An meine Brust, Kreuzberg (I)

Wir geben das Auto ab. Zu teuer und es steht nur rum. Gelegentlich machte die Batterie im Winter schlapp. Im Frühsommer war der Wagen von Lindenblüten zugeklebt. Ganzjährig erstarrte er im Dreck, weil nicht geliebt. Maxime mag Autofahren nicht. Und nicht zuletzt ersparen wir uns mit der Abgabe auch die aggressiven Berliner Autofahrer, die ihren täglich Frust so gern aufs Berliner Pflaster kotzen.  C.s Eltern fahren das Auto wieder nach Frankreich.

Aber zu zuvor gehe ich noch ein letztes Mal Reifen wechseln lassen, das geht für einen Zwanni direkt in der türkischen KFZ-Werkstatt zwei Blöcke weiter. Der Meister dort ist ein sympathischer Typ, der alles pi mal Daumen macht, relaxed an seine Jungs die Aufgaben delegiert und dabei immer auch selbst am Werkeln ist.

Während einer seiner Azubis die Reifen des Karrens wechselt, stehe ich ein wenig deplatziert und gelangweilt im ruhigen Hof herum bis der Meister sagt, setz‘ dich doch mal. Er macht gerade Pause und isst seinen Döner auf einem der Plastikstühle an einem Plastiktisch vor der Garage. Ich sage ihm, dass ich den ganzen Tag auf einem Bürostuhl welke und dass das gelegentliches Herumstehen also eine gute Sache sei. Ich könnte das nicht, sagt er, ich muss immer herumlaufen und Sachen machen, sonst werde ich verrückt. Die Stunde Rechnungen checken abends vor dem Computer mag er am wenigsten an seinem Job.

Ich schaue auf das Hinterhaus vor uns, das von der Durchfahrt auf die Straße getunnelt wird. Von vorne sehen die Kreuzberger Altbauten bourgois-geschnörkelt aus, von hinten einfach und grau. Spitzengardienen an den Fenstern. Eine türkische Frau arbeitet in der Küche.

Wie lange er arbeitet jeden Tag? Um neun mache ich die Werkstatt auf, vor acht Uhr  schließe ich abends selten zu. Früher auch samstags, heute aber keine Lust mehr so viel zu schuften. Er liebt seinen Job. Aber man muss das wirklich von Anfang an mögen, sagt er, es muss einem liegen, dann ist es der beste Beruf. Ich sage dazu nichts, weil ich meinen nicht liebe und das aber auch nicht ausbreiten muss.

Es war wohl vorerst der letzte Werkstattbesuch. Es ist ein Ort im Kreuzberger Kaleidoskop, den ich schätze. Mit gutgelaunten türkischen Mechanikern, die ihre Arbeit gern machen und auch mal mit den Kunden quatschen.

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