Banale Katastrophen

Vor einiger Zeit lief in Deutschland Persepolis, eine sehr gute Animationsverfilmung des gleichnamigen Comics der in Paris lebenden Iranerin Marjane Satrapi. Wie ich per Weltempfänger westlich des Rheins hören konnte, erfreute sich dieser in Paris gefeierte Film auch in der Heimat großer Beliebtheit und wurde querbeet in den Feuilletons besprochen. Ich nehme dies zum Anlass um die Herren und Damen Leser und Leserinnen darauf aufmerksam zu machen, dass in Frankreich Comics tief verwurzeltes Kulturgut sind – und bin gerne bereit, hiermit ein Schmankerl aus der französischen Comicszenevorstellen…

combat ordinaire

Als ich vor einem Jahr von meiner Mannheimer Penthouseloft mit Helikopterlandeplatz nach Paris City gezogen bin, und Boot, Ferrari, Karriere und Platinblondine den Rücken gekehrt habe um hier die good ol’e Tellerwäschernummer durchzuziehen , kam dieses Comic gerade recht: Le Combat Ordinaire von Manu Larcenet, erchienen in einer dreiteiligen Serie im Dargaud Verlag.

Marco ist ein talentierter Fotograph Ende 20 der schon müde ist in Sachen Stress, Selbstverwirklichung und Karriere und deshalb eines Tages beschließt erstmal auszusteigen. Er zieht also in ein Häuschen in der Pampa und kündigt nach 12 Jahren seine Sessions beim Psychiater in der Stadt. Auf dem Land will er einen klaren Kopf und vor allem Frieden finden.

Er lebt also mit seiner Katze „Adolf“ in die Tage, unternimmt mit ihr ausgedehnte Spaziergänge in die Natur und zieht eine erste Bilanz aus seinem Leben. Einmal trifft auf einen alten Mann, der ihm im Laufe der Zeit in vielen tiefsinnigen Gesprächen über das Leben frischen Sinn und neuen Mut spendet. Doch Marco wird bitter enttäuscht, als er durch Zufall erfährt, dass sein neuer Philosophenfreund eine dunkle Vergangenheit als Soldat in Algerien zu verantworten hat. Auch hier auf dem Land entkommt Marco nicht den bösen Fallen, die das Leben uns gerne mal stellt.

Marco kämpft mit vielen Ängsten: Er zweifelt an seinen Fähigkeiten als Fotograph und das lähmt ihn, sein Vater ist alt und lebensmüde und das erschreckt ihn, seine Mutter bemuttert ihn aufdringlich weiter – und das nervt ihn. Manchmal wird er von plötzlichen Panikattacken heimgesucht, die ihn körperlich erschöpfen. Marcos Dämonen sind zahlreich, und seine Jugend scheint ihm durch die Hände zu gleiten.

Doch die wirklich guten und wichtigen Dinge in seinem Leben bieten ihm Halt. Sein Bruder „George“ wohnt in Paris samt Freundin und Kind, und mit ihm kann er über alles lachen. Gemeinsam zocken sie gelgentlich Playstation und kiffen und saufen dabei die Nächte durch. Mit Georges Freundin sitzt er am Küchentisch und sie sprechen über das Leben, die Eltern, die Zukunft.

Eines Tages lernt er bei einem Tierarztbesuch (Adolf muss operiert werden) die Tierärztin Émilie kennen und verliebt sich in sie. Im Laufe des dreiteiligen Bandes stehen die beiden vor großen Entscheidungen, denen er sich nur ungern stellt (während sie in Weisheit Geduld übt). Er fühlt sich zu jung, er will sich noch nicht entscheiden, sich binden. Er braucht Zeit.

Es sind immer wieder die Menschen, die ihm zur Seite stehen und dadurch sein Leben mit all seinen „banalen Katastrophen“ erträglich machen. Marcos Geschichte wird sehr ehrlich erzählt, und es schmerzt manchmal sie anzuschauen und zu lesen. Man kennt das was er durchmacht, und man findet seine Art sich durchzuschlagen – mit Humor, Wut, Trauer, Schmerz und Dickköpfigkeit – sympathisch, weil sie eben so menschlich ist.

Manchmal werden Marcos Schmerzen der Leere und Verzweiflung besänftigt, und gelegentlich wird sein Mut belohnt und er findet Frieden. Sein Scheitern nützt er um immer wieder aufzustehen.

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5 Thoughts.

  1. Interesting aricle well written. However, it’s not clear to me in which way Marco has to show courage.

    Discounting the fact that he burnt his bridges and moved to the countryside.

  2. @Joe: I think Marco is showing courage in that he keeps hanging on, and moves on even if things are rough and often complicated. Sometimes it takes him a while to sort things out but he never gives up.

  3. this is a very dear and remarkable article of what I read myself. Thanks for this.It ’s good to have this version of reading. All the best for the meanwhile,

    Chris

  4. Pingback: Berlin – Steinerne, bleierne Stadt | Kennedy Calling

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