„Emerson musste mit seinen Ideen nie bis zum nächsten Radiohead-Album warten“

Sehr interessanter Artikel und zweiteiliges Interview in der neuen Spex mit Mark Greif über die New Yorker Zeitschrift n+1, Hipsters und die Occupy-Bewegung. Text und Interview stammen von Oskar Piegsa, der mir aus der Ferne bekannt ist, da wir seinerzeit gemeinsam für das Netzmagazin Zuender (R.I.P.) schrieben (Ich glaube, er war dort auch kurzzeitig Redakteur).

Oskar schreibt schon länger regelmäßig für die Spex – und seine Artikel und Rezensionen sind eigentlich fast immer interessant. Oskars Spex-Beitrag zu Mark Greif, dem Mitbegründer von n+1 wird mit der Feststellung eingeleitet, Greif habe den Ruf „…einer der schärfsten Denker seiner Generation zu sein und kulturelle Alltagsphänomene aus kritischer Distanz auf den Punkt zu bringen – sei es Reality-Fernsehen, Rap, Online-Pornographie oder der Moment, da die Protestbewegung Occupy der Wall Street ihr Credo ‚We Are the 99 percent entgegenrief…’“

Mark Greif und n+1 setzen also auf Distanz und Reflektion. Ich lese diese Art von Essays über popkulturelle Phänomene ja sehr gerne – inzwischen viel lieber als Romane, Interviews oder Artikel in Tageszeitungen. Einfluss auf diese Leseverhalten hatten sicherlich einzelne popkulturelle Seminare im Rahmen meines BA-Anglistik-Studiums sowie Essays von Autoren wie z. B. David Foster Wallace, an den ich gleich denken musste, als ich Oskars Text über Greif und n+1 las. Aber da wir ja jeden Tag so zugeballert werden mit Newskram und Werbung, ist mir ist ein klarer, zugänglicher, kritischer Text sowieso sehr viel lieber als z. B. tagesaktuelle Rezensionen, die der Medienbetrieb über neue Publikationen und Werke etc. im Chor pflicht-betextet und mit platten Bildergalerien garniert. Greif dazu im Spex-Interview: „Nietzsche schrieb keine Buchkritiken! Und Emerson musste mit seinen Ideen nie bis zum nächsten Radiohead-Album warten.“

Dass die Vorliebe für analytisches Schreiben nicht elitär sein muss (auch wenn die Redakteure von n +1 wohl alles Ivy-League-Absolventen sind), beschreibt Oskar Piegsa am spannenden Schluss seines Artikels: „Der Vorwurf des Elitismus hingegen liegt falsch. Oder ist es elitär, als Autor seine Leser am Beobachtungs- und Denkprozess teilhaben zu lassen, ihnen zuzutrauen, vierzigseitige Essays ganz ohne bunte Bebilderung zu bewältigen und aus der Analyse von scheinbar Trivialem wie Tanzvideos und Internetpornos Einsichten über die Gesellschaft zu gewinnen, die sie hervorbrachte? Darin liegt vielmehr ein demokratisches und emanzipatives Moment.

Sehe ich auch so. Und ich freue mich also über neuen Stoff: Das n+1 Digi-Abo für ein Jahr ist abgeschlossen.

Die Spex, als reflektierte Zeitschrift, freut sich im Editorial der Ausgabe (#336 / Januar, Februar 2012) übrigens auch mal über Brennpunkt-News: Knapp vor Redaktionsschluss konnte Oskar wohl gerade noch das zweite Interview per Telefon mit Greif führen. Kurz zuvor waren ein Redakteur und diverse Autoren während Occupy Wallstreet von der Polizei festgenommen wurden..Hip intellectuals meet Polizeigewalt!

Weiterlesen?
Von Hipstern und Intellektuellen, Mark Greif / n+1, Oskar Piegsa, Spex #336, S. 86
Spex-Editorial zur Ausgabe #336
Marc Greif, Bluescreen. Essays, Deutsch, 231 Seiten, Edition Surkamp
Website von n+1
Blog von Oskar Piegsa: http://achtmilliarden.wordpress.com/

Update: Spex organisiert Lesetour mit Mark Greif

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