That one branch of mankind should rule over another

 von Christopher Knoll

„In the beginning of Time, the great Creator Reason, made the Earth to be a Common Treasury, to preserve Beasts, Birds, Fishes, and Man, the lord that was to govern this Creation; for Man had Domination given to him, over the Beasts, Birds, and Fishes; but not one word was spoken in the beginning, That one branch of mankind should rule over another.“

(Gerrard Winstanley: The True Levellers Standard Advanced: Or, The State of Community Opened, and Presented to the Sons of Men, 1649)

„England is not a free people, till the poor that have no land, have a free allowance to dig and labor the commons…“

(Gerrard Winstanley, 1649)

Vielleicht erstaunt es heute, dass das liberaldemokratische England einer der wenigen Staaten weltweit ist, der keine geschriebene Verfassung sein eigen nennt. Noch erstaunlicher dürfte allerdings sein, dass England das erste europäische Land war, dass eine – durch einen Bügerkrieg und der Kopfkürzung des Königs erkämpfte – kurze republikanische Periode durchmachte, von 1642-1660.

Etwas mehr als 100 Jahre vor der französischen Revolution, auf die nach der Enthauptung des Monarchen der jakobinische Terror einsetzte, genoß England also ein 18-jähriges Interregnum, in dem Oliver Cromwell republikanischer Anführer war. Der Erfolg der republikanischen Parlamentspartei und Armee über die Königstreuen konnte man vor allem der Tatsache zuschreiben, dass ihre Hierarchiestruktur paritätisch angelegt war: Viele der entschlossensten Oppositionellen waren Puritaner, deren fester Glaube es war, dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Ideologisch bedeutete dies im Umkehrschluss, dass auch commons (einfache Bürger) jederzeit eine Heereseinheit befehligen konnten, wenn sie sich dazu als fähig erwiesen. Der Sieg der Republikaner war somit zum großen Teil überhaupt erst ihrem gesellschaftlichen Egalitätsverständnis zu verdanken.
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vorwinterweihnachtsgeschichte

von Christopher Knoll

Mit sechs Jahren nannte sie es das Fischkonzert. Sie schob sich eine Strähne aus dem rechtem Augenwinkel, stampfte mit dem linken Fuß auf, sprang auf dem Hocker, auf dem sie erst einmal einige Zeit stand, während um sie herum Papagei Nelson flatterte, der schon blind war. In der Frühe hatte es Muesli gegeben, da Papa alle Hände voll zu tun hatte, sich vor mir zu verstecken. Mama war schon in die Stadt gefahren, um die Klavierstunden zu geben.

Auf meinem Weg ins Bad verschwand er im Wohnzimmer, angeblich, um Bücher zu suchen. Einer seiner Kollgen hatte Geburtstag. Papa war eher ein Vater als Papa. Als ich sechs war nahm er mich immer mit zum Fischen am Fluß, und ich durfte stundenlang schweigen während die unten schwammen. Ich drehte mich nie um, da ich Angst um sie hatte.

Mama hatte, viel später, Angst vor der Post. Sie bekam sie nachts, vor dem Morgen, als der Bescheid kam, dass Sie an der Klavierschule nicht mehr gebraucht würde.

Zu dieser Zeit fuhr ich oft Fahrrad am Fluß entlang, wo Dr. Wertens mir entgegenlief mit seinem Hund, Vater schon längst weg war und ich im Kinderheim arbeitete, gegenüber der Schule. Dr. Wertens Hund hieß Clio.

Ich kam ihm oft entgegen, in seinen fatalen Jahren.

Man rettet mich, ich steh am Meer. Jedesmal wenn ich den Leuchtturm sehe über den Klippen wird mir schwindelig, aber es fällt leichter aufzugeben, denn die Luft ist salzig und das Meer stürmt frisch. Und ich kann ihm das nicht sagen während ich auf dem Sand kauere, die Kleine neben mir, die sich mit der erhobenen Faust eine Strähne aus dem rechten Auge zu drücken versucht, er, der vor mir steht und in den weiten Sand starrt, ohne ein Zucken in seinen Händen, nur jenes innerliche Zucken, dass mir Angst macht, wenn er sehr nah ist.

Mit Clio am Strand war es anders. Der spürte nichts von seinen Strä hnen, zu bruschig waren sie himmelwärts gebürstet. Wenn der Wind von Westen kam, flattern seine Ohren auf den Photographien nach links. Das heißt, wir sind nordwärts unterwegs.

Als ich aus dem Bad herauskam, hatte er vor, in den Keller zu gehen, wer weiß, was er dort sucht.

Mir war klar, dass dies nicht so ging. Das mit Clio am Strand war besser. Bis Clio weggebracht worden war und ich im Winter allein am Strand lief, mit niemandem oder mir selbst, häufig war es mir selbst und dann liefs manchmal schleppend, aber ich kam klar soweit, meisterliches Gerücht gegen Kai meinerseits in der 11 A, huuh, das ist nicht mal so lange her. Mit Kai zog ich immer die Gummistiefel an, die mein Papa mit zum Fischen genommen hatte. Sie passten mir zu dieser Zeit. Aber ich zog sie auch wegen Kai an, meinetwegen, ich gebs zu. Ich war auf der Promenade mit meinem langen grünen Kleid und dem Marmeladenglas im Arm und schaute in die Fahrrinne der Flussmündung, an der recht nah ein großes Containerschiff vorbeischwamm. Unter dem Kleid hatte ich die Gummistiefel an. Das hab ich mir damals gemerkt, jetzt, da ich im Winter am Strand Richtung Norden laufe, merke ich es wieder und weiß nicht wieso. Mir ist nie kalt bei diesen Läufen, ich laufe schon viel organisierter als früher, und das merke ich auch, wenn ich mich immer weniger umdrehe um rückwärts in die Fußstapfen zu blicken, die ich hinterlasse.

Das mit Kai damals war nichts. Auf dem Geländer noch musste ich mich auf die Fußspitzen stellen, damit ich Kai hätte als das sehen können, was mir ein Containerschiff bringt. Das heißt, ich stand mit dem Rücken zu ihm und auf mich redete er ein, hieb ein bisschen unter meine Gürtellinie, leicht oberhalb der Stiefel. Ich fiel schließlich herunter und landete auf einem linken Knie, das im Schotter blutig wurde, während meine Strähnen, patschnaß von Gischt über meinen Augen und an meinen Wangen kleben, meine obere Lippe zittert leicht über dem geöffneten Mund. Ich muss spucken, es läuft mir im Mund zusammen. Ich beginne, keine klaren Umriße mehr zu sehen, mein Kopf schwankt, Kai im diffusen Licht aus Schiffslampen und Kaistrahlern, ich sehe hier niemanden sonst und es ist Nacht und ein paar Federn einer Möve liegen am Rande des Sockels auf dem das Fernrohr steht durch welches man immer sehen kann.

2.

Heute habe ich öfter ein rotes Kleid über den Gummistiefeln, wenn ich zu Vaters Konzerten gehe.

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Modern Jargon – Heute mit „Transparenz, Transparenz!“

von Christopher Knoll

Mit einer scheinbaren Verzögerung von einigen Dekaden lassen sich einige führende europäische Politikwissenschaftler nunmehr zu der Feststellung hinreißen, dass der Demokratie schwierige Zeiten bevor stünden. Die Welt wird endlich rund, und das ist für Eurozentriker schwer zu begreifen. Diejenigen, die es begreifen oder schon etwas früher als 1989 vorauszuahnen verstanden, warnten vor der im Sinken begriffenen Vormachtstellung europäischer Kulturhoheit. Letzte große philosophische Entwürfe träumten entweder noch etwas verzweifelt von einer utopischen gewaltfreien Kommunikation (wie Habermas) oder überließen sich dem Schicksal der ungewissen Zukunft, im Rückspiegel den scheinbar nicht mehr einholbaren leeren Signifikanten (Dekonstruktion à la Derrida). Man suchte noch nach etwas, das mit dem Restlack europäischem Glanz einstmals großer Ideen bestrichen werden konnte. Alle mir bekannten Entwürfe, wenn ich das einmal so salopp sagen darf, hatten jedoch nichts mit den konkreten politischen Brisanzien der nachsowjetischen Zeit zu tun. In der Umbruchsdekade zog man sich eher narzistisch zurück, beklagte wieder einmal die zunehmende Technisierung der Welt und rettete sich zu Maybritt Illner oder ins Feuilleton.

Dass der britische Politologie Colin Crouch in den 90ern aber ein kleines Büchlein mit dem sprechenden Titel „Postdemocracy“ schrieb, offensichtliche Anspielung auf die Posthistoire, schien nicht vielen bekannt. Kurz formuliert skizziert er darin, wie die europäischen Sozialdemokratien im Zeitalter des Neoliberalismus unterzugehen drohen, und aus welchen Gründen. Mehr oder weniger in einem Nebensatz schießt er sich auch auf einige Begriffe ein, die seiner Meinung nach die Visions- und Hilflosigkeit politischer Akteure ex negativo im besten Sinne des Wortes „kaschieren“ sollen: „Transparenz“, „Kommunikation“, „Nachhaltigkeit“, „soft skills“, etc… Crouch deutet an, dass die Frequenz dieser Wörter im gesellschaftlichen Bereich in keinem Verhältnis zu ihren Bedeutungsmöglichkeiten stehen. Mit anderen Worten: Man schreie gern allerorten nach „Transparenz“ (z.B. in der Bedeutung gewünschter Nachvollziehbarkeit politischer Entscheidungen in Institutionen), vergesse darüber aber gerne, dass der Begriff – um mit Adorno zu sprechen – in einen Gesamtjargon übergeht, der der eigentlich wünschenswerten Forderung praktisch zuwider läuft: Wenn jeder Transparenz fordert, stellt er sich als Rezipient von Entscheidungen dar, auf die er allerdings keinen veritablen Einfluss zu haben scheint. Kurz: Wer nach Transparenz schreit, muss sich selbst nicht die Mühe machen, politisch verantwortungsbewusst zu agieren. „Transparenz“ ist eine Hilfeschrei imaginierter Hilflosigkeit und möglicherweise realem Ohnmachtsgefühl: Die Welt dreht sich schneller als je zuvor, virtuelle Netzwerke ver- und entknüpfen sich, interessiert bzw. betrifft mich eigentlich der Anschlag in Bombay, oder kann ich das ignorieren? Wer steckt dahinter und unter welchen Decken? Ist mein Nachbar Islamist? – Man sieht, die Welt scheint furchtbar intransparent.

Die Forderung nach Transparenz hat eine lange geschichtliche Tradition, sie war ständiger Bestandteil der Kultur- bzw. Zivilisationskritik. Ins Positive gewendet wirkt sie korrigierend: Weg mit den Schleiern des Nichtwissens (Kant), des faulen Zaubers des Theaters (Francis Bacon), der unbotmäßigen Einzäunung und Kaschierung von Privatbesitz (Rousseau).

Im Negativen aber wird sie totalitär: Jeremy Bentham, wohl wichtigster englischer Sozialreformer des 19. Jahrhunderts, entwickelte gleichsam das panoptische Gefängnis, eine Anleitung zur totalen Überwachung, dem kurrenten CCTV auf öffentlichen Plätzen Englands bestes Vorbild. Roland Barthes, französischer Semiotiker des 20. Jahrhunderts, war der Meinung, dass das eindringlichste Anzeichen totalitärer Gesellschaften nicht sei, dass man etwas nicht sagen dürfe, sondern dass man zum Reden gezwungen werde. Im heutigen Überwachungsstaat Deutschland (rein fiktives Beispiel), der nahezu widerstandslos orwellsche Ausmaße anzunehmen beginnt (Versammlungsgesetz, etc…), gälte dann die weitere Prämisse Barthes, dass in totalitären Staaten jedes private Geheimnis als eine zum Schutze der Öffentlichkeit potentiell unabdingbare Information behandelt werde.

 

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David Lodge: Deaf Sentence (a novel)

Nothin‘ but the same old story?

Ein neues Buch von David Lodge im Bücherregal der Universitätsbibliothek – man liest den Einband, und wäre nach dem ersten Satz irritiert, böte sich einem etwas furchtbar Neues. Nun liegt das sicher auch an der Perfidie der Verlagshäuser – sie wissen um ihre Kunden, und bei manchen Autoren wird man wohl auf einen Kundenstamm vertrauen, welcher, sich gemütlich ins Sofa legend, eine Figurenkonstellation goutieren will, die ihm keine sonderlichen Kopfschmerzen bereitet.

Campus novels

David Lodge, so viel sei zurückgeblendet, ließe sich wohl beim deutschen bildungsbürgertümlichen Leser am ehesten mit Dietrich Schwanitz vergleichen. Lodge war, wie Schwanitz, Universitätsprofessor für englische Literatur, mit dem Unterschied, das Lodge noch lebt und eigentlich Schwanitz Vorbild war. In seinen Hochzeiten, den späten 70ern und frühen 80ern, gelangte er mit seinen in geisteswissenschaftlichen Institutionen englischer Universitäten angesiedelten sujets zu einer gewissen Berühmtheit, und wurde spätestens in den 90ern, zumindest in Deutschland, auf gewisse Weise, mit seinem Kollegen Malcolm Bradbury zusammen, kanonisiert: Die beiden galten als die Erfinder des so genannten „campus novel“. Continue reading

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Buchrezension – Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung

Seit Oktober 2004 ist Konrad Paul Liessmann an der Universität Wien Studienprogrammleiter für Philosophie und Bildungswissenschaft. 2006 veröffentlichte er ein schmales Buch mit dem Titel „Theorie der Unbildung“. Im gleichen Jahr wurde zum „Wissenschaftler des Jahres“ vom Club der österreichischen Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten ausgezeichnet. Dieser Auszeichnung wird er wohl mit einem leicht ironischem Lächeln begegnet sein; denn tatsächlich ist er einer derjenigen wenigen, die seit Jahren gegen die Transformation der westlichen „Industriegesellschaften“ zu den sogenannten „Wissensgesellschaften“ polemisieren. Dabei geht es dem Essayisten, Literaturkritiker und Kulturpublizisten Liessmann nicht vorrangig um eine Kritik an der Ökonomie des globalen Kapitalismus, sondern vielmehr um eine Kritik an der damit einhergehenden Ökonomisierung des Wissens. Die „Theorie der Unbildung“ ist, wie gesagt, ein schmales Buch. Aber es ist eine große Polemik:

1. Halb- und Un-bildung Continue reading