An meine Brust, Kreuzberg (II)

Karneval der Kulturen in Berlin. Irgendein Rave in Nordkreuzberg. Es ist heiß, man kann sich nur entspannen und vom Sommertag treiben lassen. Abends weicht die Hitze einer molligen Wärme, in der man sich suhlen möchte. Die jungen Touristen sind glücklich, ein legendäres, endloses Pfingstwochenende, erst gegen 22 Uhr wird es dunkel. Sommer.

Die Riot-Polizisten halten es nicht aus in den stickigen Wannen, sie lungern also vor ihren Kisten herum und rauchen, lassen ihre Muskeln spielen und reden dummes Zeug. Alles was sie an diesem herrlichen Tag fühlen, ist gleichgültige Langeweile, weil im Dienst und mangels Brain. Immerhin darf ihr Zynismus vor der nächsten Random-Verhaftung mal pausieren. Wie wichtig ihnen ihr Aussehen ist. Eitle Pfaue. Immer schön rasiert und Deodorant all over the place, bestimmt ist die Berliner Krawallpolizei zu 100% tatöwiert. Gegenüber vom Späti beobachten zwei unglaublich schlecht getarnte Zivilpolizisten den Rave aus einem blauen Ford Fiesta. Sie trinken seichten McDonalds-Kaffee aus Pappbechern und sehen aus, als wären sie straight aus einem der zahllos verhunzten Tatortskripts.

Aber das ist alles egal. Die Zeit dehnt sich gemütlich, reckt sich, wir fühlen uns wie in der undefinierbaren Mitte endlos langer Sommerferien. Vielleicht liegt hier das Geheimnis Berlins. Der Sommer bringt längst vergessene Kindheitsgefühle zurück, ein Sommerwind mit Glück in der Trompete lässt das Herz ein paar Takte langsamer schlagen und die Hirnwindungen dehnen. Man kann Kinder in den weiten Wiesen des Parks beobachten, wie sie minutenlang eins mit dem Universum sind. Sie stehen da im Gras und halten ein Spielzeug oder einen Grashalm in der Hand und lauschen der Natur und den fernen Technobässen, den Vögeln, der Wind streichelt ihr Haar und ihre warme Haut, und sie sind ganz Teil, vollständig selbstvergessen, little Buddhas. Der Schmerz, den sie noch erfahren werden.

Egal, Biere schleifen die Wahrnehmung dumpf. Lesben schlendern Arm in Arm über den Parkweg. Alte Romafrauen sammeln gemütlich Flaschen. Ein Obdachloser bettelt aus bequemer Rückenlage fläzend. Im Turm der St. Thomas-Kirche läutet die Glocke blechern zur vollen Stunde, als würde ein müder Mensch lustlos ein bisschen darauf herumdengeln.

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