Against all odds

Wenn man Kunst macht, dann stellt sich irgendwann die Frage, was man damit eigentlich erreichen will. Sollen möglicht viele Leute das Buch lesen oder die Platte kaufen? Will man Geld verdienen? Reich und berühmt werden? Oder geht es darum, etwas auszudrücken und dafür anerkannt zu werden. Etwas zu schöpfen, das bleibt?

Gerd Grauer gründete 2005 die Band Präsident. Vorab hatte er einige Songs geschrieben und viele gute Ideen harrten in seinem Kopf. Der Start lief gut. Gerd und seine Band aus Freunden, die mit ihm studiert hatten, waren motiviert, probten, spielten. Präsident hatte eine schöne Webseite, ein lustiges Video, eine schickes MySpace-Profil. Die Band ging auf eine Mini-Tour, die Gigs kamen beim Publikum gut an. Es war ein solides Projekt.

Nach einigen Jahren lief es dann aber nicht mehr. Die Luft war raus. Es wurde schwieriger mit der Band zu proben, denn die Profimusiker hatten nicht immer alle Zeit, der Gitarrist wohnte in Hamburg. Es war schwierig, einigermaßen regelmäßig live aufzutreten in Berlin – wo sich Bands und DJs ja auf den Füßen herumtreten. Und dann noch das Social-Media-Dasein, das man immerzu füttern muss, um den Anschein zu erwecken, man bleibe in Bewegung.

Nun, aus Anspruch wurden Druck und Stress, und übrig blieb nur der Frust. Wie sollte es weitergehen? Was war das Ziel? Irgendwann war das alles nicht mehr klar. Gerd hatte wohl nur noch ein Präsident = Vakuum im Kopf. Ein Vakuum, dass keinen Spaß mehr machte. Er stellte die Proben erstmal ein. Die Webseite und MySpace legte er auf Eis. Präsident machte erstmal Pause.

Frühling 2010. Die Lust Musik zu machen ist zurück. In seiner Wohnung im Friedrichshain sichtet Gerd sorgfältig die alten Aufnahmen: Er überspielt ausgesuchte Spuren, Sound-Schnipsel und Samples auf eine Bandmaschine. Und er schreibt neue Songs. Über Bekannte bekommt er die Möglichkeit, einen Tag lang im Teldex-Studio in Steglitz Schlagzeug- und Bassspur für einen neuen Song aufzunehmen.

Der Session findet an einem heißen Sommertag statt. Im Teldex zu Steglitz ist es kühl. Der Producer, der Soundassistent und Gerd arbeiten den ganzen Tag lang konzentriert an einem Song. Gerd spielt Schlagwerk und Gitarre ein. Der Regieraum und Aufnahmesaal sind riesig, das Equipment state of the art, die Mikrofon-Ausstattung legendär. Früher war hier Telefunken drin, hier haben von Klassik bis Pop und Film viele „Größen“ aufgenommen: Placido Domingo, Giora Feidman, Nina Hagen, Reinhard Mey, Tokyo Hotel…you name it. Die Atmosphäre aus angenehm konzentriertem Profi-Handwerk trennt das kühle Studio von der flimmernden Hitze draußen vor den großen, schweren Vorhängen. Die Jungs arbeiten, die Stimmung ist gut.

Das Ergebnis – zwei Arbeistskizzen des Songs aus der Teldex-Session:

MUSS DOCH MAL REICHEN LAYOUT

MUSS DOCH MAL REICHEN ROUGH MIX

Und das Ziel? Ein Album. Es wird eine Collage aus Aufnahmen werden, die zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten eingespielt wurden. Einige Gitarren stammen aus Hamburg, weitere Spuren wurden in anderen Berliner Studios aufgenommen. Bass und Gesang nimmt Gerd zusätzlich neu zuhause auf. Der Entstehungsprozess schreitet nur langsam voran. Aber das ist egal, es ist gut so. Wann die Platte fertig wird – ob 2012 oder 2022 – spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass dann alles genau so klingt, wie Gerd sich das vorstellt.

Es ist eine Produktion in Eigenregie. Der Singer/Songwriter ist von niemandem abhängig. Die Platte entsteht aus der Liebe zur Musik, aus der Begeisterung handwerklich sauber zu produzieren. Das Album will er dann auf Vinyl pressen lassen, zusätzlich sollen CDs produziert werden. Darauf wird gespart. Vielleicht tritt die Band irgendwann wieder live auf. Spätestens dann wäre Präsident zurück.

Let’s face it: berühmt wird man so nicht. Aber das ist nicht wichtig. Gerds Musik hat jetzt Zeit, sich zu entwickeln, ohne den Druck, der so vieles kaputt machen kann. Die Erwartungshaltung, mit der man letztlich vielleicht das verfälscht, was man eigentlich ausdrücken will, ist nicht mehr da. Es ist ein Weg von vielen. Aber einer der für Gerd funktioniert.


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