Berlina Jeschichtn (unsortiert)

Im Herbst. Ich will noch in den Spätkauf ein Haus weiter. Kurz vor dem Eintreten spricht mich der alte Saufkopp an, der im Hochparterre nebenan wohnt. Er lehnt wie immer bräsig auf seinem Fensterbrett und sagt, „Hallo, sie da, sagense dem drinnen mal, er soll mir die Bild rausbringen.“ Ich gehe rein und übermittele den Auftrag an den Späti-Mann. Der rollt mit den Augen und lächelt, nimmt eine Bild oder B.Z., tritt aus dem Laden, stellt sich auf die Zehenspitzen, überreicht dem alten Sofafurzer die Ware, und kassiert 70 Cents. Die nächsten Tage und Monate nehme ich die Routine dieser Nachbarschaftssymbiose anerkennend zur Kenntnis.

Im Herbst. Früh morgens lasse ich mich auf Arbeitgeberkosten in einem Mercedes von Kreuzberg zum Flughafen Tegel kutschieren. Der Taxifahrer hört leise eine sehr schöne, einfache Musik-CD. Er will für mich umschalten auf irgendeinen Lärmradiosender, aber ich mag diese kurdische Musik, sie passt zum schlafenden Berliner Herbstmorgen. Abends lasse ich mich auf Arbeitgeberkosten in einem anderen Mercedes von Tegel nach Kreuzberg kutschieren. Dieser Taxifahrer hasst alle anderen Menschen, will aber selbst geliebt werden. Sein Auto hat am meisten PS unter den Taxifahrzeugen dieser Stadt, er zieht sie alle ab.

Im Winter. Es ist 8 Uhr 30 morgens, ich fahre zur Arbeit. Die S-Bahn ist im Winterchaosmodus und überfüllt. Einer Frau Mitte fünfzig steht die Panik ins Gesicht gefroren, sie schiebt sich schon lange vor Erreichen ihrer Zielstation Friedrichstraße ungeduldig durch die Masse zur Tür. Eine jüngere Frau fühlt sich zu sehr herumgeschubst und schubst die Panikfrau kräftig zurück. Sie schlagen sich gegenseitig und keifen, niemand geht dazwischen aber immerhin wird gemault.

Im Winter. Es ist 8 Uhr 30 morgens, ich fahre zur Arbeit. Die U-Bahn ist im Normalmodus aber voll. Der robusten Frau mitte vierzig ist mit grauer Irobürstenfrisur steht der Stress ins Gesicht gebrannt, als sie am Kottbusser Tor mit ihrem Fahrrad ins gerammelte Abteil einmarschieren will. Ein junger Türke steht vielleicht absichtlich ein wenig im Weg, sie stößt ihn mächtig fluchend weg, er stößt sie wieder aus dem Abteil, sie kommt wieder rein, sie schreien sich gegenseitig an. Ich will vermitteln, kann aber die jetzt fast hysterische Frau nicht übertönen. Fluchend verlasse ich die Bahn an der Prinzenstraße und steige im nächsten totenstillen Abteil wieder ein.

Im Frühling. Es ist ein warmer, sonniger Tag. Ich steige die Treppen des Krankenhauses hinab, gehe auf dem kleinen Fußweg vorbei an den Rettungshelfern, sie rauchen im Schatten ihrer Fahrzeuge. Zum Tor hinaus, über die heiße Strasse in den Friedhof, der dem Krankenhaus gegenüber liegt. Ein Bestattungsunternehmen wirbt gut sichtbar an der Mauer für seine Dienste. Der Friedhof liegt am Hang, eine willkommene Abkürzung. Alte, große Bäume spenden kühlen Schatten: Eichen, Kastanien und Buchen überspannen die Gräber, das Gras ist schon hoch und riecht gut. Ich gehe langsam den Weg hinab. Familien, ältere Menschen sitzen auf den Bänken wie in einem schönen Garten.

Foto von Marc Bauersachs

Im Sommer. Es ist 12 Uhr mittags und ich gehe zum Fußballspielen auf das Metrogebäude am Ostbahnhof, dort haben sie einen Fußballplatz oben druff gebaut. Ein sonnenbebrillter Yuppie spricht mich vor dem Berghain an und fragt, wo man denn jetzt noch weiterfeiern könne. Lichtjahre voneinander entfernt stehen wir so voreinander, und ich sage, „Keine Ahnung, ich gehe jetzt Fußballspielen.“ Heute wüsste ich ja schon eine vernünftige Antwort aber damals.

Im Sommer. Ich gehe zum Fußballspielen ins Stadion an der Oderstraße. Ich trage ein altes Tocotronic-T-Shirt und alte Paul-Breitner-Gedächtnis-Adidas-Shorts von meinem Vater, dazu seine alten Ringelstutzen und Gerds Tausendfüßler. Am Kanal werfen mir die Hipster-Girls unzüchtige Blicke zu. Ich denk’ es liegt an mir, aber die Retro-Freizeitfußballer-Tenue ist jetzt wohl eher chique.

Im Herbst. Es ist früh am morgen und wir tanzen in einem neu eröffneten Hotel irgendwo in Neukölln. Das Hotel ist ein überdachter Hof. In ihm stehen ein paar Trailer und Holzhütten oder so, ich bin schon viel zu hacke. Aber ich glaube noch sehr gut tanzen zu können, mir ist auch, als würden mich die anderen subtil tanzend anflirten. Jetzt dancen wir alle total gut zusammen, dann fällt mir das Glas aus der Hand und zerbricht, der Zauber ist aus. Ich geh’ nach Haus, werde aber unterwegs noch angelockt von einem Partylärm irgendwo in einem 3. Stock irgendwo in Neukölln. Ich steige die Treppen hinauf, bequatsche einen melancholischen Marokkaner in der WG-Küche und tanze dann in einem Zimmer mit den anderen. Die Magie lässt sich aber nicht erneut herdancen, ich gehe weiter Richtung nach Hause. Unterwegs, es ist schon hell, werde ich aber noch angelockt von einer letzten Kneipe irgendwo in Neukölln. Ein letztes Bier will ich bestellen, mit den netten Unbekannten am Tresen, die mir alle sehr bekannt und fast verwandt scheinen. Ich kann aber nicht zahlen und muss gehen.

Foto von Marc Bauersachs

Im Winter. Wir stehen oben auf dem verlassenen Kinderkrankenhaus und schauen uns das Berliner Feuerwerk an. Das Dach ist mit Kieselsteinen bedeckt. Jemand schießt eine Rakete an meinem linken Bein vorbei, und ich reagiere unwirsch. Dann kommt einer und schreit, wir sollen doch mal helfen, Kieselsteine vom Dach auf die da unten zu werfen: „Die schießen mit Raketen auf uns!“ Wir gehen schnell wieder nach unten. Danach tanzen wir im Soul Cat, der DJ verdient eine Ehrennadel. Um 8 Uhr morgens im neuen Jahr stehe ich alleine auf der Tanzfläche, schaue etwas doof aus der Wäsche und gehe dann zwei Häuser weiter.

Im Winter. Ich gehe zum Pariser Platz, um den Asylflüchtlingen im Hungerstreik meine Solidarität zu bekunden. Unterwegs laufe ich an der Botschaft vom United Kingdom vorbei. Stolz hängt hoch der Union Jack. Doch die Straße, mit dem Hotel Adlon an der Ecke, ist komplett abgesichert. Wer mit dem Auto durch will, muss an der Polizei vorbei, der Terrorparanoia wegen. Auf dem Pariser Platz stehen Touristen rund um das Flüchtlingscamp, das keines ist, weil die Polizei keinerlei Utensilien erlaubt, die permanent gegen die Winterkälte schützen könnten, und machen Fotos vom Brandenburger Tor. Die Sturmpolizisten hocken im warmen Polizeibus und feixen so lange noch geduldet wird. Die Flüchtlinge sind nicht da, sie verhandeln mit Politikern, die später Betroffenheit zeigen, weil man begegnet ja echten Menschen in Not.

Einige Wochen später wird das Lager von der Polizei gestürmt und komplett geräumt. Es muss ja Platz gemacht werden für den großen Weihnachtsbaum, der da jedes Jahr für die Touristen aufgestellt wird.

Weihnachten. Das war doch die Geschichte von der Geburt Christie mit Maria und Josef, die Unterkunft suchend erst mal überall abgelehnt werden.

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