Amoklauf und Journalismus

 Eine Medienkritik von Sebastian Martin

Es ist wieder passiert. Wieder hat ein ehemaliger Schüler an einer deutschen Schule ein Blutbad angerichtet. Die Motive und Beweggründe des Amokläufers von Winnenden sind dieselben, die schon bei den Vorfällen in Erfurt und Emsdetten zu Tage kamen. Der Täter war depressiv, fühlte sich vereinsamt und forderte mehr Aufmerksamkeit für seine Person. Er war Einzelgänger- so wie viele es sind, die trotzdem nicht zu Gewalt neigen und schon gar nicht zum Amoklauf. Die meisten lernen, damit umzugehen und akzeptieren, dass sie mit ihren Defiziten leben müssen- andere resignieren und denken an Suizid, daran, dem eignen Leben ein Ende zu setzen, ohne dass den Mitmenschen physisches Leid zugefügt würde. Sie gehen im Stillen.

Nun scheint es allerdings so, als ob sich Autoaggressivität immer stärker in Richtung Gewalt gegenüber Dritten verlagert. Es geht nicht mehr nur darum, einfach zu verschwinden und sich ohne sichtbare Spuren aus der Gesellschaft zu verabschieden, sondern vielmehr darum, vor möglichst großem Publikum abzutreten. Die Täter wollen dabei nicht mehr nur auf lokaler Ebene für Aufmerksamkeit sorgen, sondern vielmehr ihre Person in das Bewusstsein einer möglichst großen Anzahl von Menschen rufen. Der Täter von Emsdetten hatte bezeichnender Weise seine Videobotschaft auf Englisch gesprochen, damit ihn auch ein internationales Publikun verstehen würde. Es kann demnach eine neue Aufmerksamkeitsdimension festgestellt werden, die keine räumliche Begrenzung mehr kennt.

Die Sensationslust der Medien, wie auch die der Rezipienten, kommt den Tätern entgegen. Sie können sich sicher sein, dass ihnen durch ihre Tat ein Maximum an Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, selbst wenn diese negativ belegt ist: Man ist im Gespräch und die Welt dreht sich für einen kurzen Moment um die eigene Person. Die Zeitungen drucken das Gesicht des Täters, Kamerateams filmen das Elternhaus, Nachbarn werden interviewt- es wird zu ergründen versucht, was den Jungen in Winnenden dazu bewegt hat, zu töten. Der öffentliche Diskurs beginnt und selbst die Kassiererin an der Kasse im Supermarkt weiß näheres über die Hintergründe zu berichten, wenn sie mit einzelnen Kunden auf die Tat zu sprechen kommt. Andere haben das Bild des Täters ständig vor ihrem inneren Auge und glauben, an jedem ähnlich aussehenden Jungen die blutige Fratze des Hasses zu erkennen.

Der Täter hat also erreicht, was er wollte: Er wird von allen beachtet. Indem die Medien sich immer stärker in Richtung Sensationsjournalimus bewegen, verstärkt sich diese Zielsicherheit. Würden die Medien sich wieder mehr auf eine sachlich, anonymisierte Berichterstattung stützen, weg von emotionalen und personifizierten Reportagen, würde diese Form der Anomalie weniger attraktiv erscheinen, als sie sich gegenwärtig für Verzweifelte darstellt. Eine Berichterstattung, die lediglich die Fakten zu Tage bringt, ohne dass dabei auf das persönliche Profil des Täters eingegangen wird, würde genügen, um trotzdem ein Bewusstsein in der Bevölkerung über den Schrecken der Tat zu schaffen. Es wäre ausreichend zu sagen, dass es einen Amoklauf in Winnenden gab, dass dabei 16 Menschen (inklusive Täter) getötet wurden, dass der Täter leichten Zugang zu Waffen hatte, dass der Junge ein Einzelgänger war und aus dem Mittelschichtmilieu stammt. Natürlich ist es wichtig, den Hinterbliebenen der Opfer Solidarität entgegen zu bringen, dies soll auch durch ausreichend Raum in der Berichterstattung gezeigt werden. Es ist dabei aber unnötig, und sogar fahrlässig, dass Täter namentlich und mit Bild in der Öffentlichkeit beleuchtet werden. Es ist richtig, über alle vergleichbaren Taten zu sprechen, die stattgefunden haben. Es ist allerdings falsch, die Hintergründe der einzelnen Tat im öffentlichen Diskurs aufdecken zu wollen. Die Gesellschaft wird dadurch solche anomen Verhaltensweisen seiner Mitglieder nicht ändern können, dazu sind nur entsprechende Experten in der Lage. Es ist sicherlich sinnvoll, dann über die Möglichkeiten der Verhinderung dieser Taten zu sprechen, jedoch hilft es nicht weiter, sich auf den Einzeltäter in sensationeller Art zu stürzen. Im Endeffekt ist damit niemandem gedient- außer dem Täter und seinen Nachahmern.

Verschwindet die personifizierte Berichterstattung ganz,  führt das zu einer Attraktivitätsminderung für potentielle Nachahmungstäter. Die Tat selbst wird dann zwar von der Gesellschaft wahrgenommen, behandelt und verurteilt, allerdings verbindet sie die schreckliche Handlung nicht mehr mit dem Gesicht des Täters. Damit bricht ein wichtiges Ziel dieser Tätergruppe weg: die eigene Person, das eigene Bild in der Öffentlichkeit zu wissen. Dass die mediale Aufmerksamkeit dabei nicht als die zentral auslösende Variable im Täterprofil eines hochkranken und psychisch zerstörten Menschen steht, ist außer Frage. Allerdings muss sie stärker beachtet werden als bisher, denn die auffallend enge Kopplung von psychischer Problemdiagnose, das ist das Aufmerksamkeitsdefizit, und der Intensität medialer Berichterstattung, das ist die Möglichkeit des Aufmerksamkeitszuwachses, scheint nicht nur zufällig gegeben. Entzieht man diesem Zusammenhang den Nährboden, indem die Art des Journalismus grundlegend verändert wird, dann bleibt den potentiellen Tätern nicht mehr viel. Dann wird auch möglichen Nachahmern vor Augen geführt, dass die Gesellschaft sich nicht für das Einzelschicksal des Täters interessiert. Es können sich somit keine Märtyrer mehr aufbauen, wie im Fall der Amokläufer von Littleton geschehen, denn über die Täter wäre in einer anonymisierten Berichterstattung nichts mehr bekannt.

Dass die Veränderung der medialen Berichterstattung schwierig ist, liegt auf der Hand. Um hier etwas in Bewegung zu setzen, muss man allerdings feststellen, dass die Medien nicht alleine in die Pflicht zu nehmen sind. Der Konsument ist in erster Linie gefordert, seine überflüssige Neugierde zu zügeln, denn die Medien liefern lediglich das, was der Rezipient haben will. Der profitorientierte Nachrichtenmarkt ist nicht mehr in der Lage, sich alleine zu regulieren, denn wird nicht gesendet oder gedruckt, was der Kunde vom Produzenten wünscht, geht der Marktanteil schnell in den Keller. Die Übergänge von der reinen Information hin zum Entertainment sind dadurch inzwischen fließend. Es fehlt dabei einzelnen Medienmachern an Unabhängigkeit, Mut aber vor allem Bescheidenheit, sich gegen den Strom zu bewegen, um wieder zurück zum faktenorientierten Journalismus zu gelangen. Solange der Profit jedoch an erster Stelle steht, wird sich hier nur sehr wenig tun. Die Vorgänge in der Gesellschaft, die nicht zuletzt auch durch die Medien beeinflusst werden, zeigen jedoch, dass es höchste Zeit ist, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen: reine Information zu bieten- nicht mehr und nicht weniger.

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8 Thoughts.

  1. Eine Kritik an der Medienkritik

    Wer glaubt, mit derart naiven, unfundierten und unsensiblen Sätzen der Medienkultur die Leviten lesen zu müssen zeigt nur, dass er weder Medien, Gesellschaftsentwicklung noch die Not von seelisch leidenden Menschen begriffen hat. Und die Lösung soll dann geschwind heissen, den vermeintlichen „Nachahmern vor Augen zu führen“, die Gesellschaft interessiert sich nicht für deren Einzelschicksale? Ist es nicht eher genau diese gesellschaftliche Gleichgültigkeit, die die Täter in ihren Beweggründen bestärkt?

  2. Genau die Reaktion ist eingetreten, die mit diesem provokanten Text ausgelöst werden sollte: Empörung und Missbilligung über das naive, unsensible und unfundierte Geschriebene- der Text scheint unmoralisch. Absolut. Dabei ist er von seiner Intention her höchst moralisch. Es geht darum, zu zeigen, was durch die Boulevardberichterstattung bei Angehörigen der Opfer ausgelöst wird, denn: ist es sensibel und fundiert, den Amokläufer in voller Montur darzustellen? Dadurch wird noch viel weniger dem Menschen geholfen, der allein durch seine persönliche Geschichte zum Täter wurde. Er wird zum Monster gemacht. Die Gesellschaft interessiert sich trotz medialer Aufbereitung nicht für das Einzelschicksal solcher Menschen. Im Gegenteil.

  3. Die „einzelnen Medienmacher“ wäre eine schöne Formel, entspricht aber leider nicht mehr der Wahrheit, wie wir alle wissen: Großkonzerne vertreiben sozusagen gleichzeitig „Bild“ und „Freitag“; Alfred Neven-Dumont hat nun die Frankfurter Rundschau gerettet und die Berliner Zeitung; Ergebnis ist: beide sehen strukturell gleich aus und er darf in beiden großflächig seinen neuen Roman bewerben.
    Abgesehen davon:
    1. Natürlich sollten „die Medien“ zurück zu einer faktiziden Berichterstattung.Man könnte auch mal folgendes sehen:
    2. Zum Beispiel des Amoklaufs: Ich weiß nicht recht, aber: in den Pariser Banlieues brennen seit Jahren latent die Autos (und die Regierung weiß, dass Bandenkriege auch etwas sehr schönes an sich haben: Sie dämpfen den Gewaltradius);
    2. über die letzten Jahre hinweg rennen einzelne Täter in Schulen , stammen aus der emotional vereinsamten und verwahrlosten unteren Mittelschicht. (In Halle a.d.Saale ist die Geburtenrate der unter 18-Jährigen so hoch wie nirgends in Deutschland; die Arbeitslosigkeit ergo: bei 22%; Mecklenburg ähnlich)
    3. In Schottland reagieren die Ölarbeiter in der Finanzkrise mit „our jobs first“ Parolen, was macht man mit den ganzen „Ostlern“?
    4.Es gibt ca. 50 Kaffeeflavours, aber immer noch kein einheitliches, integratives Schulsystem (Ganztagsschule; Sozialarbeiter drinnen, etc…)
    5. etc…
    Fazit: Obschon das obige schnell hingerotzte Kommentare meinerseits sind, ich möchte im Zusammenhang mit Amokläufen v.a. nur auf eines aufmerksam machen: Es sind dies keine „Anomalien“ mehr, sondern das wird sich häufen.

  4. Schwierig,

    habe mal im Zug spät abends einen Jungen (ca. 20 Jahre alt) getroffen, der mir seine Geschichte erzählt hat.
    Er ist mit seinem Computer (ein extrem aufgerüstetes Ding- kein Laptop) zu seinem Ausbildungsplatz gefahren. Hat erzählt, dass er halbprofessioneller „Ballerspiele-Spieler“ ist (und auch davon leben könnte, wenn er es darauf anlegte) und sich darüber ausgekotzt, dass die Regierung gesetzlich mit Ballerspielen nun wieder weitere Einschränkungen plant- ich glaube, das war zeitlich kurz nach dem Amoklauf in Erfurt.
    Er erzählte, wie er in der Schule gehänselt, geprügelt und verletzend behandelt wurde. Auch sagte er, dass er den Amokläufer verstehen könne. Das Problem sei, dass man mit diesen Problemen als junger Mensch allein gelassen werde (im Elternhaus hat er kein offenes Ohr gefunden).
    Es ist eine Weile her, ich weiß nicht mehr so viel. An was ich mich jedenfalls gut erinnere ist, dass dieser Junge unglaublich offen war, mir viel Persönliches erzählt hat, obwohl wir uns nicht kannten,
    -und frustriert.

    An der Wurzel (Kindheit, Jugend, Schule, Umgebung, Elternhaus…) muss angefangen werden, das glaube ich, auch mit der Diskussion. Was alles dazu führt, dass es schwieriger wird an der Wurzel zu beginnen und wo das herkommt…?

  5. Ich denke, es spielen viele verschiedene Komponente eine Rolle…sowohl die grundlegende Erziehung und Sozialisation in der Kindheit, als auch die so genannten „Ballerspiele“ (es wurde nachgewiesen, dass unser Gehirn und damit unsere Emotionen auf fiktionale Welten genauso reagieren wie auf reale und es somit auch zu einer Vermischung der fiktionalen und realen Welten kommen kann, d.h. ich kann das Schießen auf Menschen „ganz real“ am PC „üben“ und erlebe die selben Emotionen wie in der Realität, kann mich also durch die „Ballerspiele“ ausgezeichnet auf einen Amoklauf „vorbereiten“)…
    es sollte daher auch an verschiedenen Faktoren angesetzt werden…die Medien sind ein Aspekt unter vielen…aber sicher kein unwichtiger!
    Und dass solche „Anomalien“ sich in verschiedenartigen Ausprägungen häufen, ist ja kein Grund, sich keine Gegenstrategien zu überlegen…

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