Kasperletheater vor akut existenzbedrohten Kleinsupermarkt-Fachangestellten

Der kleine Edeka bei uns im Kiez an der Ecke muss schließen. Die Eigentümer planen eine Renovierung und wollen die 100qm-Ladenfläche dann in drei Einheiten aufteilen und teurer vermieten. Keine Chance für den Betreiber und seine Angestellten da noch was zu machen, sie werden nach x Jahren quasi auf die Straße gesetzt und müssen sich einen neuen Ort für den Laden suchen. Viel Glück…

Nach der Renovierung kommen dort jetzt schicke Büroräume oder hippe kleine Läden rein — this is gentrification after all baby — die Verdrängung geht munter weiter, die Vermieter wollen neue, lukrativere Verträge.

Mit diesem Edeka beißt also ein weiteres Stück Kiezkultur ins Gras. Heiße Tränen der Wut wegen eines Edekas? Nun, der Laden war nicht nur so ein anonymer Supermarkt mit schlecht gelaunten Dienstleister-Sklaven. Im Gegenteil, die Angestellten sprudelten vor guter Laune und Lebensfreude nach frischer Kreuzberger Art und riefen sich dabei durch den ganzen Laden lautstark ihre Späßchen zu. Die hatten bis zum Schluß Spaß bei der Arbeit und kannten die Menschen im Kiez persönlich. Es gab hier die Regulars und den einen oder anderen Alki, Oldie oder die sonstig knapp begüterte und vom Drängen des Neoliberalismus verschmähte Kiezgröße, die hier in einem kleinen Büchlein anschreiben konnte. Anschreiben. Für Lebensmittel. In einem Büchlein. In einem Supermarkt. Come on, wo gibt’s denn sowas noch? Und was wird jetzt aus den Leuten, die hier nicht mehr anschreiben können?

Diese Kiezoasen sind bald für immer Geschichte – beware Spätis! Die Gründe dafür sind bekannt, es geht letztendlich um Gier. Und um „Ihr macht kaputt, was ihr sucht.“ Als ich vor einer Woche bei diesem Edeka einkaufte, stand vor mir am Kassenband ein Typ um die 30, Bärtchen, eleganter Herr-von-Eden-mäßiger Mantel, der verwundert fragte, warum denn die Regale so leer wären und ob denn eine Inventur geplant sei. „Wir machen zu“, war die Antwort und diese veranlasste ihn zu ungläubigem Staunen und zu dem folgenden, augenscheinlich solidarischen Auftritt: „Ach so ne scheiße, da ziehen dann nur wieder so Schwaben rein, echt ey. Das ist hier ja kaum mehr auszuhalten, ich glaub‘ ich zieh echt wieder weg, wenn das so weitergeht.“

Hm. Der Typ war sicherlich ein Stammkunde, und ich nehme ihm auch ab, dass er es gut meinte mit der Edeka-Belegschaft, und dass ihn die Schließung wütend macht. Was mich aber nervte an seiner kleinen Spontan-Show, war dieses „Ach, immer diese Anderen, die hierher ziehen und alles kaputt machen.“ Come on. Alle, die wir mit unserem bürgerlichen Hintergrund in den letzten zehn, fünfzehn Jahren in die Szenekieze gezogen sind und herziehen (ob aus der Provinz oder nicht) tragen zur Verdrängung bei, sobald wir ein bisschen Kohle (egal ob aus der Agentur oder von Mama und Papa) mitbringen oder auch nur künstlerisches oder einfach hippes Kapital. Wir alle stecken mit drin. Da können sich die Damen und Herren hier noch so anbiedern und als Original-Berliner gebärden: YOU ARE PART OF THIS, TOO.

Denn Verdrängung hat viele Gesichter.

Wie wäre es also, ein bisschen Haltung zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen, anstatt die Schuld an dieser Misere immer irgendwelchen anderen zu übertragen und dabei noch peinliche Kasperletheater vor akut existenzbedrohten Kleinsupermarktfachangestellten aufzuführen? Eben. Thank you.

Absolut sehenswert zum Thema Mieterverdrängung in Berlin — „Wem gehört die Stadt?“:

Besoffen in Neukölln

Indian Summer. In der D*straße sitzen wir vorm V. und trinken zünftig Biere. Aus der Bar tönen die Fehlfarben mit Liedern von der „Xenophobie“, der Barmann ist ein cooler Hund. Ich lerne den A. kennen, der mir von seiner Freundin in N. erzählt, und dass das diesmal was gescheites wäre und wie schwierig es sei, die Zukunft fürs gemeinsame Glück zu gestalten. Nur ein paar Getränke weiter wird er aber spitz wie ein Teenager und rammelt mit hervorquellenden Äuglein jedem Kreuzköllner Röckchen hinterher, nicht ohne uns dabei ständig im Detail über seine durch den frischen Rausch gewonnene Geilheit informiert zu halten, indem er uns spitzbübisch zuzwinkert.

In der W*Straße essen wir was in einem neuen Burgerlokal, das in seiner deplatzierten Coctailhaftigkeit schon früh zum Scheitern verurteilt scheint, die Leere macht das deutlich. Am Code vorbei eröffnet, es ist hier halt noch nicht Friedrichshain. Die anderen trinken allen Ernstes mehrere große Schwarzbiere zu ihren Burgern, während ich mich an einem soliden Pils festhalte, um nicht vorzeitig einzuschlafen. G. erzählt mir, dass er an der Sorbonne Philosophie studiert hat, Heidegger mit Doktortitel. Ich werde doch noch mal kurz wach und staune. Er ist aus Argentinien und sehr sympathisch. Ruhig, nett und unprätentiös und die ganze Nacht lang einigermaßen nüchtern, scheint‘s.

Eine schwarz vermummte Brigade zieht durch die W*Straße, um lautstark und wutentbrannt Solidarität für die Flüchtlinge vom Oranienplatz einzufordern. Plötzlich wirkt nicht nur das Coctailburgerlokal deplatziert, jetzt wirken auch wir fehl am Platze, weil fehlfarbig betrunken im Kontrast zur schwarzen Nüchternheit der Gegebenheiten. Der Voyeur wird zum Nicht-Täter. Die Aktivisten sind aber nur wenige und werden gleich nach dem Vorüberziehen wieder von der fröhlichen Touristen-Hipster-Studenten-Alkiszene zur ephemeren Szenenanekdote verdrängt. As if it never happened.

Endlich im G. können wir uns dann wieder aufs Wesentliche konzentrieren und dort spielt der DJ einen super Song und ich denke mir, musikalisch wird heute Abend alles richtig gemacht, langsam habe ich auch Lust aufs Tanzen. Der Song ist aber der letzte seiner Art, es folgt ein fundamental schlechteres Set, langweiliger Tüdeldü-House. Ich widme mich also lieber den Mitgästen und beobachte eine Weile lang einen jungen Mann, der ziemlich weise aussieht und schätze mal, das ist ein Dichter. Er hat feine Gesichtszüge und so eine dylanesque Gelassen- und gleichzeitig Ernsthaftigkeit und sitzt da in der Bar und denkt irgendwas Wertvolles. Draußen vor der Tür ist der Kiez weiterhin in praller Feierlaune, ich gebe einem Bettler all mein Kleingeld, das er dann zwei, drei Meter weiter erstmal in aller Ruhe zählt. Nach solchen Nächten kommt man immer blank zurück, es sei denn, man war kurz vor Absch(l)uss noch mal vorsorglich beim Geldautomat. Dann findet sich am nächsten Tag ein Riesenbatzen Geld im Portemonnaie (es sei denn, man steckt knietief im Dispo).

Der Barmann im Ä ist auch schon wieder so ein cooler Hund in Form eines alten Bekannten, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Wenn auch zumindest meinerseits stark alkoholisiert, empfinden wir dennoch echte Freude, man trifft sich ja nur noch so selten. Und ja, auch hinter der Bar wird ordentlich was weggekippt, er bestätigt das auf meine journalistisch ermittelnde Nachfrage. Dann wird es auch schon bald Zeit zu gehen, taktisch gesehen, auch wenn ich der erste aus der Runde bin. Das ist gelernt, vermeidet aber in diesem Fall dann doch nicht den Fehlstart am nächsten Morgen und ein entsprechend müdes Restwochenende mit den einschlägigen Reflektionen.

Dabei fällt mir dieser großartige Artikel von Benjamin von Stuckrad-Barre in der WELT wieder ein. Er heißt „Nüchtern„.

While der Herr Innensenator Henkel gently sleeps

Um fünf Uhr morgens fahre ich an den langsam erwachenden Menschen vorbei, die sich räkeln und strecken. Sie haben die Nacht in Schlafsäcken auf der Straße vor den Barrikaden der Ohlauer, Ecke Wiener Straße verbracht. Sie müssen müde sein. Das Räumungsgesuch eines alleine irrenden Grünenpolitikers schwebt an diesem herrlichen Sommermorgen wie das Damokles-Schwert über der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule. Die ProtestlerInnen, die teils noch schlafen, teils aufstehen und sich vorsichtig umschauen, wollen die in der Schule verschanzten Flüchtlinge vor dem Übergriff der Polizei schützen.

Der Herr Innensenator Frank Henkel schläft derweil wahrscheinlich noch. Er schlummert wohl zufrieden, wissend um das gestrig durchgefaxte und seinerseits gern bestätigte Gesuch des Herrn Baustadtrates Hans Panhoff von den Grünen in seiner Aktentasche, er möge die Flüchtlinge doch bitte umgehend aus der Schule räumen lassen. Henkel habe das Gesuch juristisch prüfen lassen, verkündete er noch am Vorabend – es sähe gut aus. Auf die Idee, das Gesuch ethisch prüfen zu lassen, was nun wirklich Not täte, oder auch mal als Christdemokrat innezuhalten und in sich zu gehen – darauf kommt er weder im Schlaf noch bei vollem Bewusstsein. Er hat Maria und Josef eine Weile in der Scheune geduldet, aber auch nur weil er musste. Jetzt will er diesen Dreck endlich raus aus dem Gebäude haben und zwar am liebsten ohne Kompromisse und, wenn es sein muss, mit Gewalt.

Dafür schickt er uns also seit über einer Woche Polizeiwanne um Polizeiwanne in den Kiez. Hundertschaften sperren die Straßenzüge rund und die Schule ab, hier existiert  jetzt eine Art bürgerrechtsfreier Polizei-Ort. Dort lungern stiernackige Polizisten gelangweilt vor ihren Polizeikisten herum, schäkern, rauchen, feixen, wischen dumpf auf ihren Smartphones herum und popeln in der Nase. Manche mustern uns Passanten, Demonstranten, Sympathisanten argwöhnisch mit vorurteils-stierenden Blicken. Ein falsches Ding und es geht zum Columbiadamm in die Zelle, Freundchen.

Der biedere Henkel ist aber sicher gar nicht so cool. Vielleicht hat er auch gar nicht gut geschlafen Er manifestiert seine Angst vor den Fremden – und dem Fremden an sich -durch Härte. Durch diese fleischmassive Präsenz der hirn- und herzlosen Fintnessstudiopumpermasse von Polizisten. Er will Recht und Ordnung. Lieber wäre ihm noch Zucht und Ordnung. No alarms and no surprises please. Fitter, happier, more productive, like a pig, in a cage on antibiotics. Unproduktive, undeutsche Elemente sollen das Land verlassen bitteschön, denkt Henkel. Sagen tut er das so nicht. Das wäre ein Kommunikationsdesaster. Aber dafür erlebt er mit seiner Polizeiwagenburg und der wohl anstehenden Räumung der Schule in diesen Tagen sein moralisches Waterloo in Kreuzberg.

Die Motoren der Polizeiwannen-Armee laufen Tag und Nacht. Sie verpesten nicht nur die Umwelt sondern auch den Frieden im Kiez. Die Flüchtlinge, die auf dem Dach der Schule ausharren und drohen, bei Angriff der Polizei in den Tod zu springen, müssen sie hören. So schnurrt der Diesel den baldigen Verdammten unerbittlich was vor. Angst und Schrecken, Terror müssen sie fühlen. Und das nur wenige Meter entfernt von uns Menschen, die sich die WM auf der Leinwand vor dem Späti nebenan anschauen. Betäubt von Bier und den endlos dauernden Spielen lauschen wir halbherzig Wolf-Dieter-Poschmann vom ZDF, wie er im Spiel Frankreich gegen Nigeria die afrikanischen Spieler als „Burschen“ bezeichnet – und nein, so würde er europäische, lateinamerikanische oder asiatische Spieler niemals nie bezeichnen. Nur Schwarzafrikaner heißen in seinem liebevoll unterschwellig rassistischen Kommentar „Burschen“. Und tausende Kilometer entfernt malen sich bierbräsige deutsche „Fans“ ihre Gesichter schwarz an für das Spiel Deutschland vs. Ghana und posen im Stadion besoffen vor den Kameras.

Wie halten wir diesen Kontrast aus? Sind wir so egoistisch, liegt uns auch hier im anarchischen Herzen Deutschlands so wenig am Wohlergehen von nicht so privilegierten Menschen? Sind wir so zynisch? So satt, bequem, faul, überfordert, müde?

Hunderte haben sich gestern Abend der Polizei vehement entgegengestellt. Sie haben keine Angst. Sie sind nicht naiv. Was sie tun, ist notwendig. Die Not der Flüchtlinge, die in der Schule ihrem ungewissen Schicksal entgegen sehen, ist groß. Es tut Not, dass wir uns gegen Henkel und seine Mannschaften wehren und uns stark machen für diese Menschen, die wortwörtlich nichts haben. Wir brauchen dafür Courage. Die Solidarität im Kiez für die Flüchtlinge ist da. Kein Mensch ist illegal. Wir sind nicht alle. Aber wir sind viele. Lasst uns also aufstehen, den Fernseher ausmachen und zur Ohlauer Straße gehen. Dort werden wir gebraucht. Die FIFA braucht uns doch nicht. Die braucht nur einen Spiegel, der nicht verzerrt ist. Genau das braucht auch der Herr Innensenator Frank Henkel.

Aktuelle Entwicklung und Hintergründe zur Situation der Flüchtlinge bei taz berlin

Michael Beyer, Papa Diktator

(c) Michael Beyer / mic / Papa Diktator

Am meine Brust, Kreuzberg (III)

Bei der Hitze schläft der Kleine nicht lang, außerdem hat er wohl Zahnschmerzen, die Eckzähne kommen. Bevor die Kita öffnet, spazieren wir also noch ein wenig im Kreuzbergischen herum. Am Kanal sind um die Uhrzeit nur Jogger und Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern unterwegs. Beide Parteien nerven. Die Jogger nerven, weil sie trotz dieser peinigenden Frühhitze jetzt schon so übermotiviert rumsporten müssen. Dieser stählerne Selbstoptimierungstrimm irritiert mich. Außerdem wollen sie bei ihrer Quälerei auch noch gut aussehen. Die Hundebesitzer nerven, weil sie ständig gestresst und völlig aus dem Häuschen ihren Hunden nachkeuchen müssen, damit die keinen Scheiß bauen/kauen – und auch sie wollen dabei noch gut aussehen (die Hundebesitzer, nicht die Hunde). Die Köter ihrerseits nerven mit ihrer überbordenden Lebensfreude und dem Hyper-Rumgewusel, außerdem sind sie im Weg und ich muss mit dem Kinderwagen irgendwelche Ausweichmanöver fahren. Aber gut, das ist jetzt einfach noch die Müdigkeit, die das Gemütchen lenkt. Maxime mag ja Kläffer und quietscht vor lauter Aufregung und zeigt mit dem Zeigefinger auf die Hunde: „Da, da, da!“

Im Schlesischen Busch weicht im kühlen Schatten meine Gereizheit der guten alten Kreuzberger-Schlendrian-Gelassenheit. Maxime ist eingeschlafen, die Morgenluft ist frisch, ich habe eine Menge Zeit, um über die ewig lange Wrangelstraße Richtung Kita zu schleichen. Ein ganzes Kapitel Leben vor der Arbeit.

Kreuzberg s’éveille: Die Kinder strömen in die Schulen, Männer trinken in verschiedenen Altersvariationen Tee vor ihren Spätis und rauchen mit zugekniffenen Augen Zigaretten. Ein Urgestein-Alki mit Scorpions-Gedächtnis-Lederkäppi stolpert eine Weile grummelnd vor mir her und trifft an der Kreuzung einen Kumpel, sie unterhalten sich frei gestikulierend über den Abend gestern und die dabei gekillten Biere. Handwerker klingeln an Haustüren, türkische Händler bauen ihre Waren auf, Lieferanten bringen frisches Gemüse. An der nächsten Kreuzung vor Kaisers noch mehr Urgesteine, mit verwitternden Gesichtern rollen sie billigen Tabak. Türkische Mütter schieben Kinderwägen auf dem Gehweg und werden von deutschen Vätern auf Fahrrädern samt Kindersitzen umkurvt.

Im ruhigen Nordwestkiez  sitzt vor der Kirche ein Mann auf der Steintreppe und schaut versonnen in den wild wuchernden Park. Am Bethaniendamm schlafen die autonom lebenden Kreuzberger den Schlaf der Freiheit in ihren alten Camper-Lastwagen.

Maxime lächelt beim Aufwachen in der Kita. Sein Erzieher lächelt, ich lächele – glaube ich. Bonne journée.

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An meine Brust, Kreuzberg (II)

Karneval der Kulturen in Berlin. Irgendein Rave in Nordkreuzberg. Es ist heiß, man kann sich nur entspannen und vom Sommertag treiben lassen. Abends weicht die Hitze einer molligen Wärme, in der man sich suhlen möchte. Die jungen Touristen sind glücklich, ein legendäres, endloses Pfingstwochenende, erst gegen 22 Uhr wird es dunkel. Sommer.

Die Riot-Polizisten halten es nicht aus in den stickigen Wannen, sie lungern also vor ihren Kisten herum und rauchen, lassen ihre Muskeln spielen und reden dummes Zeug. Alles was sie an diesem herrlichen Tag fühlen, ist gleichgültige Langeweile, weil im Dienst und mangels Brain. Immerhin darf ihr Zynismus vor der nächsten Random-Verhaftung mal pausieren. Wie wichtig ihnen ihr Aussehen ist. Eitle Pfaue. Immer schön rasiert und Deodorant all over the place, bestimmt ist die Berliner Krawallpolizei zu 100% tatöwiert. Gegenüber vom Späti beobachten zwei unglaublich schlecht getarnte Zivilpolizisten den Rave aus einem blauen Ford Fiesta. Sie trinken seichten McDonalds-Kaffee aus Pappbechern und sehen aus, als wären sie straight aus einem der zahllos verhunzten Tatortskripts.

Aber das ist alles egal. Die Zeit dehnt sich gemütlich, reckt sich, wir fühlen uns wie in der undefinierbaren Mitte endlos langer Sommerferien. Vielleicht liegt hier das Geheimnis Berlins. Der Sommer bringt längst vergessene Kindheitsgefühle zurück, ein Sommerwind mit Glück in der Trompete lässt das Herz ein paar Takte langsamer schlagen und die Hirnwindungen dehnen. Man kann Kinder in den weiten Wiesen des Parks beobachten, wie sie minutenlang eins mit dem Universum sind. Sie stehen da im Gras und halten ein Spielzeug oder einen Grashalm in der Hand und lauschen der Natur und den fernen Technobässen, den Vögeln, der Wind streichelt ihr Haar und ihre warme Haut, und sie sind ganz Teil, vollständig selbstvergessen, little Buddhas. Der Schmerz, den sie noch erfahren werden.

Egal, Biere schleifen die Wahrnehmung dumpf. Lesben schlendern Arm in Arm über den Parkweg. Alte Romafrauen sammeln gemütlich Flaschen. Ein Obdachloser bettelt aus bequemer Rückenlage fläzend. Im Turm der St. Thomas-Kirche läutet die Glocke blechern zur vollen Stunde, als würde ein müder Mensch lustlos ein bisschen darauf herumdengeln.

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