Am meine Brust, Kreuzberg (III)

Bei der Hitze schläft der Kleine nicht lang, außerdem hat er wohl Zahnschmerzen, die Eckzähne kommen. Bevor die Kita öffnet, spazieren wir also noch ein wenig im Kreuzbergischen herum. Am Kanal sind um die Uhrzeit nur Jogger und Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern unterwegs. Beide Parteien nerven. Die Jogger nerven, weil sie trotz dieser peinigenden Frühhitze jetzt schon so übermotiviert rumsporten müssen. Dieser stählerne Selbstoptimierungstrimm irritiert mich. Außerdem wollen sie bei ihrer Quälerei auch noch gut aussehen. Die Hundebesitzer nerven, weil sie ständig gestresst und völlig aus dem Häuschen ihren Hunden nachkeuchen müssen, damit die keinen Scheiß bauen/kauen – und auch sie wollen dabei noch gut aussehen (die Hundebesitzer, nicht die Hunde). Die Köter ihrerseits nerven mit ihrer überbordenden Lebensfreude und dem Hyper-Rumgewusel, außerdem sind sie im Weg und ich muss mit dem Kinderwagen irgendwelche Ausweichmanöver fahren. Aber gut, das ist jetzt einfach noch die Müdigkeit, die das Gemütchen lenkt. Maxime mag ja Kläffer und quietscht vor lauter Aufregung und zeigt mit dem Zeigefinger auf die Hunde: „Da, da, da!“

Im Schlesischen Busch weicht im kühlen Schatten meine Gereizheit der guten alten Kreuzberger-Schlendrian-Gelassenheit. Maxime ist eingeschlafen, die Morgenluft ist frisch, ich habe eine Menge Zeit, um über die ewig lange Wrangelstraße Richtung Kita zu schleichen. Ein ganzes Kapitel Leben vor der Arbeit.

Kreuzberg s’éveille: Die Kinder strömen in die Schulen, Männer trinken in verschiedenen Altersvariationen Tee vor ihren Spätis und rauchen mit zugekniffenen Augen Zigaretten. Ein Urgestein-Alki mit Scorpions-Gedächtnis-Lederkäppi stolpert eine Weile grummelnd vor mir her und trifft an der Kreuzung einen Kumpel, sie unterhalten sich frei gestikulierend über den Abend gestern und die dabei gekillten Biere. Handwerker klingeln an Haustüren, türkische Händler bauen ihre Waren auf, Lieferanten bringen frisches Gemüse. An der nächsten Kreuzung vor Kaisers noch mehr Urgesteine, mit verwitternden Gesichtern rollen sie billigen Tabak. Türkische Mütter schieben Kinderwägen auf dem Gehweg und werden von deutschen Vätern auf Fahrrädern samt Kindersitzen umkurvt.

Im ruhigen Nordwestkiez  sitzt vor der Kirche ein Mann auf der Steintreppe und schaut versonnen in den wild wuchernden Park. Am Bethaniendamm schlafen die autonom lebenden Kreuzberger den Schlaf der Freiheit in ihren alten Camper-Lastwagen.

Maxime lächelt beim Aufwachen in der Kita. Sein Erzieher lächelt, ich lächele – glaube ich. Bonne journée.

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