To die a little

Nikotin. Eine Sucht, die ich nicht mehr loswerde. In den letzten Jahren habe ich immerhin entweder gar nicht oder nur gelegentlich ein wenig geraucht — aber so richtig weg davon komme ich nicht. Muss man ja auch nicht, sagt hier der Rock n‘ Roller immer noch, was isn das für eine spießige Selbsgekasteierei? Such Dir maln echtes Problem, Alta.

Ich kann aber (leider?) gar nicht mehr so richtig frisch und frei rauchen, ohne dass es mir dabei früher oder später schlecht geht. 35, Alta. 20 Jahre geballte Zigarettenerfahrung. Pure Vernunft darf niemals siegen, okay, aber sich mit Zigaretten scheiße-fühlend durch den Berliner Winter zu quälen ist auch nicht gerade Rocken und Rollen à la carte, n’est pas?

Um genau dieses eingeklammerte „leider?“ im vorvorletzten Satz geht es. Weil es so irrational ist. Es gibt nur gute Gründe nicht zu rauchen, alles andere hat auf Dauer irgendwas mit Selbstzerstörung zu tun. „Ein bisschen Todeswunsch“, sagen manche. Das ist eben eine Strategie: Es geht beim Rauchen auch ums Flüchten, um das Unterbrechen des Einfach-vor-sich-hin-leben. Der Moment wird künstlich mit Bedeutung aufgeladen, er wird quasi inhaliert, samt der Dampfhammerdroge Nikotin. Inhalieren als Flucht vor Ängsten/Sorgen/Komplexen/Neurosen. Mal durchatmen.

Eine alternative Strategie zu diesem — letzlich kümmerlichen — Spiel könnte sein, sich den Suchtmoment genauer anzuschauen. Innezuhalten, auszuhalten, die Veränderung zu beobachten. Wo findet denn das Leben statt, wenn man sich ständig auf der Flucht befindet? Nicht hier und jetzt. Ist der mini death wish die Sehnsucht nach einem definitiven Zustand?

Vielleicht jage ich einfach besonderen Momenten hinterher und versuche Sinn künstlich herbei zu rauchen. Vielleicht sehne ich mich nach diesem ganz besonderen Geschmack, diesem ersten Zug einer frisch angezündeten Zigarette, dessen Geruch sich mit warmer Sommerluft vermischt und im Gegensatz zum üblichen Gestank tatsächlich duftet. Aber nur ganz selten.

Dieser schnell vergängliche Duft enthält nicht nur den Sinneseindruck sondern auch eine ganze Erinnerung an eine Welt von Kindheit, die sich mit entfaltet. Sommerurlaub in den 80ern, einer der Erwachsenen zündet sich eine Zigarette an, es riecht gut.

Dieser Bezug zum Vergangenen, der sich durch Gerüche, Bilder oder Geschmäcker plötzlich auftun kann, ist mehr als nur Erinnerung. Es ist ein Wiedererleben. Ich bin vielleicht auch deshalb weit und breit der einzige unter meinem Bekannten, der den Geruch von Old Spice gerne mag. Die Marke gilt in meinen Kreisen sonst eher als verpönt. Ich schätze den Duft sehr. Er erinnert mich an die Zeit, als ich als Kind morgens meinem Vater fasziniert bei der Rasur zugeschaut hab. Ich kann seine Bewegungen und seine Haltung dabei sehen, als wäre es gestern gewesen. Oder der Geruch der Seife „Imperial Leather“, die es bei meiner Großmutter in England gab. Meine Schwester hat mir die Seife letztes Jahr zum Geburtstag geschickt und mir kamen schier die Tränen, weil plötzlich meine Oma und ihr Haus in Tamworth wieder ganz nah waren. Der Duft der Zeit.

Diese Erinnerung, dieses Öffnen einer vergangenen Welt, die durch einen Sinneseindruck entsteht, wird von Alain de Botton als Schlüsselmoment für Prousts Erzähler in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschrieben. Der Erzähler erkennt in diesem Moment (Er beißt in eine Madeleine, die er zuvor in einen Tee getunkt hat), dass letztlich die Konzentration auf den Moment, diese Vergegenwärtigung, der Schlüssel zum Glück sein könnte. Weil man die Sinneseindrücke nicht nur wahrnimmt sondern mitnimmt. Und nicht darüber hinwegsieht, -hört, -schmeckt, -spürt, weil man gerade woanders ist — und nicht hier und jetzt.

Nikotin eine Ersatzdroge, Rauchen ein Ersatzmoment, ein Ersatzort, der den Tod in sich trägt. Nicht da sein.

Proust & Momo in a nutshell

C’s Vater hat mir vor Monaten Prousts Gesamtwerk in zig Bänden geschenkt. Auf französisch. Ganz schöne Batterie auf dem Regal, plus Staub, der nun niemermüd und doch träge auf den Schinken rieselt. Dass Proust aber vielleicht doch frischer sein könnte, als sein bandwurmsätziger Ruf allweil vertrompeten ließ, hatte ich schon lange irgendwo in der mannigfaltigen Großrinde abgehangen. Jetzt lese ich gerade Alain de Bottons „How Proust Can Change Your Life.“ Groß. Damit also angekommen by Proust. Finalement.

À la recherche du temps perdu“„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Allein dieser großartige Titel. Das klingt wie Momo für Erwachsene (obgleich Momo ja für Kinder und Erwachsene ist). Dabei sind sowohl La Recherche als auch Momo im Grunde zeitlos und immer noch — oder vielleicht immer mehr? — aktuell. Wer sucht nicht ständig nach der verlorenen Zeit? Dieses Gefühl der Ungeduld, wenn irgendwas nicht relevant oder gar langweilig ist. Diese ständige Zeitnot. Das Hadern mit dem untoten Vergangenen. Die Oppression der ständigen Zukunft.

Proust und Momo in a nutshell: Wenn wir ständig damit beschäftigt sind, uns in unserer Vergangenheit zu verheddern und/oder in der Zukunft verrennen, dann verlieren wir das einzig Wahre — nämlich diesen Moment.

Question, my dear reader: Macht es überhaupt noch Sinn, sich nach dieser Erkenntnis Prousts solid-goldenen Buddha von Werk einzuverleiben? Oder ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt? Werde einige Jahre/Jahrzehnte darüber nachdenken. If possible.

Der Zustand und Ich

„Wer dieser Tage gut schläft, ist wirklich schlecht informiert,“
schreibt Tom Schimmeck in der Berliner Zeitung. IS, Ukraine, Gaza, Ebola, die schlechten Nachrichten trommeln ein, ich kann sie jetzt nicht mehr so schön ausblenden wie in den drei sonnigen Wochen in Großbritannien. Maxime hat in den Ferien seinen Schlafrhythmus verloren – und schon lange nicht mehr durchgeschlafen. Wir drehen am Rad und wollen einfach nur mal wieder richtig pennen. Er muss also lernen, alleine einzuschlafen, alles andere funktioniert nicht – oder nur auf unsere Kosten. Das schmeckt ihm nicht. Und der Junge hat Temperament.

Abends lese ich die Graphic Novel „Are you my Mother“ von Alison Bechdel. Sie ist in einer komplizierten Familie aufgewachsen und verarbeitet im Comic ihre Kindheit und Jugend (in der sie erkennt, dass sie lesbisch ist) und die fehlende Bindung zu Mutter und Vater. Dabei hilft ihr das Vermächtnis des Psychoanalytikers Donald Winnicot. Der sagte, dass alle psychischen Krankheiten der Menschheit im Wesentlichen als Folgen eines Ausfalls der elterlichen Bindung beschrieben werden können. Faschismus, Kriminalität, Wut, Frauenfeindlichkeit, Alkoholismus — das alles seien die Symptome einer schlecht verlaufenen Kindheit. Der Weg zu einer besseren Gesellschaft beginnt laut Winnicot in der Wiege.

'Are you my mother?' Alison Bechdel

‚Are you my mother?‘ Alison Bechdel

Klar sind wir besorgt, etwas falsch zu machen, wenn wir Maxime dazu bewegen wollen, endlich durchzuschlafen und das mit ihm trainieren. Das Leben eines kleinen Menschen zu „formen“ ist eine ungeheure Verantwortung. Sind wir gut genug? Well, most of the time you carry it lightly. And sometimes you don’t.

Und dann die Bauchschmerzen, denn die Welt steht in Flammen. Die Macro-Ebene läuft aus dem Gefüge. Was sind die Sorgen, mit denen wir uns hier rumschlagen, im Vergleich zu den Schrecken anderswo. Was haben wir gelacht, als bei den Simpsons diese Frau immer wieder in der Hysterie des Moments ausrief: „Denkt doch nur ein Mal, ein einziges Mal an die Kinder!“ Aber was ist mit den Millionen Kindern, die in diesen Tagen in Kriegen für immer traumatisiert werden, leiden, sterben? Egal, wir sind hier doch in der kuscheligen Weltmeister-Bundesrepublik? Fuck off.

Und dann die Arbeit und der Change und die überforderten Menschen, die endlose Konflikte austragen und sie nach dem Ausstempeln in sich weiter nach Hause tragen wie Krebs. Burnout. Depression. Hass. Verzweiflung. Was ist mit den Corporate Darth Vadern unserer Unternehmen in deren Kindheit eigentlich passiert?

Will man da noch arbeiten. Und wie sieht die Alternative aus.

Durchatmen. Nichts machen.  Spielen und lachen und schlafen. Verstärker.

Mit Dank an Gerd.

Wrote a book! Aujourd’hui en Allemagne: Maxxi à Berlin

Our book: Aujourd'hui en Allemagne, Maxxi à BerlinMy old French teachers won’t believe their blinking eyes when they somehow get to know this: I wrote a book for children in French. It’s called „Aujourd’hui en Allemagne: Maxxi à Berlin“ („Today in Germany: Maxxi in Berlin), I wrote it together with Catherine and it has now been released by the French publisher Gallimard Jeunesse.

How did that happen? Well, our friend Élise, who works for Gallimard in Paris, asked us one day if we were interested in writing a book for the publisher’s series „Le journal d’un enfant“ („A child’s diary). The books of this series each tell an everyday life story of children in countries from all over the world such as China, Japan, Algeria, Brazil and many more.

Now Gallimard was looking for an author to cover the book on Germany. Catherine was pregnant with Maxime at the time, and I was working my regular job, which was undergoing a lot of change back then. Writing this book was going to be a lot of work, but we knew we didn’t want to miss out on this opportunity. We sent in our CVs and a test draft and eventually got the publisher’s go-ahead.

Writing a book together turned out to be not that easy a project. We discussed our ideas for hours and of course we didn’t always agree. Also, we didn’t really know what the life of an eleven-year-old child in Germany was actually like these days.

One evening, before turning out the light to sleep, we came up with a basic plot structure: our protagonist (Maxxi) was going to be a boy who lives in Berlin together with his single mum and his sister. And his best friend (Selim) was going to be of Turkish origin.

Next, we knocked on our neighbour’s door and interviewed their (slightly surprised) son Levin, a very nice thirteen-year-old boy, to get an idea what the kids are up to today. He helped us quite a bit.Then we organised our story into chapters and split up the writing. (I wrote in German and Catherine in French and she also translated my parts making endless modifications. Hours of discussion).

We got positive feedback from Jeanne, our editor in charge, right from the start. Our book was on track. We handed in the first complete draft the day before Maxime was born.

When baby Maxime was eight weeks old, we flew to Paris to meet our editors and other people involved in the making of the book, including designer Claire Gastold, who was going to illustrate it together with Antoine Ronzon using great skill and understanding. In a meeting –Maxime’s first –, we discussed all open issues of the manuscript. At one moment, I had to leave the meeting room because Maxime was crying. He had a bit of a rough time sleeping at nights and during the day at this time. So I went to the men’s loo down the hallway to change his diapers and by the time he was lying on the poorly improvised changing place in the cabin, he was screaming with rage being cold and uncomfortable. When we walked out again several minutes and a barrel full of shed tears later, two elder female editors in their office looked at me suspiciously and full of Parisian contempt. I just smiled at them thin-lippedly, and whispered “Bonjour.”

Back in Berlin, we continued working on the illustrated printouts of the book, which was a lot of work during months. We were glad when everything was finally done. And then, after having handed in the final script, we just had to sit and wait… One day in February, without any warning, we found the first copy in the mail.

Excitement, delight, satisfaction…until I found out that there was a certain author called “Phillipe Kennedy” on the back cover of our book. The Gallimard marketing team seems to have gotten mixed up a little in the end. Well, “Phillipe” does suit me rather well though, don’t you think?

Our book at Gallimard Jeunesse:
http://www.gallimard-jeunesse.fr/Catalogue/GALLIMARD-JEUNESSE/Le-journal-d-un-enfant/Monde/Aujourd-hui-en-Allemagne

You can order it in Germany here:
http://www.buecher.de/shop/franzoesisch/aujourdhui-en-allemagne/kennedy-patrick-rollet-catherine/products_products/detail/prod_id/39526149/

You can order it in the UK here:
http://www.amazon.co.uk/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords=aujourd%27hui%20en%20allemagne%20kennedy%20rollet&sprefix=aujourd%2Caps%2C321

Speaking of boredom…

Photo: Marc Bauersachs

Photo by Marc Bauersachs

Apparently one of the key themes in David Foster Wallace’s last unfinished novel „The Pale King“ is  – surprise – boredom or being bored at work.  In some of my early jobs, especially as an intern at the beginning of my career, one of the toughest things I had to deal with were those endless hours of utter boredom. And I’m not talking about being bored in a relaxed and lazy, comfortable way. I’m thinking about the real hardcore, excruciating boredom which is accompanied by that subtle, almost subconscious, underlying feeling of despair. A void you can feel burning in your gut  if you care to listen carefully.

I have experienced some of the most beautiful moments of being utterly bored in a 9 – 5 job once upon a time in good old Paris, France. At that time I worked in a language school in one of those very sombre 1970s complex office buildings situated in a Paris suburb. The colour grey in these buildings was the predominant choice of interior design and in staff faces. Working there, I experienced again and again those very awkward office situations (literally „The Office“-like), such as having a very boring chat in front of the coffee machine with one of the IT guys. Imagine it being 3:30 p.m. on a rainy Tuesday afternoon in your office when it’s still such a long way to go until finishing time. Bored out of your mind by the excel lists you have been filling in all day (as you already did yesterday, and the day before yesterday, and the day before…), you decide to get yourself a nice cup of Senseo coffee and run into some geek and watch him / her preparing his / her coffee, fiddling with one those Senseo pads. Of course you start exchanging some nice plaisanteries (because both of you are a bit embarrassed by the situation) and then the small-talk action just painfully and very slowly fades and dribbles away and you feel a little more embarrassed and then you realize suddenly that time has just stopped. For a few moments there you are locked in a sort of time vacuum that is completely devoid of any sense. Nothing is literally happening. You stare into the void until the stupid noise of a printer or fax machine suddenly gets you out of it.

So, being mindlessly bored is not a good thing. That’s a fact. Sometimes you come across those articles in magazines and newspapers, where they say that our lives have become too fast and full of endless projects and horrible deadlines, and that a lot of us experience burn-outs and suffer from depression because we cannot handle all the stress. They sure are dead right about that. Stress – It’s the other evil extreme. But boredom is definitely not a desirable state of being either. It’s not a luxury. It’s not something to long for. Boredom sucks. It eats you from inside out just like stress does – but in a very slow and cruel way. So if you come across one those people who are always working on 47 projects at the same time telling you that they would LOVE to be bored from time to time and that they don’t even know anymore what that feels like –  please tell them kindly that it’s not that great a feeling. Boredom equals emptiness. When bored, time expands infinitely. And when combined with endless repetition, boredom really becomes a serious problem.

I don’t know how many hours I have been waiting in front of elevators while at work. At least a week or so I’d say. I will probably work for another 36 years before retiring. One day, I will be rocking in my rocking chair smoking my pipe, looking back and realize that I spent several months or so of my life just waiting for and using elevators. That’s the kind of industrial, manufactured boredom that you don’t even recognize at first. But when you contemplate it for a while it becomes a little creepy. Birth-school-work-death-kind of creepy.