Berlin – Steinerne, bleierne Stadt

kurtComics und Graphic Novels sind jetzt auch in Deutschland im Kommen. In Amerika und Frankreich ist diese Kunstform längst voll akzeptierter Teil des Kulturbetriebs. Hierzulande dachte man lange – Comics? Asterix, Donald Duck und Micky Maus und Co. – sind doch für Kinder. Der Einzug anspruchsvoller Comics in die Feuilletons und Kunstmagazine ist Werken wie zum Beispiel Jason Lutes Graphic Novel BERLIN zu verdanken. Bei Carlsen sind bereits 2006 und 2008 Lutes ersten beiden Bände seiner Triologie BERLIN erschienen, der Dritte wird laut Verlag erst in etwa drei Jahren fertig sein. Es geht also mal wieder weniger um Aktualität bei Kennedy Calling sondern um N a c h h a l t i g k e i t. Wen das Wort Nachhaltigkeit auch so spitz macht, der lese nun bitte weiter.

Es ist schön, wenn der Schauplatz eines Buchs, Films oder einer Graphic Novel in der Stadt spielt, in der man (gerade) lebt. Das war für mich schon in Paris so, das gleiche gilt heute auch für Berlin. Lutes Geschichte spielt in Berlin September 1928 bis Mai 1933, im Spätherbst der Weimarer Republik, während der politischen Umbrüche und des Aufstiegs der Nationalsozialisten. Sie beginnt mit der Kunststudentin Marthe Müller aus Köln, die nach Berlin zieht, um dem bürgerlich engen Korsett der Lebensvorstellungen ihrer wohlhabenden Eltern zu entkommen. Marthe ist 26 und stürzt sich voller Neugier ins Berliner Großstadtgetümmel. Sie liebt Berlin, die vielen unterschiedlichen Menschen, die Wucht an Eindrücken, das Chaos und die die Anonymität der Stadt.

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Lutes skizziert ausgehend von Marthes neuem Leben in Berlin in vielen Seitensträngen das Leben verschiedener Menschen aus unterschiedlichen Berliner Milieus. Wir gewinnen Einblick in den Alltag einer Arbeiterfamilie, einer jüdischen Familie, das Leben von Künstlern, Prostituierten, Polizisten, Weltkriegsveteranen und Journalisten.

Die Wege dieser Menschen kreuzen sich in Berlin und Lutes nützt die zufälligen Augenblicke, um den Fokus seiner Geschichte von Person zu Person zu verschieben und deren oft schweren Alltag zu beschreiben. Eingebettet in diese Szenen ist ein detailreiches und wohl auch sehr detailgetreues Berlin der späten 20er und frühen 30er Jahre. Denn hinter BERLIN steckt solide Recherchearbeit, nicht nur geschichtlich-sozialer, sondern auch bauhistorischer Art. Daher auch die langen Abstände zwischen den Erscheinungsterminen der einzelnen Bände, wie eine Anfrage bei Carlsen bestätigte:

Bis zum dritten Band von BERLIN müssen Sie sich noch gedulden – Jason Lutes arbeitet sehr gründlich und das ist natürlich entsprechend zeitaufwendig. Wir rechnen damit, dass wir in ca. drei Jahren den dritten Band von BERLIN herausbringen können.

Lutes erweckt mit seinem scharfen Blick die Rauheit und die Härte der Stadt, die auf Sumpf gebaut wurde, in seinen Zeichnungen zum Leben. Die Menschen kämpfen sich durch Wind, Regen und Schnee des harten Berliner Winters zur Arbeit (sofern sie eine haben). Laut Lutes war der Berliner Winter 1928/1929 mindestens so hart wie unser Winter 2009/2010. Das Gespür des Künstlers für Berlin ist also sehr sensibel und stellt die Stadt und die Menschen so plastisch dar, wie es Alfred Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ textlich geschafft hat. Lutes Zeichnungen sind schwarz-weiß und trotz der Genauigkeit des Ausdrucks ziemlich einfach. Das Skizzenhafte verhilft den Szenen zu Bewegung / Drive und widerspiegelt damit die Lebendigkeit der Berliner Straße.

Spannend werden die Erzählungen der Einzelschicksale durch ihre politisch-kulturelle Einbettung: Inmitten der Untergangsstimmung des Weimarer Chaos feiert die Berliner Boheme rund um die Uhr in Jazzlokalen, edlen Swingerclubs und Homo-Bars. Auch Marthe Müller ist auf Entdeckungstour, will sich frei entwickeln, sucht nach einer neuen Identität indem sie sich einfach treiben lässt – wie so viele junge Menschen, die nach Berlin ziehen – natürlich auch heute noch.

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Auf Ihrer Reise nach Berlin trifft Marthe den Journalisten und Pazifisten Kurt Severing im Zug. Sie verlieben sich im Laufe der Geschichte. Severing arbeitet für die Weltbühne und dokumentiert und reflektiert die politischen Entwicklungen in der späten Weimarer Republik. Er sorgt sich um die heimliche Wiederaufrüstung der deutschen Luftwaffe, sorgt sich um die Radikalisierung der kommunistischen Bewegung nach der Ermordung Rosa Luxenburgs und Karl Liebknechts; ist besorgt, um die Ignoranz der Party-Intelligentsia, die sich im Hedonismus-Wahn die ganze Welt einfach zum Teufel wünscht, in Jazz, Drogen und Alkohol ertränkt – die dadurch Räume frei von Sexismus, Rassismus und Homophobie erschließt.

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In BERLIN treten Kurt Tucholski, Stresemann, Wessels und Goebbels in Erscheinung. Die Graphic Novel ist halb Fiktion, halb Geschichtsdokumentation. Sie bietet einen hintergründigen Einblick in die Motivation der Pazifisten, Fanatiker, Zyniker, Konservativen und Faschisten im Berlin vor Hitler, inmitten der Weltwirtschaftskrise, in der sich Bankiers erschießen, während sich der Mob vor den Toren der Banken prügeln.

Lutes Journalist Kurt Severing schreibt gegen diesen Wahnsinn an, bemerkt aber am Ende des zweiten Bandes, dass sein Tun sinnlos ist, seine Texte versanden. Seine Profession, sein Einsatz scheint angesichts der tiefgreifenden Umbrüche Berlins und Deutschlands verwirkt. Die Stadt steuert auf den Untergang zu. Den weiteren Werdegang der vielen Protagonisten in BERLIN bis zu Hitlers Machtübernahme wird man erst im dritten Band erfahren. Die ersten zwei Bände sind allerdings so kompakt und reich, dass sich das Warten lohnt.

Jason Lutes
Berlin – Steinerne Stadt. Carlsen Verlag, 2006
Berlin – Bleierne Stadt. Carlsen Verlag, 2008 (Leseprobe)
Originale auf englisch, übersetzt erhältlich bei Carlsen.

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