrik.

Oder in die Gießerei. Ein Jahr vor dem Abi (99) jobbten Urs, Flo und ich mal ein paar Wochen lang in der Tuttlinger Gießerei. Eine Woche früh, eine Woche spät, eine Woche nachts. Wir waren die einzigen deutschen Arbeiter, ansonsten schufteten dort nur Türken und Russen. Schmutzige Arbeit, literally. Wir steckten bei 40° C acht Stunden lang gepresste Sandformen für Bremsscheiben in eine Maschine. Nichts anderes. Nach der Schicht waren wir rabenschwarz, unter der Dusche musste man den Staub ewig lang abbürsten.

Unser Vorarbeiter hieß Ali, er  stand während der Schicht oben an der riesigen Gießwanne. Ali war dick und kräftig, hatte einen Schnauzbart und war beim Flüssigmetall-Schwenken immer bestens aufgelegt. Er sang und pfiff seine türkischen Liebes-Liedchen und trommelte in Maschinengewehrfeuer-Manier witzige Kommentare auf uns herunter. Guter, liebenswerter Typ.

In der Mittagspause im Bungalow erzählten die Arbeiter, dass ihre Lebenserwartung in der Regel bei Mitte fünfzig / sechzig lag. Lungenkrebs. Kaum einer schaffte die reguläre Rente. In der Gießerei durfte man bei der Arbeit Bier trinken und rauchen, was die Gesundheit im Allgemeinen ja auch nicht begrüßt. Aber die Hölle dort wohl erträglicher machte. Wir Ferienjobber haben das jedenfalls schon begrüßt. Ab uns zu schlich mal der Fabrikchef durch die Halle, der war deutsch. Ein graues, unsympathisches Männelchen flüstert meine Erinnerung. Bin meinem Vater schon dankbar, der hat immer darauf gepocht, dass wir auch mal sone stupiden Jobs kennenlernen. Unvorstellbar, sein Arbeitsleben in einer Gießerei zu verbringen. „Morgen wird wie heute sein.“

Fun Fact: Seit der Gießerei-Schufterei kann ich mit diversen Fingergelenken unangenehme Knackgeräusche produzieren.

Aktuelle Baby-Highlights: Maxime steht manchmal, wenn er was mit beiden Händen untersucht, für eine Sekunde freihändig. Ohne es selbst zu merken.

Elternzeit, Baby! (Tag 14)

Kurz vor 6 aufgewacht und bis nachmittags nicht klar gekommen. Maxime hatte gestern Nacht [hier beliebiges Babyaua einfüllen], also wenig geschlafen. Enormes Schlafdefizit in der ganzen Familie / deren Mitgliederinnen und Mitglieder entsprechend gelaunt. Einziger Silberstreif: Ich muss an diesem tumben Montag nicht zur Arbeit.

Baby und ich frühstücken gerade, als Susie anruft und jubelt, dass Fegefeuer fürs Theatertreffen ausgewählt wurde. Ich freue mich, kann aber nur irgendwas Halbgares samt Glückwünschen aus meinem Müsli blubbern. Begreife das auch noch nicht so ganz, da im Nebel.

Headhunterin wollte mich um 14 Uhr anrufen, tut sie aber nicht. Ich klingele also bei der Agentur an, der Chef geht ran und sagt, die hat den Termin verschwitzt. Macht nix. Finde es eigentlich nett, dass so Personalern das auch mal passiert. Xing sagt, ihr Job vor der Consulting-Agentur: „Abenddienstleistung im Lovelite“.

Später im Zahnarzt-Wartezimmer höre ich übers Zahnarztassistentinnen-Radio einen Song von Get Well Soon. Rückblende Sommernachmittag auf meinem WG-Balkon in Mannheim vor sieben Jahren: Kopfhörer mit GWS-Debütalbum auf dem Ohr, Bandinfo für Konstantin geschrieben.

Die Prophylaxenlady erzählt mir 60 Minuten lang von ihrer Arbeit und ihrer Tochter. Fast wie ein Hörspiel, ich kann ja nicht antworten mit all dem Werkzeug im Mund. Der Prophylaxenlady Vorteil: Sie kommt nach so einem ganztägigen Soliloquy-Werktag hochreflektiert nach Hause. Davon profitiert auch ihre Tochter, das wird deutlich.

Auf dem Rückweg Herrndorf in der M29. Abends Sichelmond wie aus dem Bilderbuch.

Elternzeit, Baby! (Tag 11)

Langer Spaziergang mit Maxime am Kanal entlang. Es ist nicht mehr so kalt und windstill, ein schöner Tag. Auf dem Rückweg sehe ich am gegenüberliegenden Ufer einen Jungen aufs Eis steigen. Der Kanal ist nicht komplett zugefroren, Einbruchgefahr. Verschiedene Menschen radeln, spazieren und joggen an der Szene vorbei. Keiner von den Vollpfosten kommt dabei auf die Idee, den Schüler vom Eis zu scheuchen. Was sind das für Menschen? Ich belle also aus gut 50 Metern über den Kanal: „He! Runter vom Eis, das ist gefährlich!“  und mache eine typische Bademeistergeste mit ausgestrecktem Arm schräg vom Köper weg nach oben, Zeigefinger gespitzt. Der Junge flüchtet vom Eis zu seinem Kumpel  auf eine Parkbank. Sie schauen mich an, warten darauf, dass ich endlich weitergehe. Was ich dann auch mit ungutem Gefühl tue — aber nicht ohne noch ein paar Minuten mit grimmiger Choleriker-Nachbar-am-Gartenzaun-Fratze rüber zu starren. Maxime muss nach Hause, Mittagessen.

Elternzeit, Baby! (Tag 10)

Maxime und ich waren heute Morgen in seiner (hoffentlich) zukünftigen Kita „hospitieren.“ Das heißt, wir waren mal zur Probe dort, um zu schauen ob Maxime & diese Kita = kompatibel. In der Adalbertstraße. Sehr nette ErzieherInnen dort. Normalos. Entspannt. Gold wert! Maxime fand es toll da und hat locker gespielt und überhaupt nicht gefremdelt oder geweint. Und die fanden uns wohl auch ganz okay. Also ist das leidige Thema „Horror: Kita-Suche in Berliner Szeneviertel“ damit (hoffentlich) vom Tisch.

Gestern Abend im HAU gewesen mit Caro, Christophe, Timon und Oli und dort James Holden gesehen. Ja, naja. Schon impressionant. Holden hat in Oxford Mathematik studiert und das hört und sieht man seinen Elektrowänden an. Sehr Computer!-euphorisch. Ich war bleimüde /+ schneller Pausenspliff (Menthol!) + schnelles Pausenbräu. You know.

Am Samstag Freunde nachmittags hier zu Kaffee und Kuchen. So ändern sich die Dinge, boy! Zum 30. in der Palisadenstraße sind noch Partyhütchen geschmolzen im Rock’n Roll-Alk-Smoke-Dunst von 50 Leuten auf 60m2. Cousin Ben in der Küche am Wodka-Wasserglas-exen. Basti hinterm Vorhang am Frühpennen von zuviel Früh-Franken in der Oranienstraße. Bens höfliche Anfrage am nächsten Morgen, ob es okay und nicht zu strange wäre, gleich wieder Bier zum Frühstück und Jägermeister gegen die Kälte und so. Brrrr. Na klaro.

Am Samstag gibt’s aber schon auch ein Sektchen, don’t worry.

Bin schon bald durch mit Herrndorfs Arbeit und Struktur. Keine leichte Lektüre. Überlege auch immer wieder mal, das einfach abzubrechen. Heftig, abends seitenweise über den Tod zu lesen und nachzudenken. Schlingensiefs Tagebuch hatte ich damals abgebrochen. Das ging gar nicht. Zu hart. Herrndorf schreibt aber so gut. Groß.

Neues aus dem Babylabor: Maxime kann seit gestern Morgen mit der Zunge schnalzen.

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Elternzeit, Baby! (Tag 7)

A day in the life:

6:00. Baby wacht auf. Hustet. Fläschchen, Windelwechsel. Spielen.

09:00. Gemeinsames Frühstück.
Kennedy junior: 1/2 Banane (gevierteilt & gespalten), 1/2 Joghurt.
Kennedy senior: Müsli mit 1/2 Banane.

09:30. Erste Babysiesta des Tages im Tragetuch auf Seniors Rücken. Senior erledigt lustlos einigen Haushaltskram, dann Steh-Surfen mit Fon.

10:30. Baby wacht auf, exzellente Laune. Spielen. Jauchzen. Tirilieren.

10:50. Nächste kleine Mahlzeit weil Fenkid-Kurs ansteht.

11:15. Kind dick einpacken, dann raus in den Schnee.

11:30. Tagesaktion: Fenkid-Kurs in der Nansenstraße. Ich bin der einzige Mann. Singen, spielen, tirilieren. Mütter erzählen von Sorgen und Problemen, die wir bereits hinter uns haben.  Dafür haben wir aber neue (Grippe, Zahnwuchsschmerzen, Dauerschnupfen, Dauerhusten, alles gern in Kombination, etc.). Maxime würde am liebsten den ganzen Kurs lang kopfüber gehalten werden und die Welt von unten betrachten.

12:30. Kursende. Kind dick einpacken, raus in den Schnee, zu Edeka einkaufen. Kind nutzt den Schneesturm-Marsch für ein Nickerchen.

13:00. Wieder zuhause. Baby pennt weiter im Tragetuch.

13:30. Réveil. Mittagessen: Karotten-Kartoffel-Brei. Maxime nimmt selber den Löffel in die Hand und macht das richtig gut. Dann Gemüseschlacht. Senior & C.: stolz.

14:00. Spielen, Musik, lachen, jammern, hauen, beißen, heulen, weinen, kichern, lachen, windeln, nörgeln, kuscheln, nörgeln, jammern, Zahnschmerzen.

16:30. Gouté: Dinkel-Apfelbrei.

17:00. Siesta im Tragetuch auf Senior-Wampe. Surfen mit Fon.

18:00. Apfelrote Zahnschmerzbacken. C. und Maxime skypen mit Tante Christine in Chicago. Dort hat es -20°Celsius. Seit einem Monat. Kennedy kocht.

19:00. Abendessen: Zucchini-Kartoffel-Suppe.

19:30. Baby auf Schoß, wir schauen uns sein Lieblingsbuch an, in dem Tiere Instrumente spielen, (antippen -> Sound). Maxime mag den Geige spielenden Kater am liebsten und quietscht mit.

19:40. Zähneputzen (keine Chance), Massageversuch (gescheitert), Pipi auf Body beim Wechseln (Gequängel), Salzwasserlösungs-Schuss durch beide Nasenlöcher (Geheul), Fläschchen, lights out. Gutenachtlieder, singen, summen, seufzen, atmen.

20:00. Das Baby schläft in Zwiebeldunst. Abspülen, aufräumen, etc.
Rückenschmerzen. Sofa.

Ausblick: 22:30. -> K.o ins Bett, lesen, 23:00 lights out. Sofort Tiefschlaf bis 6:00 Uhr (optimal, keineswegs die Regel).

Voilà.

This is a song Maxime really likes: